Evolution : Gesundheit: Krank vor Kompromissen

Von Hautkrebs bis Rückenschmerzen: Viele Leiden haben ihre Ursachen in der Evolution des Menschen.

 Kai Kupferschmidt
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Die Evolution sieht rot. Zu viel Sonne kann Krebs verursachen, zu wenig auch. Die Evolution muss den Mittelweg finden. -Foto:p-a / Okapia

Eine gute Frage zu stellen ist für den Fortschritt der Wissenschaft oft wichtiger als eine gute Antwort zu geben. Der Psychiater Randolph Nesse hat schon vor einigen Jahren so eine unerhörte Frage gestellt: „Wenn die Evolution uns so toll geformt hat, warum werden wir dann überhaupt krank?“ Als Antwort darauf gründet sich zur Zeit ein ganz neues Feld: die evolutionäre Medizin.

Zumindest für Infektionskrankheiten ist die Antwort leicht. Da Krankheitserreger sich ebenso weiterentwickeln wie wir selbst, befinden wir uns in einem ständigen Wettrüsten mit ihnen. Wir müssen uns also ständig anpassen, nur um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Dabei haben wir allerdings einen Nachteil: Während zwischen zwei menschlichen Generationen etwa 30 Jahre vergehen, kommen manche Bakterien auf 10 000 Generationen in nur einer Woche. Ihre Evolution läuft also viel schneller ab.

Andere Fragen sind schwerer zu beantworten: Warum, zum Beispiel, sind wir Europäer nicht besser gegen die Sonne geschützt und müssen uns stattdessen aus Angst vor Hautkrebs mit Sonnencremes einschmieren? Unsere Vorfahren in Afrika hatten schließlich eine eher dunkle Hautfarbe. Warum hat die Evolution diesen Schutz wieder aufgegeben?

Weil die Sonne für den Menschen ungeheuer wichtig ist. Um das lebenswichtige Vitamin D zu bilden, benötigen wir die Sonne, genauer: ihre ultraviolette B-Strahlung. Mit ihrer Hilfe wird unter unserer Hautoberfläche Cholesterin in Vitamin D umgewandelt. Wer im Norden, wo die Sonne weniger intensiv ist, eine sehr dunkle Hautfarbe hat, der produziert zu wenig von dem Vitamin.

Vitamin D ist für den Aufbau der Knochen entscheidend, hilft gegen Infektionen – und Krebs. Eine amerikanische Studie, die 2002 im Fachmagazin „Cancer“ veröffentlicht wurde, kam sogar zu dem Schluss, dass mehr als 20 000 Krebstote in den USA auf eine zu niedrige UV-B-Strahlung zurückzuführen seien. Deshalb werden in den USA Lebensmittel wie Milch und Margarine mit Vitamin D angereichert.

Als es noch keine Solarien und keinen Urlaub im Süden gab, war die helle Haut also nötig, um die Vitamin-D-Versorgung sicherzustellen. Auch die Fähigkeit, sich zu bräunen, war aber wichtig. Denn Sonnenstrahlen können nicht nur das Erbgut schädigen und so Hautkrebs verursachen, sie können auch Folsäure zerstören, das unter anderem bei der Entwicklung des Embryos und der Spermienproduktion eine Rolle spielt. Das dürfte der wichtigere Grund für eine dunkle Hautfarbe gewesen sein. Hautkrebs tritt in der Regel zu spät im Leben auf, um großen Einfluss darauf zu haben, wie erfolgreich man seine Gene in Form von Kindern verbreitet.

Hautfarbe ist also das Ergebnis einer Abwägung: „Das ist die wichtigste Lehre der evolutionären Medizin: Es gibt immer zwei Seiten, es geht immer darum Vor- und Nachteile abzuwägen“, sagt Nesse. Kurz: Der menschliche Körper besteht nicht nur aus Fleisch und Knochen. Er besteht vor allem aus Kompromissen.

Dazu trägt auch bei, dass die Evolution keine neuen Lösungen am Reißbrett entwerfen kann. Sie muss mit dem arbeiten, was bereits vorhanden ist. Der Körper ist Flickwerk, nicht Meisterwerk. So sind aus den Vorderflossen unserer Fischvorfahren nicht nur die Arme von Affen und Menschen entstanden, sondern auch die Flügel der Vögel und die Hufe der Pferde.

Es gibt zahlreiche ähnliche Kompromisse: Warum erkranken in Malariagebieten so viele Menschen an Sichelzellanämie? Weil das Gen, das in doppelter Ausführung die Blutarmut verursacht, in einfacher Ausführung Blutkörperchen weniger anfällig für den Malariaerreger macht. Warum ist der Geburtskanal beim Menschen so eng, dass Gebären nicht nur mit Schmerzen sondern auch mit großen Gefahren verbunden ist? Weil die komplikationsfreie Geburt abgewogen werden muss gegen die Fähigkeit, schnell zu laufen. Je breiter die Hüfte, desto langsamer läuft der Mensch.

Vermutlich ist aber auch das Gewicht neugeborener Babys gestiegen. Denn unsere Ernährungssituation hat sich wie vieles andere in den letzten 10 000 Jahren radikal verändert. „Wir müssen verstehen, dass es Widersprüche gibt zwischen der Welt, in der sich unsere Evolution zum Großteil abgespielt hat und der Welt, in der wir jetzt leben“, sagt Detlev Ganten, Mediziner und Vorsitzender des Stiftungsrates der Charité-Stiftung.

Gemeinsam mit den Journalisten Thilo Spahl und Thomas Deichmann hat er ein Buch darüber geschrieben. In „Die Steinzeit steckt uns in den Knochen“ erklären sie an zahlreichen Beispielen, wie unser evolutionäres Erbe uns krank macht – und wo es sich nicht mit unserem modernen Leben verträgt. „Das Paradebeispiel ist der Bluthochdruck“, sagt Ganten. „Wir sind optimiert für das Zurückhalten von Wasser und Salz im Körper, um den Blutdruck aufrechtzuerhalten. Aber jetzt schwitzen wir weniger und nehmen viel zu viel Salz zu uns. Der Blutdruck steigt an und in der Folge das Risiko eines Hirnschlags.“ Aber auch Rückenschmerzen, Knieprobleme, Allergien, Diabetes und zahlreiche andere Krankheiten lassen sich so besser verstehen.

Für Ganten ist die evolutionäre Medizin die logische Weiterentwicklung der molekularen Medizin. Bisher habe man die Gene des Menschen losgelöst betrachtet. „Aber das Genom hat eine 3,5 Milliarden Jahre lange Geschichte und die tragen wir alle mit uns herum.“ Die meisten Mediziner denken dennoch wie Descartes und nicht wie Darwin. Die kartesianische Trennung in Körper und Geist ist im kollektiven Gedächtnis verankert und der Körper wird entsprechend behandelt: wie eine Maschine.

Wer den Körper so betrachtet, der muss allerdings am Ingenieur zweifeln. Weil wir Weisheitszähne bekommen, die nicht nur überflüssig, sondern lästig sind. Weil wir einen Blinddarm haben, der zur Verdauung nicht benötigt wird, und eine Wirbelsäule, die zum Sitzen wenig geeignet ist. Wer so denkt, der verwechselt möglicherweise auch Krankheiten und Schutzmechanismen. Erbrechen, Fieber und Durchfall können eine wichtige Verteidigung des Körpers sein. „Wir müssen verstehen, wann sie nützlich sind und wann wir sie gezielt blockieren sollten und dafür müssen wir evolutionär denken“, sagt Evolutionsmediziner Nesse.

Ganten fordert deswegen, dass die Evolutionsbiologie endlich auch bei der Ausbildung von Ärzten eine Rolle spielen muss. „Darwin gehört heute ins Medizinstudium“, sagt er. Ein entsprechendes Plädoyer von Randolph Nesse hat dieFachzeitschrift „PNAS“ im Dezember veröffentlicht. Die Realität sieht immer noch anders aus. So gab es unter 50 amerikanischen Medizinhochschulen nur zwei, die Evolutionsbiologie unterrichteten.

Die Zurückhaltung ist teilweise historisch zu erklären. In einer Studie hat der Historiker Fabio Zampieri die Geschichte von Darwin in der Medizin nachgezeichnet. Tatsächlich gab es schon Ende des 19. Jahrhunderts Ansätze, Darwins Erkenntnisse in der Medizin zu berücksichtigen. Dabei ging es aber meist um „das Wohl der Spezies“, eine Denkweise,die direkt in die Eugenik und den Rassenwahn des Nationalsozialismus führte und das Feld auf Jahrzehnte diskreditierte.

Dabei war es gerade einer der revolutionären Gedanken in Darwins Jahrhundertwerk „Vom Ursprung der Arten“, das alte Bild des platonischen Ideals abzulösen. Vorher galten die kleinen Unterschiede zwischen einzelnen Individuen einer Art als unwichtig. Alle real existierenden Hasen oder Hunde waren nur unperfekte Abbilder eines Idealtyps von Hund oder Hase. Darwin aber betonte die kleinen Unterschiede. Denn nur sie machen es der Natur möglich, unter den vielen Formen die erfolgreichsten zu wählen. „Evolution heißt, es gibt keinen Standardmenschen“, sagt Ganten. „Jeder ist besonders.“

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