Evolution : Das Nashorn, das aus der Kälte kam

Bisher vermuteten Forscher, Wollnashörner hätten ihre langen Haare während der Eiszeit entwickelt. Offensichtlich geschah das aber wesentlich eher - in Tibet.

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Schneeschieber. Dank des flachen Horns gelangte das Tier an Futter. Foto: Science
Schneeschieber. Dank des flachen Horns gelangte das Tier an Futter. Foto: Science

Es klingt einleuchtend: Als vor rund 2,8 Millionen Jahren von Norden her Eismassen vorrückten und weite Landstriche in Europa und Amerika unter sich begruben, entstanden gleichzeitig die charakteristischen großen Säugetiere dieser Zeit wie Mammuts und Wollnashörner. Denn südlich der gewaltigen Gletscher spross das Gras im Sommer relativ üppig. Die reiche Nahrungsquelle nutzten bald große Säugetiere aus der Verwandtschaft der Nashörner und Elefanten. Mit zotteligen langen Haaren und einem massigen Körperbau schützten sie sich vor der Kälte, es entstanden die Tierarten der Kältesteppen. So weit die Theorie, die Xiaoming Wang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking und seine Kollegen jetzt in Zweifel ziehen.

Im Fachblatt „Science“ (Band 333, Seite 1285) präsentieren sie den Schädel eines Wollnashorns, das bereits vor 3,7 Millionen Jahren durch das Hochland von Tibet stapfte. Das Tier der Art Coelodonta thibetana lebte also zu einer Zeit, die fast eine Million Jahre vor dem globalen Kälteeinbruch lag. Die Wissenschaftler schlagen daher ein anderes Bild von der Entstehung der großen Pflanzenfresser der Eiszeit vor.

Deren nächsten Verwandten lebten damals wie heute ohnehin in den wärmeren Regionen Asiens. Als der indische Subkontinent gegen Asien driftete, entstand neben dem Himalaja das Hochland von Tibet. Bereits vor acht Millionen Jahren lag diese Region mit 4000 bis 5500 Metern über dem Meeresspiegel ähnlich hoch wie heute.

Die Winter auf der Hochebene sind kalt, oft ist sie von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Die Sommer sind zwar kühl, aber es wächst reichlich Gras. So ähnlich sah es dort oben bereits vor Jahrmillionen aus. Das üppige Grün lockte Rinder, Nashörner und Elefanten aus den benachbarten wärmeren Regionen auf das Hochland von Tibet. Die Tiere passten sich der Kälte an. Wie noch heute das Hochlandrind Yak hatte auch das Wollnashorn ein zotteliges, langes Fell, das hervorragend gegen die Kälte schützt, schreiben die Wissenschaftler um Xiaoming Wang. Außerdem wurde das vordere Horn des Wollnashorns rechts und links zunehmend flacher, bis es die Form einer etwas dicken und langgestreckten Schaufel hatte. So lässt sich mit einer seitlichen Kopfbewegung lockerer Schnee gut beiseiteschieben – die Versorgung war gesichert. Neben den Wollnashörnern entwickelten sich in Tibet noch weitere kälteangepasste Arten wie das Blauschaf, dessen Fossilien die Forscher jetzt ebenfalls entdeckten.

Als im Lauf der Zeit die Temperaturen zurückgingen und im Norden die Gletscher wuchsen, entstanden davor weite Kältesteppen. Für die Tiere Tibets ein leichtes Spiel: Sie waren bereits gut an Kälte angepasst und mussten nur noch in dieses neue „Schlaraffenland“ wandern.

Mit dem Zurückweichen des Eises endete jedoch die Ära der haarigen Nashörner. Vor rund 10 000 Jahren starben sie aus.

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