Evolution : Dummes Design

Der menschliche Körper ist ein Wunderwerk. Aber ist er wirklich vollkommen? Eine Mängelliste

Bas Kast

Die Natur ist perfekt – und das größte Wunder ist der Mensch! Kann so etwas Komplexes wie das menschliche Auge wirklich durch Zufallsprozesse entstanden sein? Auf den ersten Blick erscheint uns das unmöglich. Wer jedoch etwas genauer hinguckt, der entdeckt bald in der scheinbar perfekten Schöpfung an allen Ecken und Enden kleine Konstruktionsfehler und faule Kompromisse. Der Mensch ist eben nicht vollkommen.



DAS AUGE

Das Erstaunlichste an unseren Augen ist vielleicht, dass wir mit ihnen überhaupt etwas sehen können. Die Netzhaut von Wirbeltieren wie uns Menschen ist denkbar unintelligent aufgebaut. Die Licht registrierenden Zellen richten sich absurderweise nicht auf die Außenwelt, also dorthin, wo es etwas zu sehen gibt, sondern nach innen, in den Kopf hinein – sie wenden sich dem Licht geradezu ab! Der Konstruktions-Gau lässt sich nur vor dem Hintergrund unserer Entwicklungsgeschichte verstehen: Bei unseren Vorvorvorfahren entstand die Netzhaut aus einem Teil des Gehirns, der sich nach innen faltete: Die Leitungen der Zellen liegen deshalb außen. Die Folge: Das Licht muss sich auf dem Weg zu den Sinneszellen erst einmal durch diesen Kabelsalat kämpfen. Nicht nur das – die Nervenleitungen müssen ins Gehirn, so dass ihre Informationen dort analysiert werden können und ein Bild im Kopf entsteht. Da aber die Nervenbahnen vor den Sinneszellen liegen, müssen sie, um Zugang zum Hirn zu bekommen, ein Loch in die Netzhaut bohren. An dieser Stelle bildet sich der berühmte „blinde Fleck“.

MÄNNER: DIE PROSTATA

Wenn es einen Preis gäbe für das Organ mit dem dümmsten Design – die Prostata, auch Vorsteherdrüse genannt, hätte ihn verdient. Das Organ liegt direkt unter der Harnblase, hat in etwa die Größe und Gestalt einer Kastanie und macht, ähm, ja was eigentlich? Jede Menge Probleme! In medizinischen Lexika heißt es, die Prostata sei wichtig wegen ihres Sekrets, das den Spermien die nötige Beweglichkeit verleiht, um den langen Weg zur Eizelle zu bewältigen. Dabei würden wir ohne Prostata wohl kaum aussterben. Nein, in Wahrheit ist die Prostata ein Organ auf der Suche nach seinem Sinn. Bis dahin nervt die Drüse alle Männer spätestens ab Mitte 40. Da nämlich fängt das Organ spontan an zu wuchern, was manchmal harmlos ist, häufig aber nicht. Die Prostata umschlingt die Harnröhre; wächst die Prostata, drückt sie die Harnröhre immer enger zu. Die Folge: Der Urin, mit dem sich normalerweise Wunden im Notfall nachgerade desinfizieren lassen, bleibt stehen, es bilden sich Keime wie in faulem Wasser, was wiederum an die Nieren geht. Prostatakrebs ist bei Männern übrigens die dritthäufigste tödliche Krebserkrankung nach Lungen- und Darmkrebs.

FRAUEN: DAS BECKEN

Die Evolution hat es generell nicht leicht – beim weiblichen Becken aber musste sie so etwas wie eine Quadratur des Kreises vollziehen. Einerseits soll das Becken (und damit der Geburtskanal!) so groß wie möglich sein, so dass auch ein möglichst großer Kopf hindurchpasst. Andererseits soll das Becken möglichst klein sein, da Frauen sonst nicht gehen, sondern nur watscheln könnten. Herausgekommen ist, wie so oft in der Natur, ein Kompromiss: Das Becken der Frau ist klein genug, um auch ihr den aufrechten Gang zu ermöglichen. Es ist aber so klein, dass ein Großteil der Hirnentwicklung des Babys erst nach der Geburt stattfinden kann. Die Folge: Kein Säugling wird so hilflos in die Welt geworfen wie das menschliche Baby; es dauert Jahre, bis wir einigermaßen selbstständig überleben können. Vor der modernen Medizin war jede Geburt sowohl für das Baby als auch für die Frau eine große Gefahr – der Geburtskanal ist einfach zu klein. Und auch deshalb kommt inzwischen jedes vierte Baby in Deutschland per Kaiserschnitt auf die Welt.

DAS GEHIRN

Das Design des Gehirns als unintelligent zu bezeichnen, wäre ironisch. Schließlich ist es das Gehirn, das überhaupt erst Intelligenz hervorbringt. Eine entscheidende Schwachstelle gibt es aber doch: Das Gehirn muss nur wenige Sekunden von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten sein, schon gibt es ernste Probleme. Etwa zehn Sekunden nach einem Herzstillstand kommt es zur Bewusstlosigkeit. Nach zwei bis drei Minuten stirbt das Hirngewebe ab. Nach zehn Minuten tritt – bei normalen Temperaturen – der Hirntod ein. Diese Störanfälligkeit ist umso verblüffender, als es zahlreiche Arten gibt, die durchaus länger gut ohne Sauerstoff auskommen, wie Goldfische, Schildkröten und die gemeine Karausche, ein Fisch, den die meisten von uns nur vom Sushi kennen. Besonders eindrucksvoll in dieser Hinsicht ist der Epaulettenhai, ein harmloser getigerter Hai, der sich gern an Korallenriffen aufhält, etwa dem Great Barrier Reef. Während der Ebbe kann das Wasser flacher Plattformriffe vom restlichen Ozean abgeschnitten werden, und wenn es Nacht ist und die Pflanzen keine Photosynthese betreiben und Sauerstoff bilden, kommt es in diesen Gewässern zu einem drastischen Sauerstoffabfall. Der Epaulettenhai reagiert darauf, indem er seinen Herzschlag und Blutdruck senkt und alle Hirnbereiche abschaltet, die er nicht braucht – er verfällt in eine Art kurzfristigen Winterschlaf. Sobald es Frischwasser gibt, wacht er auf, und binnen ein bis zwei Minuten schwimmt er wieder, als sei nichts geschehen.

DIE ZÄHNE

Wieder eine grundsätzlich intelligente, begrüßenswerte Entwicklung: Im Laufe unserer Evolution wurde unser Kiefer kleiner und kleiner – zugunsten eines wachsenden Gehirns. Ein kluger Kopf braucht kein Gebiss von der Dimension eines Krokodils oder Hais. Er knackt Probleme mit Grips statt Gewalt. Er muss sich nicht durchs Leben beißen, sondern es durchdenken. Dummer Nebeneffekt: Der Kiefer des Menschen hat eigentlich keinen Platz mehr für 32 Zähne. Für Weisheitszähne ist unser Kiefer schlicht zu klein. Das ist bei Reptilien, etwa unserem entfernten Verwandten dem Krokodil, anders: Das Krokodil hat Platz für rund 3000 Zähne. 3000? Ja, tatsächlich, aber nacheinander: Anders als bei uns, wachsen die Zähne von Krokodilen – wie auch von Haien – ständig nach und werden etwa alle zwei Jahre ausgewechselt. Keine Chance für Zahnärzte!

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