Evolutionspsychologie : Der Gottesinstinkt

Evolutionsforscher vermuten, dass Religiosität ein Teil unserer Natur ist.

Kai Kupferschmidt

Max Planck war als Wissenschaftler eine Ausnahmeerscheinung. Nicht nur, weil er ungewöhnlich einflussreich war und mit der Quantenphysik unsere Vorstellungen der Welt grundlegend verändert hat, sondern auch, weil er als Naturwissenschaftler dennoch ein gläubiger Mensch war. Nach der Hinrichtung seines Sohnes Erwin in den Nachwehen des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 schrieb er einem Freund, „dass ich als eine Gnade des Himmels betrachte, dass mir von Kindheit an der feste, durch nichts beirrbare Glaube an den Allmächtigen und Allgütigen tief im Inneren wurzelt“. Ein Bekenntnis des Physikers zum Glauben und ein Irritationspunkt für viele andere Naturwissenschaftler. „Wie kann dieses großartige Gehirn, das so viel geleistet hat, gleichzeitig an Gott glauben?“, fragt Eckart Voland, Soziobiologe an der Uni Gießen.

Diese Frage treibt viele Forscher um. „Wir alle wissen, dass man nicht über Wasser laufen kann, dass man Tote nicht zum Leben erwecken kann“, sagt Voland. Trotzdem: Als Mensch war Max Planck eher die Norm. „Soweit man weiß, hat es keine Gesellschaft geschafft, ganz ohne Religion auszukommen.“ Laut Umfragen glaubt über die Hälfte der Deutschen an Gott oder ein höheres Wesen. Fragt man nach der Auferstehung Jesu oder dem ewigen Leben, werden die Zustimmungsraten zwar deutlich kleiner, aber der Glaube an etwas Höheres ist anscheinend tief im Menschen verankert – in unserer Natur, sagen immer mehr Forscher.

Der Mensch - zum Glauben geboren?

Wie etwa der aufrechte Gang, so die Theorie, sei auch der Glaube an Gott eine evolutionäre Anpassung. Vieles spricht dafür: „Glauben ist so alt wie der Mensch“, sagt Voland und verweist auf die Ergebnisse von Archäologen und Paläoanthropologen, die die transzendenten Vorstellungen des Menschen 60 000 Jahre in die Vergangenheit zurückverfolgt haben – anhand von Bestattungen, Grabbeigaben, Felsritzungen. Manche sagen sogar: Seit es uns, seit es Homo sapiens gibt, glauben wir auch.

Auch psychologische Untersuchungen an Kindern stützen die These, Religiosität sei ein grundsätzlicher Bestandteil der menschlichen Psyche. Viele Studien haben die Innenwelt von Kindern im Vorschulalter untersucht – und dabei Interessantes zutage gefördert: Kinder denken die Welt vom Ziel her. Fragt man sie, warum es Tiere gibt, antworten sie: „Um in einen Zoo zu kommen.“ Wolken gibt es, „damit es regnet“. Die Kinder scheinen außerdem intuitiv zwischen Geist und Materie zu unterscheiden, toten Individuen sprechen sie Gedanken und Gefühle zu. Andere Experimente haben ergeben, dass Kinder unter fünf Jahren allen Handelnden Allwissen unterstellen. Glauben an eine zielgerichtete Welt, an geistige Zustände nach dem Tod, an allwissende Wesen: perfekte Zutaten für einen religiösen Menschen. Die amerikanische Psychologin Deborah Kelemen kommt dann auch zu dem Schluss, Kinder seien „intuitive Theisten“, geborene Gläubige.

Aber warum sollten Menschen zum Glauben geboren sein? Wenn Religiosität wirklich evolutionär entstanden ist, wenn es eine Anpassung des Menschen darstellt, dann ist das erstaunlich. Denn in der Natur vermehren sich nur Eigenschaften, die für den Träger von Vorteil sind und langfristig die Zahl der Nachfahren erhöht, das war Darwins große Erkenntnis. Religiosität brachte für unsere Vorfahren aber vor allem Kosten mit sich: Regelmäßige Gemeinschaftsveranstaltungen, Opfer, Initiationsriten. „Wer wie die Amischen fünfmal am Tag beten muss, der kann in der Zeit nicht arbeiten“, fasst Voland das Dilemma zusammen.

Ist der Glaube an Gott unser Pfauenschwanz?

Viele religiöse Praktiken führen zu Nachteilen im täglichen Kampf ums Überleben. Wer sich selbst geißelt etwa, oder sich an bestimmte Tabus hält, der hat im Konkurrenzkampf mit anderen zunächst einen Nachteil. Aber möglicherweise ist genau das auch das Ziel von Religion. „Man nennt das ehrliche Signale“, erläutert Voland. Ehrliche Signale sind offensichtliche Nachteile, die Individuen in Kauf nehmen, um zu zeigen, dass sie es sich leisten können. Das klassische Beispiel ist die üppige Federpracht des Pfaus, die Darwin einst Kopfzerbrechen bereitete: Wie kann so ein nutzloses, veschwenderisches Schauobjekt sich in der Evolution durchsetzen? Immerhin lockt das Gefieder Feinde an und behindert das Tier bei seinen Bewegungen. Heute wissen wir, dass es genau das soll. Der Pfau signalisiert damit: Ich bin so fit, dass mir all das nichts ausmacht. Ein Signal, das sich nicht fälschen lässt.

So ähnlich könnte Religiosität funktionieren: Wer als Außenstehender auf eine Gruppe trifft, kann zwar behaupten, er sei ehrlich und werde sich an sein Wort halten. Aber woher weiß die Gruppe, dass er sie nicht ausnutzen wird? Das Wort ist billig, Initiationsriten hingegen können sehr teuer sein. Wer sich diesem Ritus unterwirft, der beweist, dass es ihm ernst ist. „Das haben Sie auch im Golfclub“, sagt Voland. „Da zahlen Sie mehrere zehntausend Euro Aufnahmegebühr. Wenn Sie dann bewiesen haben, Sie gehören zu den Besserverdienenden, sind Sie herzlich eingeladen.“

Erleichtert der Glaube an Gott die Ordnung auf Erden?

Aber wo es heute nur noch um die Verbesserung des Handicaps geht, ging es früher um Leben und Tod. Die Forscher Richard Sosis und Eric Bressler haben 83 US-amerikanische Gründergemeinschaften des 19. Jahrhunderts untersucht. Ihr Fazit: Gemeinschaften mit religiösem Fundament überlebten im Durchschnitt länger. Der Einfluss der „ehrlichen Signale“ ist dabei eindeutig zu erkennen: Je mehr „ehrliche Signale“ eine religiöse Gemeinschaft ihren Mitgliedern abverlangte, umso größer war ihre Chance, lange zu bestehen.
Religiosität könnte also eine wichtige Rolle dabei spielen, soziale Kooperation zu festigen. Denn im Konflikt zwischen Eigeninteresse und Gemeinwohl siegt häufig das Eigeninteresse. So tricksen viele Bundesbürger bei ihrer Steuererklärung, obwohl sie die Vorzüge des Staates gerne genießen. Normen zu überwachen und Übertretungen zu bestrafen, kostet Zeit und Geld. Die Religion übergibt diese Aufgabe von weltlichen Richtern an Gott – und sorgt so gleichzeitig dafür, dass die Mitglieder der Gruppe auch dann ein Interesse haben, sich an die Normen zu halten, wenn niemand sie beobachtet.

Werden gläubige Menschen schneller gesund?

Aber nicht nur die Gruppe, auch das Individuum profitiert womöglich von der angeborenen Religiosität. Schon lange versuchen Forscher, herauszufinden, ob gläubige Menschen schneller von Krankheiten genesen, Schicksalsschläge besser verkraften als Menschen, die nicht an Gott glauben. Viele Studien deuten darauf hin, dass dies in der Tat der Fall ist.

Der Philosoph Gerhard Schurz von der Universität Düsseldorf ist überzeugt: „Religiöser Glaube hat einen massiven Placeboeffekt.“ Das Wort Placebo bezeichnet eigentlich Scheinmedikamente. Gibt man Patienten diese „leeren“ Pillen, so ist häufig dennoch eine Verbesserung der Symptome zu beobachten, der Placeboeffekt. Einzige Voraussetzung: Der Patient muss glauben, er nehme ein echtes Medikament. „Der bloße Glaube an die Heilung bewirkt, dass die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert werden“, sagt Schurz.

Ganz ähnlich könnte es beim religiösen Glauben zugehen. Alleine die Überzeugung, Gott halte eine schützende Hand über den Menschen, sorgt nach Schurz’ Meinung für eine bessere Gesundheit. Psychologieprofessor Eckart Straube hat das Phänomen untersucht – und ist überzeugt, dass die Möglichkeit, Krankheiten mit Hilfe des religiösen Placeboeffektes zu behandeln, einer der entscheidenden Überlebensvorteile des frühen Menschen war.

Zur Zeit der Jäger und Sammler waren es wohl Schamanen, die die Selbstheilungskräfte des Körpers heraufbeschworen. „Je stärker ich die Fantasie anstoße mit einem Ritus, umso eher kommt es zu einem Heilungserfolg“, sagt Straube – und verweist auf Studien, die gezeigt haben, dass der Placeboeffekt umso stärker ist, je größer die Pille, die verabreicht wird, und je kräftiger sie gefärbt ist. Auch Schurz sieht darin den entscheidenden Vorteil: „Wenn ein Medizinmann eine Krankheit heilt, wird sein Heilungserfolg umso größer sein, je mehr er den Placeboeffekt einsetzen kann, und das kann er am besten, wenn er den Patienten überzeugt, mit einem Heil spendenden Gott in Verbindung zu stehen.“

Bei so vielen guten evolutionären Argumenten für die Religiosität stellt sich die umgekehrte Frage: „Es spricht eigentlich alles dafür, dass wir Religion oder Glauben brauchen“, räumt Straube ein. „Ich glaube, die schwierigste Frage ist: Warum sind Menschen heute Atheisten?“

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