Evolution : Falsche Spur zum Neandertaler

Hatte der Mensch Sex mit Homo neanderthalensis? Proben, die das belegen sollten, waren verunreinigt.

Matthias Glaubrecht
Forschung
Im Labor wurden Verunreinigungen von Neandertaler-DNS nicht erkannt. -Foto: dpa

Seit Steinbrucharbeiter vor mehr als 150 Jahren im Neandertal bei Düsseldorf auf eigenartige Menschenknochen stießen, nimmt das Rätselraten um den Homo neanderthalensis kein Ende. Eine der Fragen neben dem Grund für ihr Verschwinden vor gut 27.000 Jahren war stets: Haben sie nun oder haben sie nicht? Oder anders ausgedrückt: Wie viel Neandertaler steckt im modernen Menschen?

Dass sich Neandertaler tatsächlich mit dem modernen Menschen Homo sapiens verpaarten und sich ihre Gene mit unseren vermischten, meinten Molekulargenetiker im November 2006 nachweisen zu können. Das Team, dem auch Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig angehörte, hatte knapp eine Million Basenpaare alter Erbinformation (DNS) analysiert, und zwar aus dem Oberschenkelfragment eines 38.000 Jahre alten Neandertalers aus einer Höhle in Kroatien.
Doch der daraus abgeleitete Befund, dass sich Neandertaler und Menschen vermischten, steht wieder infrage. Denn das analysierte Erbgut stammt nicht vom Neandertaler, sondern war zu 80 Prozent mit der DNS moderner Menschen verunreinigt, wie ein Team um den Molekulargenetiker Jeffrey Wall von der Universität von Kalifornien in San Francisco in der Fachzeitschrift „Plos Genetics“ berichtet. Kein Wunder, dass irrtümlicherweise auf die Verpaarung der beiden Menschenformen geschlossen wurde.

Dass es zur wenigstens gelegentlichen Verpaarung zwischen dem stämmigen Neandertaler und dem grazilen modernen Menschen kam, darauf deuteten zuvor bereits vermeintliche Mischlingsfunde hin. Vor allem das 1998 in Portugal entdeckte Skelett eines Kindes wies Merkmale beider Menschenformen auf. Weiteren Auftrieb erhielt die Vermischungstheorie dann erneut just im November 2006 durch Studien an 30.000 Jahre alten Knochenfunden von Neandertalern aus den südlichen Karpaten in Rumänien. Sie deuteten ebenfalls darauf hin, dass es zum Sex zwischen diesen und dem Homo sapiens gekommen war, der offenbar nicht folgenlos blieb.

1997 hatte Svante Pääbo für eine Sensation gesorgt, als es seinem Team gelang, aus einer ausgestorbenen Menschenform DNS zu gewinnen und die Erbinformation wenigstens stückweise zu bestimmen. Aus einer 3,5 Gramm leichten Probe vom Oberarmknochen des 40.000 Jahre alten Typusexemplars des Neandertalers aus besagtem Tal bei Düsseldorf konnten damals immerhin 379 Basenpaare der Erbsubstanz gewonnen und mit der entsprechenden Stelle der Erbinformation des Homo sapiens verglichen werden. Aus den durchschnittlich 27 Abweichungen in der Erbsequenz – unter modernen Menschen sind lediglich acht Differenzen in den Basenpaaren üblich – schlossen die Forscher, dass Neandertaler keinesfalls unsere Vorfahren sein konnten und dass sich die Evolutionslinien bereits vor rund einer halben Million Jahren getrennt haben müssten. Diese erste Erbinformation des Neandertalers stammte aus den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Da diese nur mütterlicherseits vererbt werden, blieben allerdings erhebliche Zweifel an den Befunden.

Zeitgleich im November 2006 gelang es dann neben Pääbos Team auch einer zweiten Forschergruppe um Edward Rubin vom Joint Genome Institute im kalifornischen Walnut Creek, größere Stücke aus dem Kern-Genom des europäischen Frühmenschen zu analysieren und sie mit dem Erbmaterial des modernen Menschen zu vergleichen. Ihre im Fachblatt „Science“ veröffentlichte Studie konnte immerhin 65.000 Basenpaare des Neandertalers analysieren. Beide Teams kamen dann allerdings zu unterschiedlichen Interpretationen, und lange blieb unklar, ob dies an den unterschiedlichen Analyseverfahren lag. Denn während die „Nature“-Studie nahelegte, dass sich Neandertaler und moderner Mensch einst miteinander vermischt haben, fand Rubins Team dafür keine Hinweise.

Außerdem kamen beide Forschergruppen zu unterschiedlichen Altersabschätzungen für den letzten gemeinsamen Vorfahren beider Menschenformen. Während Pääbos Studie das Datum auf etwa 516.000 Jahre festsetzte, kamen die Forscher um Rubin auf 706.000 Jahre. Demnach hätten sich Homo sapiens und Homo neanderthalensis also noch früher getrennt, als es die ersten Daten der mitochondrialen Gen-Sequenz vor einem Jahrzehnt nahelegten.

Die Nachuntersuchung von Jeffrey Wall in „Plos Genetics“ bestätigt jetzt das höhere Alter dieser evolutiven Aufspaltung von Mensch und Neandertaler. Aber auch diese Studien bleiben Stückwerk. Deshalb hat das Team um Svante Pääbo und Michael Egholm bereits angekündigt, innerhalb der nächsten zwei Jahre 70 Milliarden Basen von Neandertaler-Funden zu analysieren; drei Milliarden, so erwartet Pääbo, dürften davon neandertalerspezifisch sein und dessen Genom ausmachen. Erst aus diesem Vergleich des vollständigen Genoms von Neandertaler und Mensch verspricht er sich die Aufklärung der Frage, was den Menschen zum Menschen macht.

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