Evolution : Der Kampf ums Dasein und andere Mythen

150 Jahre Evolutionstheorie und noch immer wird Darwins Theorie missverstanden. Die größten Irrtümer

 Bas Kast
Roulette
Roulette des Lebens. Verdankt der Mensch sich dem Zufall? -Foto: Mike Wolff

1. Wir sind ein pures Zufallsprodukt

Laut Evolutionstheorie, so lautet ein weitverbreitetes Vorurteil, sind die Arten, Mensch inklusive, das Produkt eines Zufallsprozesses. Was sofort Fragen nach sich zieht: Wie können derart komplexe Organismen und Strukturen – ein Auge, Gehirn und so weiter – das Werk rein zufälliger Vorgänge sein? Fegt ein Wirbelwind über Tausende von Einzelbauteilen hinweg, entsteht daraus ja auch nicht zufällig eine Boeing 747! Tatsache ist, dass Zufallsprozesse in der Evolution zwar eine große Rolle spielen, nicht aber die „treibende Kraft“ darstellen, die die Arten hervorgebracht hat. Diese Kraft lautet: natürliche Auslese, und sie ist alles andere als zufällig, ja sogar das genaue Gegenteil. Dass es so etwas wie eine Evolution gibt, war auch nicht Darwins entscheidender Gedanke, diese Idee hatten einige andere schon vor ihm gehabt. Es war der Mechanismus der Evolution, die natürliche Auslese in Kombination mit dem Prinzip der Erblichkeit, die Darwins entscheidenden Geniestreich darstellt: Verschiedene Exemplare einer Art können sich aufgrund ihrer erblichen Anlagen zufällig unterscheiden. Dann endet der Zufall und die Exemplare, die am besten an die Umwelt angepasst sind, schaffen es zu überleben und ihr Erbe an die nächste Generation weiterzugeben.

2. Die Evolutionstheorie hat keine Vorhersagekraft

Das Leben auf Erden begann vermutlich vor etwa 3,5 Milliarden Jahren. In einem langsamen Prozess der Variation von Organismen und anschließender Selektion entstanden Arten, die immer besser an immer mehr Nischen dieser Welt angepasst waren. Darwins Evolutionstheorie beschreibt die Mechanismen dieses Vorgangs „im Nachhinein“. Mit der Theorie aber, so ein Einwand, lassen sich keine Vorhersagen machen, wie etwa in der Physik (Beispiel: Nach neuesten Berechnungen von Astronomen stürzt in 7,6 Milliarden die Erde in die sterbende Sonne). Gute Wissenschaftstheorien machen Vorhersagen möglich – und so verhält es sich auch mit der Evolutionstheorie. Zahlreiche Paläontologen haben sich beispielsweise überlegt, in welchen Schichten der Erde sie Fossilien eines bestimmten Zeitalters suchen sollten, und lagen damit richtig. Da der Zufall in der Evolution eine große Rolle spielt, sind genaue Vorhersagen mit Hilfe der Evolutionstheorie jedoch oft nicht ohne Weiteres möglich: Wäre etwa vor 65 Millionen Jahren kein Asteroid auf der Erde eingeschlagen, wäre die Entwicklung des Lebens vielleicht ganz anders abgelaufen. Womöglich gäbe es uns gar nicht.

3. Die Natur bringt perfekte Wesen hervor

Leider nicht. Nehmen wir an, es gäbe tatsächlich einen „Designer“, dem wir die Arten verdanken – dann dürfte man ihn nicht als „intelligenten“, sondern eher als „schlampigen Designer“ bezeichnen. Selbst das menschliche Auge, ein Wunderwerk der Natur, ist alles andere als perfekt. Ja, es ist so ineffektiv gebaut, dass es an ein Wunder grenzt, dass wir damit überhaupt sehen können. Die Licht registrierenden Zellen etwa richten sich nicht auf die Außenwelt, wo es etwas zu sehen gibt, sondern nach innen, in den Körper, weg vom Licht. Dies lässt sich nur vor dem Hintergrund der Evolution verstehen: Die Netzhaut hat sich aus einem Teil des Gehirns gebildet. Darum liegen die Nervenzellen der Netzhaut über den lichtsensitiven Zellen, so dass das Licht zunächst durch dieses Nervenzellgeflecht dringen muss, um zu den lichtsensitiven Zellen zu gelangen. Wäre die Netzhaut umgekehrt aufgebaut, könnten wir ohne Probleme bei Mondschein Zeitung lesen! Die Evolution aber verläuft „blind“, sie kann nicht wie am Reißbrett einen perfekten Bauplan entwerfen, sondern muss mit der bereits vorhandenen Vorlage arbeiten.

4. Evolution betrifft nicht den Geist

Laut einer Umfrage des US-Forschermagazins „Science“ ist jeder vierte Deutsche skeptisch, dass wir von tierischen Vorfahren abstammen. Noch skeptischer aber sind wir, was unsere Psyche betrifft. Wir können uns kaum vorstellen, dass auch so etwas wie eine Seele das Resultat einer kontinuierlichen Entwicklung sein könnte. Darwins Evolutionstheorie aber legt genau das nahe. Beispielsweise sehen die Hirnstrukturen, die beim Menschen für Emotionen wie Angst eine große Rolle spielen, auch bei Tieren sehr ähnlich aus. Könnten diese Tiere ähnliche Gefühle empfinden? Haben auch Tiere eine Seele? Die Mikrostruktur des Gehirns von Mäusen und Menschen können nur absolute Experten unterscheiden. Deshalb gehen die meisten Hirnforscher davon aus, dass Seele nicht etwas ist, das dem „Alles-oder-nichts-Prinzip“ gehorcht, sondern sich allmählich entwickelt. Mäuse haben ein bisschen Seele, Affen mehr, und der Mensch vermutlich am meisten.

5. Evolution führt zu immer komplexeren Lebewesen

Im Großen und Ganzen ja, aber dahinter steckt dennoch kein Ziel, und die Richtung ist auch nicht absolut. Beispiel: Der Neandertaler hatte ein größeres Gehirn als unsereins. Auch unser Gehirn hat sich im Laufe der Entwicklungsgeschichte zunächst explosionsartig vergrößert und ist dann nach und nach etwas kleiner geworden. Es gibt Höhlenfische, die in absoluter Dunkelheit schwimmen und deren Augen sich völlig zurückgebildet haben. Warum eigentlich? Wäre es nicht besser, die Augen zu behalten, nur für den Fall? Würde es in einer Höhle plötzlich hell werden, dann wären jene Fische mit Augen klar im Vorteil! Das ist richtig, aber auch in der Evolution gibt es nichts umsonst: Ein Auge zu bauen und zu unterhalten kostet Energie, und in ewiger Finsternis ist ein Auge schlicht Energieverschwendung.

6. Kampf ums Dasein ist alles, was zählt!

Nein, es gibt ja noch den Sex. Vieles in der Natur lässt sich vor dem Hintergrund eines reinen Kampf ums Dasein nicht verstehen. Darwin selbst grübelte lange Zeit über Phänomene, die seine Theorie geradezu zu widerlegen schienen. Besonders der Pfauenschweif bereitete ihm Magenschmerzen, war das lange, üppige, energieverschwenderische Federkleid doch nicht im Geringsten nützlich im Kampf ums Dasein. Ganz im Gegenteil: Beim Futtersuchen und Ausweichen von Feinden ist der Pfauenschweif ein klares Hindernis! Wie ist das möglich? Erst nach Jahren des Grübelns kam Darwin der zündende Gedanke: Der natürliche Ausleser des Pfauenschweifs war das Pfauenweibchen. Darwin taufte diesen Vorgang als „sexuelle Selektion“. Es ist, als würden sich die Weibchen unbewusst denken: Ein Pfau mit einem so schönen, eigentlich hinderlichen Schweif muss schon ein toller Überlebenskünstler sein! Vieles, was wir als Schönheit der Natur empfinden, von der Farbenpracht bis hin zum Gesang der Nachtigall, haben wir vermutlich dieser sexuellen Auslese zu verdanken.

7. Der Mensch stammt vom Affen ab

Ganz genau so ist es nicht. Wir stammen zum Beispiel nicht vom Schimpansen ab – vielmehr stammen sowohl wir als auch der heutige Schimpanse von einem gemeinsamen Vorfahren ab, der vor etwa sechs Millionen Jahren in Afrika lebte. Was die menschliche Abstammungslinie betrifft, so sind seit diesem Zeitpunkt bis heute etwa 25 000 Generationen vergangen, was in entwicklungsgeschichtlichen Maßstäben nicht sonderlich viel ist. Zum Vergleich: Bei Bakterien kann es binnen zehn Jahren zu 100 000 Generationen kommen. Rein genetisch ist der Unterschied zwischen Menschen und Schimpansen rund zehnmal kleiner als der zwischen Mäusen und Ratten.

8. Es geht um das Überleben der Art

Eine der hartnäckigsten Mythen spiegelt sich im Schlagwort der „Arterhaltung“ – ein Missverständnis, das auf den populären Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz zurückgeht. Die Art ist nicht die „Einheit“ der natürlichen Auslese. Es ist nicht so, dass Tiere einen „Arterhaltungsinstinkt“ hätten, der bei uns Menschen verloren gegangen wäre. Im Gegenteil, oft sind die eigenen Artgenossen die ärgsten Konkurrenten und werden, wenn es sein muss, brutal getötet. Beispiel: Löwenmännchen töten hemmungslos die Babys ihrer Vorgänger, wenn sie einen Harem übernehmen. Der Vorteil: Die Weibchen investieren nicht weiter in die Kinder der Konkurrenz, sondern paaren sich nun mit ihm und setzen seine Kinder (sprich: seine Gene und damit die Gene für dieses Verhalten) in die Welt.

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