Wissen : Exzellent im Randgebiet

Geisteswissenschaftler suchen gemeinsame Qualitätsstandards. Aber können sich breit angelegte Fächergruppen auch darauf einigen?

Eva Maria Götz

Kann sich eine Fächergruppe, die so breit angelegt ist wie die Geisteswissenschaften, auf gemeinsame Qualitätsstandards einigen? „Kollegen in den großen Fächern können kaum noch miteinander sprechen und auch nicht mehr erkennen, was sie noch gemeinsam haben an Methoden und Gegenständen“, sagte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert jetzt auf einem Symposium in der Humboldt-Universität (HU). Die Suche nach Standards war ein später Höhepunkt im Jahr der Geisteswissenschaften; das Thema treibt die Zunft ebenso um wie etwa der Zeitmangel für geisteswissenschaftliche Forschung.

Fächer wie Germanistik, Geschichtswissenschaft oder Soziologie fielen auseinander, weil es keinen Konsens mehr gäbe über einen verbindlichen Kanon und über nachvollziehbare Leistungskriterien, kritisierte Herbert. Bedenklich seien die Leistungsunterschiede zwischen einzelnen Universitäten, manchmal sogar innerhalb einzelner Institute. Auch gäbe es Examensprüfungen, die kaum mehr Abiturniveau hätten, und auf der anderen Seite nie da gewesene Spitzenleistungen bei Promotionsabschlüssen. Junge Wissenschaftler stünden unter Originalitätsdruck und seien Experten für Randgebiete ihres Faches, aber nicht in der Lage, den Studierenden das Handwerkszeug und die Grundbegriffe zu vermitteln.

Eine hochschulübergreifende Diskussion darüber, was der Kernbereich und der aktuelle Kanon eines Faches sei, hält Ulrich Herbert für dringend notwendig. Außerdem gehörten die Prüfungsordnungen selbst auf den Prüfstand und es solle über einen Bewertungsindex für Professoren nachgedacht werden.

Handlungsbedarf sieht auch Stefan Hornbostel, Leiter des Instituts für Forschungsinformation an der HU. Er forderte, zunächst einmal Datenbanken aufzubauen, in denen die veröffentlichten Texte aller Kollegen einsehbar und überprüfbar seien. „In den Naturwissenschaften ist sehr viel mehr Reflexionsarbeit geleistet worden: Was ist unsere Basis, wie schaffen wir Wissen, wie separieren wir Falsches vom Richtigen.“ Die Folge sei, dass es heute in den Naturwissenschaften besser ausgebaute Bewertungsmaßstäbe gebe, wenn es um Qualitätsfragen geht.

„Sorgfalt im Umgang mit Quellen und Befunden, Stringenz und Transparenz der Argumentation sind doch schon jetzt die Grundlagen, an denen man sich orientiert“, sagte dagegen der Archäologe Luca Giuliani, Rektor des Wissenschaftskollegs. Auch Manfred Niessen, Leiter der Fachgruppe Geistes- und Sozialwissenschaften der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), meinte, die Geisteswissenschaften hätten durchaus Qualitätskriterien, an denen sich die DFG bei ihrer Drittmittelvergabe auch orientiere: Da gehe es um „einen methodisch soliden Ansatz, eingebettet in den relevanten Stand der Literatur, belastbar in den Ideen und das nach einer Urteilsbildung der Besten in den Fächern“.

Nicht mangelnde Kriterien, sondern die Situation an den Unis schaffe die Probleme, sagte Jutta Almendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Überforderten Hochschullehrern, die zu viele Stunden geben müssen, bleibe zu wenig Zeit für qualitativ hochwertige Forschung. In überfüllten Seminare sei eine individuelle Betreuung Studierender kaum möglich. Hubert Markl, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, forderte einen Bewertungsindex, um die Mittelvergabe bei Forschungsvorhaben zu regeln. Bei Entscheidungen in Berufungsverfahren aber seien mechanische Methoden wie ein strenges Punktesystem nicht zu gebrauchen. Einig waren sich Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie Wissenschaftsmanager zumindest in einem: Die Veröffentlichungen in großen wissenschaftlichen Zeitschriften müsste in den „Humanities“ größeres Gewicht erhalten. Deutschland müsse hier wieder den Anschluss an internationale Gepflogenheiten bekommen. Eva Maria Götz

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