Evolution : Wie viel Affe steckt im Mensch?

Das Tier in dir: Wo die Grenze zwischen Natur und Kultur verläuft – und was uns einzigartig macht.

Hartmut Wewetzer
HUNGARY-GOODALL
Die Affenversteherin. Die britische Primatenforscherin Jane Goodall im Diskurs mit einem Gorilla im Budapester Zoo.Foto: AFP

Legt man die Messlatte der Evolution an, dann existiert die menschliche Kultur noch nicht lange. Verglichen mit den Milliarden von Jahren, in denen das Leben sich auf der Erde entwickelte, nehmen sich ein paar Jahrtausende menschlicher Kultur wie ein winziger Zeitraum aus. Und doch verteidigen manche Sozial- und Geisteswissenschaftler die Einzigartigkeit des Menschen und seiner Kultur umso vehementer, je mehr Genetik und Hirnforschung den Menschen in einen großen evolutionären Zusammenhang stellen. Forschern, die auch in der Zivilisation die Biologie am Werk sehen, werfen sie vor, den Menschen zu erniedrigen, „Reduktionismus“ zu betreiben.

Wie viel Affe steckt wirklich im Menschen, und wie viel Mensch im Affen? Peter Hammerstein, Biologe an der Berliner Humboldt-Universität, versuchte bei einer Podiumsdiskussion der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften unter dem Motto „Die geselligen Affen“, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Sozialverhalten von Mensch und Tier herauszuarbeiten.

Schimpansen besitzen, wenn auch nur in einem bescheidenen Maße, durchaus kulturelle Traditionen. Denn sie lernen voneinander – etwa, wie man Nüsse mit Steinen knackt oder Weintrauben aus einer komplizierten Versuchsapparatur angelt. Affen geben also Wissen untereinander weiter, und sie haben noch andere erstaunliche Fähigkeiten. So können sie das Verhalten ihres Gegenübers im Voraus einschätzen, sich in seine Haut versetzen. Wird es eng für den Menschen?

Es gibt auch wesentliche Unterschiede. Dazu gehört aus Sicht Hammersteins, dass der Mensch Wissen ansammeln kann, es also über Generationen anreichert und vermehrt. Ein Beispiel dafür ist das Kajak, dessen heutige Form sich über lange Zeit entwickelte. Zudem sei der Mensch dazu imstande, in großen Gruppen zusammenzuarbeiten, was Hammerstein mit dem Bild eines Hausbaus der Amish illustrierte. Und schließlich gibt es in der menschlichen Gesellschaft Kontrolle und Bestrafung. „Deshalb funktioniert die Kooperation“, sagte Hammerstein.

Der Trick am Lernen ist, dass es Kosten spart. Wer imitiert, was andere vormachen, braucht nicht alles selbst auszuprobieren. Das Nachahmen stärkt zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl und kann eine kulturelle Evolution der Gruppe fördern. Und es kommt sogar zu einem Wechselspiel: Eine Gruppe, die bestimmte Eigenschaften wie den Konformismus fördert, andere aber bestraft, formt damit mittelbar auch die Erbanlagen ihrer Mitglieder. Nicht nur Gene prägen die Kultur – auch die Kultur die Gene.

Trotzdem bleibt auch der moderne Mensch ein Produkt der Evolution. Wie sich diese auf sein Denken auswirkt, studiert der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Genüsslich und mit sarkastischem Humor zerlegte Gigerenzer in seinem Vortrag die bombastischen intellektuellen Konstruktionen so mancher Ökonomen, die das Heil der Wirtschaft in einem Wust von Formeln sehen, mit deren Hilfe Allwissenheit und damit Gewinnmaximierung erreicht werden soll.

Gigerenzer setzt die Weisheit der Evolution dagegen, und die lautet: Denke einfach. Es ist die Logik eines Wesens, das bei seinen Entscheidungen nur wenig Wissen, Zeit und Ressourcen zur Verfügung hat. Und das dennoch überlebt hat.

Er verdeutlichte das an einem Sportler, der einen Ball fängt. Der Sportler handle so, als löse sein Gehirn komplizierte Differenzialgleichungen, um die Kurvenbahn des Balls, seine Geschwindigkeit und die des Fängers zu berechnen. Aber die Wirklichkeit sei viel simpler. Es genügten drei Schritte: Der Ball müsse fixiert werden, der Fänger in seine Richtung laufen und dabei den Winkel zum Ball mehr oder weniger gleichhalten.

Wer nun erwartet hatte, dass die versammelten Sozialwissenschaftler dem Biologen Hammerstein und dem Psychologen Gigerenzer Paroli bieten würden, um die Sonderrolle des Menschen zu verteidigen, sah sich getäuscht. Der Soziologe Hartmut Esser von der Universität Mannheim entwarf eine Art Stufenmodell des Menschen, in dem sich angeborene Reflexe, gelerntes Verhalten und rationales Handeln im „Homo culturalis“ vereinen. Kein Widerspruch zur Evolutionstheorie, sondern ihre Integration.

Peter Weingart, Soziologe an der Universität Bielefeld, betonte den Nutzen einer fächerübergreifenden Zusammenarbeit der Disziplinen. Es gebe einen fruchtbaren Austausch, die Zeit unüberwindbarer Gegensätze sei vorbei.

Wenn es etwas gibt, wohin der lange Arm der Biologie nicht reicht, dann sind es aus Weingarts Sicht am ehesten die großen sozialen Systeme. So wies er das Ansinnen einiger Hirnforscher zurück, die den freien Willen infrage stellen und in letzter Konsequenz damit auch die Verantwortung des Täters. „Gesellschaften brauchen Schuld und Sühne, um sich zu reflektieren“, sagte Weingart.

Mit einem anderen Beispiel rief er jedoch Widerspruch hervor. Bei der Formulierung eines Gesetzes gehe es darum, „Formen der Gerechtigkeit“ umzusetzen, sagte Weingart. „Das Steuerrecht ist so kompliziert, dass nicht einmal mein Steuerberater es versteht“, konterte Gigerenzer. Vielleicht aber ist ja gerade das deutsche Steuersystem eine List der Evolution. Wer seine Prüfungen überstanden hat, der ist bestens für die Zukunft gewappnet. Affen zahlen keine Steuern.

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