Evolution und Technik : Vom Feuerstein zur Mondfähre

Werkzeuge zu schaffen, liegt in der Natur des Menschen. Der technische Fortschritt hat auch die biologische Evolution beeinflusst

Hans-Günther Wagemann
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Tectum ambulans. Das "umhergehende Dach" ist eine der "postevolutionären Lebensformen" des Künstlers Reiner Maria Matysik. Es...Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2009

Technik begleitet den Menschen seit seiner Urgeschichte. Erste tastende Versuche waren darauf gerichtet, Werkzeuge zu schaffen und zu benutzen. Dazu gehörten die Bewahrung des Feuers, die Herstellung von Speeren zur Jagd und zur Verteidigung sowie das Schärfen der Feuersteinklingen und das Gerben der Tierfelle.

Diese ersten technischen Leistungen wurden von Familienverbänden erbracht, da Kinder, Alte und Frauen versorgt und geschützt werden mussten. Dabei war Kommunikation von entscheidender Bedeutung. So entstand vor fast einer Million Jahren eine einfache Sprache, um sich über Bedürfnisse abzustimmen und Erfahrungen auszutauschen. Das Sprechen veränderte Gehirn und Sprachorgan der Urmenschen. Technische und körperliche Entwicklung gingen dabei Hand in Hand.

Technische, biologische und kulturelle Evolution des Menschen bedingten sich gegenseitig

Die neuen Fähigkeiten veränderten vieles. Schon als Jäger der Urzeit zähmte der Mensch die ersten Haustiere, aus dem Wolf wurde der Begleiter Hund, aus dem Wildpferd sein Lasttier, aus dem Büffel die milchspendende Kuh. Dabei musste sich der menschliche Magen an den Genuss der Kuhmilch erst gewöhnen. Weitere physiologische Wandlungen waren nötig, als der Nomade sesshaft wurde, aus Gras Getreide gewann und verzehrte. Ebenso, als er aus gegorenen Früchten alkoholische Getränke bereitete und genoss. Indem wahrscheinlich technische Herausforderungen als Auslöser für physische und psychische Entwicklungen dienten, bedingten sich technische, biologische und kulturelle Evolution des Menschen gegenseitig.

Die körperliche Evolution des Menschen vollzog sich nach den Regeln, die Darwin für die Biologie erkannt hat. Der in den Stammzellen festgelegte Genotyp mit den DNA-Kombinationen der Eltern bewahrt die Wesenszüge der Spezies durch Vererbung, während sich der Phänotyp als das Individuum „im Leben“ zu bewähren hat und dafür durch die erfolgreiche Weitergabe seiner Gene an die nächsten Generationen belohnt wird.

Kulturelle und soziale Aspekte spielen eine wichtige Rolle

Wie ist dieser Zweierschritt von Vererbung und Bewährung in die Technik zu übersetzen? Die technische Leistung, die Erfindung oder „Invention“, entsteht meist durch intellektuelle Bemühung von Gruppen. Manchmal haben einzelne dafür bahnbrechende Ideen. Diese werden diskutiert, publiziert, patentiert und bilden als Wissensschatz den „Genotyp“ der Technik. Als Erscheinungsbild der Technik treten uns dann „Innovationen“ entgegen in Form von Geräten, Apparaten, Maschinen und Automaten – vom Feuersteinmesser des Urmenschen, den mit Rädern ausgestatteten Streitwagen der Sumerer, den Schwertern aus neuartigem Eisen der Hethiter bis hin zum Fluggerät des Otto von Lilienthal, dem ersten Kernreaktor des Enrico Fermi in Chicago, dem ersten MAC-Großrechner der MIT-Wissenschaftler oder der Eagle-Landefähre beim ersten Mondbesuch des Menschen.

Aber wie bewährt sich eine technische „Innovation“ in der Praxis, „im Leben“? Wo finden wir die Anpassungs- und Selektionsmechanismen wie in der biologischen Evolution? Die entscheidende Umgebung ist immer der „Markt“ mit seinen Spielregeln, auf dem angeboten wird, in Gegenwart von Konkurrenz. Heute wird meist versucht, mit Werbung die „Bewährung“ eines neuen Produkts auf dem Markt zu verbessern. Wenn kein Durchbruch gelingt, verschwindet es wieder, die Innovation hat gleichsam keine Nachkommen.

Technische Entwicklung und industrielle Produktion im Zeitalter der Hochtechnologien bilden einen sensiblen Prozess, bei dem kulturelle und soziale Aspekte eine wichtige Rolle spielen. Zunächst soll das neue Auto geräumig, schick und trotzdem sparsam sowie preiswert sein, damit der Kunde es annimmt. Gleichzeitig muss der Hersteller rationell mit seinen Betriebsmitteln umgehen, Baukasten-Strategien bei der Typenvielfalt anwenden, kleine Lagerhaltung der Bauteile verfolgen und möglichst wenige Mitarbeiter beschäftigen. Doppelte soziale Verantwortung zeichnet so den guten Unternehmer aus: zugunsten der Käufer, aber auch gegenüber der Belegschaft. Nicht nur einzelne Produkte, ganze Produktionsstandorte müssen sich am Markt bewähren. Evolution der Technik findet dabei immer neue Wege, soziale Stabilität in der Gesellschaft zu bewahren, obwohl diese häufig aus Profitgründen aufs Spiel gesetzt wird, was wir in jüngster Vergangenheit in vielen Branchen zu beklagen haben.

Das technische Prinzip beinhaltet, dass sich mit der Zeit Fehler einschleichen können

Es ist interessant, über Produkte nachzudenken, die sich auf dem Markt anpassen mussten, um ihre Existenz zu sichern. Die Informationstechnik bietet dafür viele Beispiele. Bedenken wir, wie die menschliche Gesellschaft den Verlauf ihrer Entwicklung dokumentiert hat. Die alten Ägypter schlugen ihre Geschichte mit Hieroglyphen für die Ewigkeit in den Fels. Im Mittelalter Europas berichteten Mönche handschriftlich auf haltbarem Pergament über die Zeitläufe. Gutenbergs Buchdruck schien alles zu perfektionieren, bis die Verbilligung der gedruckten Ware in den Vordergrund rückte und heute viele Bücher innerhalb weniger Jahre vergilben und unlesbar werden.

Die Technik erfand neue „Medien“ zur Speicherung von Informationen. Zunächst den papierenen Lochstreifen und die Lochkarten, danach die Magnetbänder aus Kunststoff, dann die Magnetscheiben als „Floppy Disc“ und schließlich die optisch-lesbare CD. Im Rechner ist heute neben der Magnetplatte ein Halbleiterspeicher eingebaut, der riesige Informationsmengen aufnimmt. Im Memory-Stick lassen sich auf kleinstem Raum ganze Bibliotheken speichern. Aber wie lange noch? Das technische Prinzip beinhaltet, dass sich mit der Zeit Fehler einschleichen können, bis irgendwann alles unlesbar ist. Werden künftige Generationen die Berichte unserer Zeit lesen können?

Solche Vorgänge wie der Verlust einmal erworbener Fähigkeiten finden aber auch in der biologischen Evolution statt. So büßte der Vogel Dronte seine Flugfähigkeit ein, weil er auf den Inseln im Indischen Ozean genügend Nahrung am Boden fand. Dadurch war er neuen Verfolgern wie eingeschleppten Ratten schutzlos bis zu seiner Ausrottung ausgesetzt.

Der augenscheinlich parallele Ablauf von biologischer Evolution und technischer Entwicklung begründete die kulturelle Evolution des Menschen. Wenn sich der Mensch in seinen vielfältigen Fähigkeiten evolutionär entwickelt hat, dann gilt dies auch für die vom Menschen gemachte Technik.


- Der Autor ist ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und war bis zu seiner Emeritierung 2003 Professor für Halbleitertechnik an der Technischen Universität Berlin.

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