Evaluation : Das ungeliebte Ranking

Mit einem eigenen Forschungsrating wollte der Wissenschaftsrat neue Maßstäbe bei der Bewertung von Forschung setzen. Doch jetzt droht dem Vorhaben ein Rückschlag.

Tilmann Warnecke

Viel differenzierter sollten die Urteile sein als bei herkömmlichen Ranglisten, die zwar oft großen Unterhaltungswert haben, an deren Seriosität es aber immer wieder Zweifel gibt. Jede Disziplin wollte der Wissenschaftsrat nach unterschiedlichen Kriterien evaluieren. Wissenschaftler sollten dabei die Maßstäbe für ihre Bereiche selbst ausarbeiten. Für die Chemie und die Soziologie wurden bereits Ergebnisse präsentiert. Doch jetzt droht dem Vorhaben ein Rückschlag. Die Historiker, deren Disziplin als Nächstes ausgewertet werden sollte, drohen das Verfahren zu boykottieren. „Den Geschichtswissenschaften ist nicht klar, wozu dieses Rating durchgeführt wird“, sagte Werner Plumpe, der Vorsitzende des Historikerverbandes, jetzt bei einer Diskussion in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Die Historiker bezweifeln, dass der Aufwand des Forschungsratings den Ertrag lohne, sagte Plumpe. „Die Resultate sind, gemessen an der Realität des Faches, unterkomplex, vermitteln aber der Politik ein Gefühl des Informiertseins durch die Wissenschaft selbst“, schrieb er im April in einer Stellungnahme. Er frage sich, wann die Wissenschaftler angesichts der durch das Rating und durch andere Evaluationen gebundenen Kapazitäten exzellent forschen und lehren sollten.

In der Zunft sei ohnehin bekannt, wer brillant sei - sagen die Historiker

Der Verband entscheidet im Juli, ob er sich an dem Rating beteiligt. Bisher seien die Rückmeldungen der Kollegen überwiegend negativ, sagte Plumpe. Würden sich die Historiker verweigern, hätte der Wissenschaftsrat ein ernsthaftes Problem: Da die Fachkollegen eine maßgebliche Rolle spielen – etwa, indem sie Monografien lesen und bewerten –, ist man auf eine Zusammenarbeit angewiesen.

Der Wissenschaftsrat hatte die Geschichte bewusst ausgewählt: An einem großen Fach wollte man zeigen, dass man auch in den Geisteswissenschaften ein gutes Forschungsrating aufstellen kann. Denn aus den Geisteswissenschaften ist immer wieder die Klage zu hören, mit den gängigen Kriterien seien ihre Disziplinen kaum zu evaluieren. Die Einwerbung von Drittmitteln etwa sage wenig darüber aus, wie gut die Monografien sind, die ein Wissenschaftler schreibt. Vor diesem Hintergrund könne er die Haltung der Geschichtswissenschaften nicht nachvollziehen, sagte Jürgen Gerhards, Soziologe an der FU, der das Forschungsrating für sein Fach mit konzipiert hat. Politik und Unileitungen würden längst auf der Grundlage von Evaluationen Geld verteilen. Das Rating des Wissenschaftsrats sei da ein großer Fortschritt, weil ein Fach „selbstbestimmt über sich urteilen kann“.

Aus Reihen der Historiker wird argumentiert, das Rating sei auch deshalb überflüssig, weil in der Zunft bekannt sei, wer brillant ist. Auch der Öffentlichkeit sei bewusst, welche Historiker gute Arbeit leisten, sagte Plumpe – die Besten würden häufig in den großen Zeitungen publizieren. Stefan Hornbostel vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung widersprach: „In der Wissenschaft ist die idyllische Überschaubarkeit der fünfziger Jahre längst vorbei. Das System der Reputationszuweisung funktioniert nicht mehr.“ Reinhard Hüttl vom Wissenschaftsrat sagte, oft träfen Unileitungen falsche Entscheidungen, „weil sie durch schlechte Rankings falsch informiert sind“.

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