Evolution : Die Koralle - Sinnbild für Darwins Thesen

Im Darwin-Jahr plädiert die Berliner Akademie für ein neues Bild der Evolution

Bettina Mittelstraß

Ist der Mensch die Krone der Schöpfung – auch nach der Evolutionstheorie? Naturalistische Baummodelle, wie sie etwa der Berliner Zoologe Ernst Haeckel (1834 bis 1919) zeichnete, zeigen eine stufenweise Höher- und Weiterentwicklung. Dieses Bild spiegelt keineswegs die Vorstellung Charles Darwins, des Vaters der Evolutionslehre, sagt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp (Humboldt-Universität). Darwin sei es nicht um Höherentwicklung gegangenen, sondern um den wuchernden Prozess der Evolution. Die Vorbehalte, die es aus kultur- und sozialwissenschaftlicher Perspektive gegenüber Darwin immer noch gibt, meint Bredekamp, verwechseln zum Teil dessen Konzept der Evolution mit solchen Baummodellen.

Bredekamps kritischer Blick auf die Ikonografie der Evolution steht für den Anspruch des Jahresthemas 2009/2010 der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Im Darwin-Jahr – gefeiert wird sein 200. Geburtstag – beschäftigen sich Akademiemitglieder wie Bredekamp aus neuen Perspektiven mit „Evolution in Natur, Technik und Kultur“. Über den biologischen Aspekt der Evolutionstheorie hinaus soll es in zahlreichen Veranstaltungen auch um technische und kulturelle Fragestellungen zur Evolution gehen. Geplant sind eine internationale Konferenz unter dem Titel „Bionik – Technik lernt von der Natur“ und Workshops zur Evolution des Gehirns, der Sprache oder in der Kunst. Auch die öffentlichen Akademievorlesungen sind der Evolution gewidmet, etwa der „Evolution der Moral und Menschlichkeit“.

Darwin selbst war es, der am Baummodell der Abstammungslehre zweifelte: „Der Baum des Lebens sollte vielleicht besser die Koralle des Lebens genannt werden“, notierte er 1837, 22 Jahre vor der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Werkes über den Ursprung der Arten. Darwins Koralle markiere eine zweite Säule seines evolutionären Denkens, die sein späterer Ruhm verstellt habe, sagt Bredekamp. Die Vorstellung vom Korallenstrauch zeige deutlich, dass Darwin „nicht die Richtung, sondern den Zufall und nicht die Hierarchisierung sondern die Vielfalt im Auge“ hatte.

Schon vor 2000 Jahren findet sich die Koralle als Sinnbild für die Veränderungskraft der Natur in Ovids Metamorphosen. Über Jahrhunderte hinweg habe das Epos damit die Möglichkeit zu evolutionärem Denken geboten, ohne dabei Neuschöpfungen durch die Natur zu behaupten, sagt Bredekamp.

Für die Genforschung war das Baummodell dennoch lange fruchtbar. Erst in jüngster Zeit hat man sich davon verabschiedet. Denn Austausch und Entwicklung von Genen lassen sich mithilfe des Computers allenfalls als Netzstruktur darstellen, der „tree of life“ trägt nicht als Symbol. Ein Grund mehr für Bredekamp, den „Holzweg“ zu verlassen und auf ein „Zeitalter der Koralle“ zu hoffen.

Die Öffentlichkeit kann sich der Entdeckungsreise der Akademie beim „Salon Sophie Charlotte“ an diesem Sonnabend anschließen. Das Motto der populären Veranstaltung, die von 18 Uhr bis Mitternacht das ganze Akademiegebäude am Gendarmenmarkt bespielt: „Die Evolution empfängt ihre Kinder.“ Im literarischen Teil etwa liest Ulrich Noethen vor, warum sich Felix Krull für die Theorie der Evolution interessiert. Im wissenschaftlichen Salon vertritt Hubert Markl die These, Natur und Kultur seien durch Evolution vereint. Und ein Podium diskutiert die „Evolution der sexuellen Untreue“.

Besonders anschaulich wird es, wenn Schauspielschüler im rotierenden Akademie-Paternoster Fragmente aus dem Alltag Darwins nachstellen. Der verführerische Titel dieser Performance: „Nur ein Narr macht keine Experimente.“

Informationen im Internet: www.bbaw.de/bbaw/Veranstaltungen

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