Evolution der Riesenschildkröten : Auf schwimmenden Inseln über das Meer

Riesenschildkröten erreichten vor Jahrmillionen die Bahamas und die Galapagos-Inseln. Das zeigt das Erbgut einer vor 850 Jahren ausgestorbenen Art.

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Giganten. Die Bahamas-Riesenschildkröte ist seit 850 Jahren ausgestorben. Doch die Galapagos-Riesenschildkröten sind mit ihr verwandt.
Giganten. Die Bahamas-Riesenschildkröte ist seit 850 Jahren ausgestorben. Doch die Galapagos-Riesenschildkröten sind mit ihr...Foto: Bernd Wüstneck, picture alliance / ZB

Landschildkröten können weite Strecken über die Ozeane zurücklegen. Das konnten Forscher des Senckenberg-Instituts Dresden sowie der Universität Potsdam und ihre Kollegen mithilfe des Erbguts einer vor 850 Jahren auf den Bahamas ausgestorbenen Riesenschildkröte zeigen. Ähnlich könne man längst verschwundene Arten aus tropischen Regionen untersuchen, schreiben sie in der Fachzeitschrift „Proceedings B“ der Royal Society of London.

In warmen und feuchten Regionen werden tote Organismen meist rasch zersetzt. Auf der Bahamas-Insel Great Abaco Island war das anders. Dort entdeckten Forscher in einem mit Meerwasser gefüllten Karstloch Fossilien, im sauerstoffarmen Salzwasser bleiben die Überreste offenbar besser erhalten. „2009 wurde die ausgestorbene Bahamas-Riesenschildkröte Chelonoidis alburyorum mit ihrem rund einen halben Meter langen Panzer dort erstmals nachgewiesen“, sagt Senckenberg-Forscher Uwe Fritz. Sie ist seit rund 1000 Jahren ausgestorben, doch in den Knochen blieben Erbgutreste übrig. „In einem Oberarmknochen fanden wir genug für eine Analyse“, sagt Axel Barlow von der Universität Potsdam. Zwar war dieses Erbgut in winzige, im Durchschnitt gerade 65 Bausteine lange Bruchstücke zerfallen. Dennoch konnten die Forscher daraus ein nahezu komplettes Erbgut der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zelle, zusammenzusetzen. Bei anderen Fossilien aus tropischen Karstlöchern könnte das ebenfalls funktionieren, meint Michael Hofreiter von der Universität Potsdam. So werde die Geschichte ausgestorbener Arten nachvollziehbar.

Die schwimmenden Inseln werden weit aufs Meer hinausgetragen

Vor etwa 22 Millionen Jahren kamen demnach die afrikanischen Urahnen der Tiere über den Atlantik. Die Bahamas-Riesenschildkröte spaltete sich vor rund 15 Millionen Jahren ab. Vor rund zwölf Millionen Jahren trennten sich dann die Wege der Galapagos-Riesenschildkröten und der rund 42 Zentimeter langen Chaco-Schildkröten, die bis heute in Argentinien, Bolivien und Paraguay leben.

Wie die Urahnen einst über das Meer gekommen sein könnten, sah Uwe Fritz im Dezember 2016 auf einer Forschungsreise in Kolumbien: „Auf dem Rio Magdalena, der von Süden nach Norden bis in das Karibische Meer fließt, schwimmen teilweise riesige Inseln, auf denen sogar Bäume wachsen.“ Solche schwimmenden Inseln werden von großen Flüssen aufs Meer hinausgetragen und dort von den Strömungen weitertransportiert.

Seepocken besiedelten die Beine der Schildkröte

Zudem überstehen Riesenschildkröten längere Zeit im Meerwasser unbeschadet. Das beweist eine Aldabra-Riesenschildkröte, die am 14. Dezember 2004 in Tansania abgemagert, aber gesund an Land ging. Auf den Beinen und am Panzer hatten sich Seepocken angesiedelt. Das Tier musste daher längere Zeit im Indischen Ozean geschwommen sein – es war wahrscheinlich vom Aldabra-Atoll über 740 Kilometer Ozean mit den Meeresströmungen in einigen Wochen oder Monaten ohne Nahrung und Trinkwasser bis an die afrikanische Küste gelangt. „Obendrein können Schildkrötenweibchen die Samen mehrerer Männchen speichern und ihre Eier noch lange nach der Paarung befruchten“, sagt Fritz. Ein einziges Weibchen würde also genügen, um nach der Reise über das Meer zum Beispiel auf den Bahamas eine neue Population zu begründen.

Kaum erreichten die ersten menschlichen Siedler diese Inseln, kamen die Schildkröten aber in Schwierigkeiten. „Vermutlich landeten sie auf der Speisekarte. Schon Neandertaler schätzten Schildkröten-Mahlzeiten“, sagt Uwe Fritz. Nur auf abgelegenen und kaum bewohnten Inseln haben die Giganten bis heute überlebt.

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