Evolution : Darwins revolutionäres Weltbild

Das Prinzip Veränderung: Charles Darwins dynamische Auffassung von der Natur löste Alexander von Humboldts wohlgeordnetes Weltbild ab

Matthias Glaubrecht
Darwin_Humboldt Foto: AKG
Die andere Vermessung der Welt: Charles Darwin (links) hielt den deutschen Naturforscher Alexander von Humboldt für "geschwätzig"....Foto: AKG

Es sei ein Jahr ohne jene herausragenden Entdeckungen vergangen, die eine Forschungsdisziplin unmittelbar revolutionieren, so wird der Zoologe Thomas Bell im Jahresrückblick für das Jahr 1858 bemerken – und sich mit dieser Einschätzung selbst zum ersten Ignoranten des Darwin’schen Jahrhunderts stempeln. Bell ist zu diesem Zeitpunkt Präsident der Linnean Society, einer Gesellschaft von Naturforschern. In den Räumen dieser ehrenwerten Vereinigung am Piccadilly in London hatten sich am Abend des 1. Juli 1858 etwa 30 Mitglieder versammelt, als die Beiträge der beiden britischen Naturforscher Charles Robert Darwin und Alfred Russel Wallace verlesen wurden. Darin beschrieben diese erstmals die natürliche Auslese als treibende Kraft der Evolution.

„Die gesamte Natur liegt im Krieg“, verkündete Darwin gleich im ersten Satz, „ein Organismus kämpft mit dem anderen oder mit den äußeren Naturbedingungen.“ Dann erhob er die ungeheuerliche Behauptung, nicht ein liebender Gott, sondern eben jener Kampf aller gegen alle walte in der Natur. Dieses ständige Ringen ums Überleben („struggle for existence“, meist als „Kampf ums Dasein“ übersetzt) sei auch die Ursache für die Entstehung neuer Arten.

Ähnlich wie bei der Wahl des Züchters herrsche auch in der Natur eine Auslese; dank der natürlichen Zuchtwahl seien es kleinste Unterschiede, die darüber bestimmten, wer überleben wird und wer untergeht. Dank sich ständig verändernder natürlicher Bedingungen hätten stets jene Variationen die größte Chance zu überleben, die am besten an die jeweils vorherrschenden Bedingungen angepasst seien. Die Auslese sorge auch dafür, dass immer wieder neue Arten entstünden. So lösten sich Arten allmählich ab, ähnlich wie ein Baum wächst und oben neues Grün entwickelt, während unten tote Äste bleiben.

Auch für Alfred Russel Wallace wurde jener „Kampf ums Dasein“ in der Natur zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen; auch er verwendete bereits damals diesen zu dieser Zeit in England durchaus üblichen Begriff, der also keineswegs – wie heute oft unterstellt – Darwins Erfindung war.

Später sollte sich Darwin von dem britischen Philo sophen und Soziologen Herbert Spencer die Formulierung „survival of the fittest“ ausleihen (die dieser 1864 in seinem Buch „Principles of Biology“ prägte). Leider wird Darwins Theorie heute allzu oft und irrigerweise auf diese beiden Formulierungen reduziert. Obgleich er stets betonte, dass er diese Begriffe im weiten und metaphorischen Sinne gebrauchte, der weit über den buchstäblichen Kampf um Nahrung, Fortpflanzungspartner und Leben hinausgeht. Bis heute ist der Sozialdarwinismus – der korrekterweise als „Sozialspencerismus“ bezeichnet werden sollte und der versucht, soziale Ungerechtigkeit als naturgegeben zu rechtfertigen – ein beliebter Tummelplatz der Weltanschauungen.

Wie Darwin war auch Wallace überzeugt, dass stets die Umwelt – sei es Klima, Nahrung oder Feinde – für eine Auswahl sorgt. Denn obgleich jede Art eine überreiche Nachkommenschaft produziert, liefert die Natur selbst jene Kontrolle, die die am schlechtesten angepassten Lebewesen auslöscht; so überleben nur die Angepasstesten und vermehren sich. Zugleich geben sie dabei ihre vorteilhaften Merkmale an die folgenden Generationen weiter. Mit dem Ergebnis, dass neue Arten entstehen. Über viele Zwischenschritte wandelt sich die Natur. Im Unterschied zu Darwin nennt Wallace diese Auslese durch die Natur nicht explizit so. Vielmehr schreibt er in seiner Arbeit von einem „allgemeinen Prinzip“, das dann bei Darwin natürliche Selektion heißt.

Was Darwin und Wallace an jenem Abend im Juli 1858 erstmals vorschlagen: Arten entstehen immer wieder neu, weil sie sich – angetrieben durch die Zuchtwahl in der Natur – verändern und anpassen müssen. Unabhängig von einander legen beide aber noch eine weitaus wichtigere Erkenntnis nahe: dass die Natur nicht von Gott regiert wird, sondern ein beständiger Kampf ums Dasein und Auslese herrscht.

Doch das Verblüffende: Das mit Abstand wichtigste Ereignis in der Geschichte ihrer Gesellschaft regte an diesem Abend die Mitglieder der Linnean Society nicht einmal zur Diskussion an. Auch das verleitete Thomas Bell sicherlich mit zu seiner Fehleinschätzung.

Umso größer war das Aufsehen, das Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ 1859 verursachte. Ende Juli 1858, unter dem Eindruck der ersten gemeinsamen Veröffentlichung ihrer Idee, hatte Darwin begonnen, eine ausführliche Darstellung seiner Theorie der Evolution durch natürliche Selektion auszuarbeiten.

Als Darwins epochales Werk im November 1859 erschien, war in Berlin wenige Monate zuvor Alexander von Humboldt im Alter von fast 90 Jahren verstorben. Dem berühmten Humboldt war der junge Darwin kurz nach seiner Rückkehr von der Weltumsegelung mit dem Vermessungsschiff Beagle in London während einer Frühstückseinladung begegnet, auf Humboldts ausdrücklichen Wunsch hin.

Darwin, dessen Reiselust einst durch die Schilderungen in Humboldts bedeutendem und privat finanziertem Werk „Reise in die Äquinoctialgebiete des Neuen Kontinents“ geweckt worden war und der sogar auf den Spuren seines großen Vorbildes eine Expedition nach Teneriffa plante, fand den einstigen Weltreisenden jedoch „ausgelassen“ und „ geschwätzig“, so schreibt er in seiner Autobiographie.

Diese beiden Großen der Naturforschung waren offenbar nicht nur von gegensätzlichem Temperament; tatsächlich trafen mit ihnen Welten aufeinander, lösten sich Epochen ab. Alexander von Humboldt, der die deutsche Klassik mit der Naturforschung verband, steht für ein statisches, stabiles Weltbild, „in dem die Natur ein harmonisch wirkendes Ganzes ist und jedes Ding an seinem rechten, wohlbestimmten Platz“, wie der Romancier Daniel Kehlmann es ausdrückte.

Die Weltanschauung des Naturforschers und Geografen aus Berlin befand sich damit im Gegensatz zu jener Sicht, wie sie erstmals der britische Geologe Charles Lyell 1831 in seinen „Principles of Geology“ umrissen hat; jenem Buch, das dem jungen Darwin auf der Beagle zum Leitfaden wurde und ihm die Augen für das hohe Alter und die Veränderlichkeit der Erde öffnete. Als Darwin von seiner eigenen – jener anderen Vermessung der Welt – zurückkehrte, hatte er etwas erkannt, was Humboldt zeitlebens verborgen geblieben war: dass die Natur weder notwendigerweise harmonisch oder gar zu höherem Zwecke eingerichtet noch statisch ist; vielmehr ist sie höchst dynamisch, und so wandelbar wie die Erde selbst sind auch die darauf lebenden Organismen.

Humboldt und Darwin untersuchten beide Gebirgsformationen vor allem in Amerika, sammelten Mineralien und Gesteine, Tiere und Pflanzen; beide waren Empiriker, den beobachtbaren und messbaren Fakten verpflichtet, aus deren Verkettung sie Zusammenhänge erschließen wollten. Darwin indes war auch Visionär mit einer unerhörten Begabung zum Abstrahieren, der vom Speziellen – etwa dem Vorkommen von Fossilien, Spottdrosseln und Muscheln – auf das Allgemeine schließen lernte.

Wo Humboldt Einzelfakten sammelte und enzyklopädisch-umfassend beschrieb, ohne je ein allgemeines Gesetz zu erkennen, entwickelte Darwin seine Theorie der Evolution und erkannte mit dem Mechanismus der Auslese das Grundgesetz der Biologie. Seit Darwin betrachten wir die Natur als dynamisches Geschehen, nicht als etwas harmonisch Gottgegebenes wie zu Zeiten Goethes und Humboldts. Mit Darwins Theorie der Evolution durch Selektion sehen wir die Natur so, wie sie ist. Nicht mehr so, wie wir sie gerne hätten.

Der Autor ist Leiter der Abteilung Forschung am Berliner Museum für Naturkunde.

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