Evolution : Modernes Sprachgen in Neandertalern gefunden

Genetische Studien lassen vermuten, dass Neandertaler über die Anlagen zum Sprechen verfügten.

Kerri Smith

Neue Forschungen anhand der DNA aus Überresten von Neandertalern haben die menschliche Form eines Gens zum Vorschein gebracht, das wichtig für die Sprachentwicklung ist.
Das Ergebnis lässt vermuten, dass diese moderne Form des Gens bereits viel früher auftrat als bisher angenommen - nämlich schon bei den Vorfahren von Menschen und Neandertalern. Das Vorhandensein dieses Gens allein ist allerdings noch keine Garantie dafür, dass die Neandertaler tatsächlich miteinander auf eine Art kommunizierten, die wir als Sprache bezeichnen würden. Untersuchungen ihrer Anatomie konnten diese Frage gleichfalls nicht beantworten: Ein Knochen im Hals des Neandertalers, das Zungenbein, ähnelt der menschlichen Form, das Innenohr dagegen nicht.
Es ist sehr schwer, DNA aus solch alten Proben zu extrahieren, weshalb diese Studie als beeindruckende technische Leistung angesehen werden muss. Doch die Forschergruppe kann nicht hundertprozentig ausschließen, dass die Ergebnisse nicht auf einer Kontamination der Proben mit moderner menschlicher DNA beruhen. Eine der ersten Untersuchungen der DNA von Neandertalern (1), veröffentlicht in Nature 2006, wurde dieses Jahr erneut analysiert. Die Ergebnisse zeigten, dass ein großer Teil der Probe aus moderner menschlicher DNA bestehen könnte und nicht aus der von Neandertalern (2).

Von Affen und Menschen

In der neuen Studie nahmen Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ein internationales Wissenschaftlerteam Proben von zwei männlichen Neandertalern, deren Knochen in einer Höhle in Nordspanien gefunden wurden.
Das Team suchte in der DNA der Knochen speziell nach einer Gensequenz mit der Bezeichnung FOXP2 - ein Gen, von dem bekannt ist, dass es mit Sprache assoziiert ist. Niemand weiß, was FOXP2 genau tut, aber man weiß, dass Mutationen dieses Gens bei Menschen zu gravierenden Sprachproblemen führen. Die Betroffenen sind nicht in der Lage, Grammatik zu begreifen oder ihre Mundbewegungen zu kontrollieren, um Worte zu formen (3).
Krause erwartete, eine Neandertal-Version des Gens zu finden, die der "altertümlichen" Form, wie man sie bei Schimpansen findet, ähneln sollte und nicht der menschlichen Variante, die sich an zwei Punkten vom FOXP2 der Schimpansen unterscheidet. Doch genau diese Unterschiede fand er auch bei den Neandertalern. "Die meisten, wir auch, hätten erwartet, das Gen in seiner altertümlichen Form vorzufinden", sagt Krause. "Die Neandertaler haben uns ganz schön überrascht." Das Team hat seine Ergebnisse in Current Biology (4) veröffentlicht.
Es ist schwer zu sagen, was dieser Fund für die linguistischen Fähigkeiten unserer Verwandten bedeutet. "Der FOXP2-Status allein reicht nicht aus, die große Frage zu beantworten, ob die Neandertaler zur Sprache fähig waren", sagt der Neurowissenschaftler Simon Fisher, der FOXP2 am University of Oxford's Wellcome Trust Center for Human Genetics untersucht.

Schmutzige Knochen

Das Team räumt ein, dass es möglicherweise andere Erklärungen für ihre Resultate gibt: Die gesammelten Proben könnten von Nachkommen von Neandertalern und Menschen, die gemeinsam Nachkommen gezeugt haben, stammen, so dass die modernen Gene vom menschlichen Elternteil vererbt wurden. Es könnte auch sein, dass das FOXP2 durch Kontamination an der Fundstelle oder im Labor in die Proben gelangte.
Krause und seine Kollegen versichern, dass sie alles getan haben, um eine Kontamination zu verhindern: Sie benutzten nur Proben von Neandertalern, die unter sterilen Bedingungen ausgegraben und sofort eingefroren wurden; außerdem untersuchten sie mehrere andere Teile des Genoms, die sich bekanntermaßen bei Menschen und Neandertalern unterscheiden, um sicherzugehen, dass es sich bei der Probe tatsächlich um die Neandertaler-Sequenz handelt.
Es ist jedoch sehr schwer, diese Möglichkeit komplett auszuschließen, sagt Jeffrey Wall, Evolutionärgenetiker an der University of California in San Francisco, der die erneute Analyse der ersten Nature-Studie leitete.
Krause ist gespannt, was sie noch alles finden werden, wenn sie ihren Ansatz nutzen, um nach weiteren Genen zu suchen, die ebenfalls von großem Interesse für die Forscher sind, wie Gene, die für Hirngröße und Haarfarbe codieren.

(1) Green, R. et al. Nature 444, 330-336 (2006).
(2) Wall, J. D. & Kim, S. K. PLoS Gen. 3, e175 doi:10.1371/journal.pgen.0030175 (2007).
(3) Lai C. et al. Nature 413, 519-523 (2001).
(4) Krause J. et al. Curr. Biol. 17, doi:10.1016/j.cub.2007.10.008 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 18.10.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.177. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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