Exzellenzinitiative : Aufbruch in die Sternenliga

Die Humboldt-Universität gehört weiter zu den Favoritinnen im Kampf um den Titel "Exzellenzuniversität". Doch die Konkurrenz ist stark und gibt sich siegesgewiss.

von
Um die Wette forschen. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind unter den Juroren weiter unterrepräsentiert.
Um die Wette forschen. Geistes- und Sozialwissenschaftler sind unter den Juroren weiter unterrepräsentiert.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Es ist die letzte Chance. Universitäten, die am heutigen Mittwoch die Vorrunde des Exzellenzwettbewerbs nicht überstehen, werden nicht mehr in die kleine Schar der „Exzellenzuniversitäten“ aufsteigen können. Denn weitere Runden dieser Leistungsshow plant die Politik nicht. Sie denkt vielmehr schon an die Besten der Besten, die in ein paar Jahren aus den neun bis 12 „Exzellenzuniversitäten“ zu Bundesuniversitäten aufsteigen könnten.

Für die Humboldt-Universität, seit Jahren eine Favoritin für das „Exzellenz“-Label wie für den Status der „Bundesuniversität“, ist der Sieg trotzdem keine Schicksalsfrage, betont ihr Präsident Jan-Hendrik Olbertz immer wieder. Gelassenheit ist nötig. Die HU ist in den ersten zwei Durchgängen des Wettbewerbs, 2006 und 2007, entgegen aller Erwartungen nicht unter die happy few gekommen. Die Vorrunde am heutigen Mittwoch dürfte die HU zwar noch souverän überstehen. Doch bei der Schlussauswahl am 15. Juni nächsten Jahres muss sie sich mit anderen hoch gehandelten Konkurrentinnen durch ein Nadelöhr zwängen.

Wie groß dieses Nadelöhr ist, steht noch nicht einmal fest. Neun Exzellenzuniversitäten sind bereits gekürt worden. Mehr als fünf neue soll es aber nicht geben, hat die Politik beschlossen und zugleich die Gesamtzahl der „Eliteunis“ auf höchstens 12 begrenzt. Das heißt, nur wenn zwei der bereits gekürten Unis Platz für zwei neue machen, werden fünf neue hinzukommen. Aber auch nur eine neue ist theoretisch möglich.

So weiß die Humboldt-Universität nur, dass sie in einem scharfen Wettbewerb steht. 22 Universitäten haben sich jetzt mit ihrem Zukunftskonzept beworben. Etwa ein Dutzend von ihnen dürfte heute schon in der Vorrunde scheitern. Nicht minder hart ist das Ringen um Cluster, große interdisziplinäre Forschungsvorhaben, und um Graduiertenschulen für den Nachwuchs (siehe unten).

„Der Wettbewerb hat sich enorm verschärft, das Antragsniveau ist erheblich höher geworden“, sagt FU-Präsident Peter-André Alt. „Gehirnschmalz und eine Hilfskraft reichen nicht mehr.“ Um die Chancen ihrer Universitäten zu verbessern, haben mehrere Bundesländer eine Anschubfinanzierung gewährt. Mehr Personal und neue Geräte sollen die Qualität der Anträge verbessern, die Erfolgschancen steigern. Die Starthilfe für die Berliner Universitäten hat Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner auf insgesamt 10,8 Millionen Euro beziffert. Die Unipräsidenten hoffen auf mehr Geld, sobald bekannt ist, welche Projekte die Vorauswahl überstehen. TU-Präsident Jörg Steinbach wünscht sich Gebäude für die neuen Forschergruppen: „Die TU platzt aus allen Nähten.“

In einem Hinterzimmer eines Berliner Restaurants sitzen einige Kulturwissenschaftler. Es wird über den Exzellenzwettbewerb gesprochen. Auch gelästert. Eine Professorin sagt, im Frankfurter Philosophie-Cluster könnten Tagungsgäste exzellente Schnittchen essen. Sie bekämen auch Bembel mit dem „Vereinslogo“ des Clusters geschenkt. Es sei wohl schwierig, das viele Geld auszugeben. In diese – an deutschen Unis seltene – Lage des Überflusses würden die Wissenschaftler am Tisch auch gerne kommen. Die Professorin sagt, dass sie ihre Forschung, die schon begonnene Monografie, gerade schleifen lässt, um lieber den großen Cluster-Antrag aufzubocken: „Alle haben Dollar-Zeichen in den Augen.“

Forscher, die Anträge schreiben, anstatt zu forschen: An deutschen Universitäten ist das inzwischen typisch: „Es geht nicht nur um die besten Ideen, sondern um die besten Anträge“, sagt HU-Präsident Olbertz. „Das kostet Kraft und Zeit.“ Doch die Grundmittel für die Hochschulen gehen bundesweit immer weiter zurück, immer mehr Geld muss im Wettbewerb eingeworben werden. Darum nehmen auch die zu Skepsis neigenden Geistes- und Sozialwissenschaftler die als technokratisch empfundene Antragskultur des Exzellenzwettbewerbs auf sich. Und sie teilen einander Funktionen zu, von denen man in Deutschland vor dem Wettbewerb noch nichts wusste: Im Cluster kann man Principal Investigator werden, Adjunct Investigator, Senior Investigator, Main Supervisor, Co-Supervisor oder auch nur Deputy.

Über den Exzellenzwettbewerb ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden. Auf der Haben-Seite wird verbucht, dass eine neue „Dynamik“ die Universitäten erfasst habe, Forscher sich miteinander in bis dahin nicht gekannter Weise vernetzen und die Forschung so mit neuen interdisziplinären Aha-Erlebnissen bereichern.

Auf der Negativ-Seite steht, dass die vielen Projekte einen Personalbedarf verursachen, der kaum zu decken ist. Über 4000 Wissenschaftler sind mit dem Wettbewerb zusätzlich an die Hochschulen gekommen. Die Exzellenzcluster saugen den Markt leer – zulasten anderer nicht gekrönter Einrichtungen. Und selbst „Exzellenzprojekte“ müssen sich mit Personal aus der zweiten Reihe begnügen, weil andere Cluster schneller waren. Weithin kritisch wird auch beobachtet, dass Professoren, die mit ihrem Cluster erfolgreich waren, ihr Leben jetzt der Forschung weihen. Die Studierenden im Bachelor werden von unbekannten Nachwuchswissenschaftlern unterrichtet.

Umstritten ist vor allem das erklärte politische Ziel des Wettbewerbs: die „Ausdifferenzierung“ der Unilandschaft. Starke Forschungsuniversitäten sollen international sichtbarer werden. Die Mehrheit der Universitäten soll ihren Schwerpunkt in der (forschungsbasierten) Lehre sehen. FU-Präsident Peter-André Alt hält es für richtig, dass man sich von „dem schönen Mythos“ verabschiedet hat, alle Unis seien gleich. Die dauerhafte Zuweisung von bestimmten Unis in die „Sternenliga“ und anderen in die „Kreisklasse“ sei aber auch eine „Fiktion“: „Im Fußball gewinnt auch nicht nur immer Bayern. Und Geld allein schießt auch keine Tore“, sagt Alt. Auch innerhalb einer Universität werde man nicht endlos vermeintlich weniger exzellente Bereiche wegfallen lassen können, um die Stärken zu stärken: „Das beschädigt die Fächervielfalt.“

Der Elitenforscher Michael Hartmann, Soziologe an der TU Darmstadt, sieht weitere negative Folgen der "Ausdifferenzierung" und der "Profilbildung". Etwa in der Guttenberg-Affäre. Für die Hochschulen werde es immer wichtiger, sich mit prominenten Namen zu verbinden, um sich abzuheben. Darum sei es der Universität Bayreuth auch so schwer gefallen, sich sofort von ihrem Star zu trennen, etwa den Werbefilm mit Guttenberg aus dem Internet zu nehmen: „Die Uni hat ja nicht so viel, um sich von Konkurrenten positiv zu unterscheiden“, sagt Hartmann. Ähnlich habe die Frankfurter Goethe-Universität den Banker Josef Ackermann zu ihrem Honorarprofessor ernannt, die Freie Universität Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan. Zu Zeiten der Exzellenzinitiative sei Kritik aber so unerwünscht wie nie zuvor: „Wer etwas Negatives sagt, gilt als einer, der das Image seiner Hochschule beschädigt“, sagt Hartmann. Dabei steigere nicht das neue „Wir-Gefühl“ und ein kostspieliges neues Logo die Reputation einer Uni, sondern gute Leistungen in der Forschung.

Der Politologe Michael Zürn, Direktor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), hält das politische Ziel der „Ausdifferenzierung“ zwischen den Hochschulen hingegen für richtig. Das Auswahlverfahren des Wettbewerbs hat er aber von Anfang an kritisiert – ist damit aber nicht durchgedrungen.

In der kommenden Runde sind die Geistes- und Sozialwissenschaftler in der Fachkommission gemessen an der Bedeutung der Fächer in den Universitäten so unterrepräsentiert wie in den ersten beiden Durchläufen des Wettbewerbs: „Projekte aus den Technik- und Naturwissenschaften haben es schon darum leichter, eine Mehrheit zu bekommen“, sagt Zürn. Er hatte eine Vorsortierung in „Wissenschaftskörbe“ vorgeschlagen, um das Verfahren transparenter zu gestalten und die Chancen der Geistes- und Naturwissenschaften zu verbessern. Vertreter der großen wissenschaftlichen Gebiete sollten zunächst untereinander klären, welche Anträge als Top eingestuft werden, hatte Zürn angeregt. Tatsächlich bleibt es aber dabei, dass die Fachkommission versucht, auf der Basis von fünfminütigen Vorträgen der Gutachter alle Anträge miteinander zu vergleichen.

Skeptisch ist Zürn auch hinsichtlich der neuen Wettbewerbsregel, wonach die beantragten Forschungsprojekte auch positive Wirkungen auf die Lehre entfalten müssen: „Der Wettbewerb wird so immer mehrdimensionaler.“ Anders als bei einem Zehnkampf sei aber nicht klar definiert, wie viele Punkte es am Ende für eine bestimmte Disziplin gibt. Schon bei den beiden ersten Durchgängen seien unterschiedliche Maßstäbe angelegt worden: Bei manchen Hochschulen wurde das Versprechen auf eine in Zukunft exzellente Entwicklung stark gewichtet, bei anderen ihre ruhmreiche Vergangenheit. Zürn ist der Meinung, dass der Wettbewerb – ein Wettbewerb um die beste Forschung – mit dem Kriterium Lehre weiter an Legitimität einbüßt.

Wer kommt also diesmal ans Ziel? Und welche schon bestehenden Projekte und Eliteunis müssen im kommenden Jahr absteigen, um Platz für andere zu machen? Hinter den Kulissen lesen die Professoren im Kaffeesatz. Die DFG halte es nicht für gut, mehr als zehn Prozent der bereits laufenden Projekte bei der Endrunde im nächsten Jahr gegen neue auszutauschen, ist zu hören. Nicht nur dauert es, bis die riesigen Cluster sich überhaupt in Bewegung setzen, die Stipendiaten in den Graduiertenschulen sitzen. Auch werden DFG und Wissenschaftsrat den Eindruck vermeiden wollen, die Gutachter hätten in den ersten beiden Runden des Wettbewerbs in vielen Fällen daneben gelegen und müssten sich jetzt korrigieren. Für die wenigen Universitäten, Cluster und Graduiertenschulen, denen der Eliteorden mitten im Lauf von der Brust genommen wird, wird das dann allerdings umso schamvoller.

Siegesgewiss zeigt sich schon jetzt die TU Dresden: Der Rektor hat für heute bereits Wissenschaftler und Journalisten in den Festsaal der Uni eingeladen, um mit ihnen gemeinsam die Pressekonferenz der DFG im Internet zu verfolgen. In der Gerüchteküche gehört Dresden zu den am häufigsten genannten Favoritinnen. Mag die Uni auch in einer Liga mit anderen TUs spielen: Spätestens, wenn die Politiker in die Entscheidung eingreifen, wird die Ost-Uni gekürt werden, um die bisherige West-Lastigkeit des Wettbewerbs wenigstens ein bisschen auszugleichen, wird von vielen behauptet.

Als schon „gesetzt“ gilt auch die Uni Frankfurt/Main. Schon als Stiftungsuniversität könnte sie sich empfehlen. Vor allem hat sie unter den Neubewerberinnen in der ersten Phase des Wettbewerbs mit großem Abstand das meiste Geld in der Exzellenzinitiative eingespielt: 65 Millionen Euro für drei Cluster.

Nach dieser Logik – da, wo schon viel Geld aus dem Wettbewerb hingeflossen ist, wird noch mehr hinzukommen – hätte die Humboldt-Universität gute Chancen. Sie folgt im Mittelranking des Exzellenzwettbewerbs auf – das nicht als chancenreich geltende – Kiel und Erlangen-Nürnberg.

Auf einen Sektempfang, wie die TU Berlin ihn heute plant, verzichtet die Humboldt-Universität jedoch lieber. Und hofft, dass sie im Sommer nächsten Jahres richtig feiern kann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben