Exzellenzinitiative : Kampf um die Krone

Der Elitewettbewerb der Universitäten steht vor der Entscheidung: Welche Chancen haben die acht Kandidatinnen?

Anja Kühne,Tilmann Warnecke
Eliteuniversität
Universitäten aus vier Bundesländern sind im Rennen um den Elitestatus. -Foto: ddp

Am 19. Oktober fällt die vorerst letzte Entscheidung in der Exzellenzinitiative. Für Deutschlands Universitäten ist das ein dramatischer Moment. Schließlich wird der Elitewettbewerb die deutsche Hochschullandschaft völlig umkrempeln, darüber sind sich die Beobachter einig – ob sie die Initiative nun positiv oder kritisch sehen (siehe Kästen rechts). Wie sind die Chancen für die acht noch im Rennen stehenden Kandidatinnen?

Das hängt nicht zuletzt von der Zahl der Unis ab, die die Juroren schließlich küren wollen. Diese ist aber noch unbekannt. Im ersten Durchgang vor einem Jahr haben Vertreter der Wissenschaft deutlich gemacht, dass für sie Elite etwas äußerst Exklusives ist. Ihre Kommission ließ nur drei von zehn in die Endrunde gekommenen Kandidatinnen aufs Siegertreppchen: die beiden Münchener Unis und Karlsruhe. Doch damals kam es zum Eklat. Die Wissenschaftsmanager hatten die Politiker bei der Entscheidung überraschend übergangen. Empörte Länderminister erwogen damals, den Rücktritt des damaligen DFG-Präsidenten und Kommissionsvorsitzenden Ernst-Ludwig Winnacker zu fordern. Schließlich protestierten Bund und Länder jedoch, indem sie eine Sperre über zehn Prozent der Projektmittel verhängten. In dieser Runde werden die Politiker es sich jedenfalls nicht nehmen lassen, bei der Auswahl kräftig mitzumischen, ist zu hören. Und Bund und Länder tendierten dazu, diesmal eine größere Zahl von Hochschulen als Eliteunis zu fördern, vielleicht fünf oder gar sechs von acht.

Bis zu zehn Universitäten könnten insgesamt den Exzellenzstatus erhalten, hatte es noch geheißen, als der Wettbewerb 2005 ins Leben gerufen wurde. Allerdings sind der Zahl der Eliteunis finanzielle Grenzen gesetzt. Von den 1,9 Milliarden Euro, die für beide Runden des Wettbewerbs zur Verfügung stehen, wurden für die Sieger in der ersten Runde mit 873 Millionen Euro bereits fast die Hälfte ausgegeben. Würde man also jetzt fünf oder sechs Unis wählen, müssten ihre Konzepte deutlich billiger umzusetzen sein als die der ersten drei Sieger – es sei denn, die Politik würde überraschend zusätzliches Geld zuschießen.

Die Chancen einer Hochschule hängen auch noch von anderen Faktoren ab. Die Regeln sehen vor, dass Eliteuni überhaupt nur werden kann, wer mindestens einen Exzellenzcluster und eine Graduiertenschule gewonnen hat. Aachen und Heidelberg sind die einzigen Kandidatinnen, die diese Voraussetzung bereits in der ersten Runde des Wettbewerbs erfüllt haben. Die anderen sechs müssen in einer der beiden Linien jetzt noch ein Vorhaben durchkämpfen: der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität, Bochum und Freiburg fehlen ein Cluster, Göttingen und Konstanz eine Graduiertenschule.

Allerdings: Im ersten Durchgang vor einem Jahr griff die „Gemeinsame Kommission“ den von ihr als Eliteuniversitäten gewünschten Hochschulen am Ende des mehrstufigen Verfahrens unter die Arme: Die TU München und Karlsruhe erhielten ihre bis zum Schluss auf der Kippe stehenden Cluster und/oder ihre Graduiertenschule schließlich und konnten so zu Eliteunis werden (Tagesspiegel vom 17. Oktober 2006). Sollte die Kommission auch in dieser Runde von dem Gesamtkonzept einer Universität vollauf überzeugt sein, könnte sie deren Scheitern an einer wackelnden ersten oder zweiten Säule wiederum verhindern.

Eine verbesserte Ausgangsposition könnten diesmal jene vier Finalistinnen haben, die bereits im vergangenen Jahr in der Endrunde standen. Denn sie haben von den Gutachtern damals ausführliche Hinweise bekommen, die sie für ihre neuen Vollanträge nutzen konnten.

Vor eine große Aufgabe dürfte das die RWTH Aachen gestellt haben. Denn an ihrem ersten Zukunftskonzept kritisierte das vertrauliche Gutachten, das dem Tagesspiegel vorliegt, damals eine Fülle von Punkten. Vor allem fügten sich die geplanten Aktivitäten nicht immer „zu einem schlüssigen Gesamtkonzept“, kritisierten die Experten und resümierten: „Insgesamt ergibt sich für die Mehrzahl der Aktivitäten keine einheitlich positive Beurteilung durch die Gutachtergruppe. Nur sieben von 15 Aktivitäten werden mehrheitlich befürwortet.“ Die von Aachen beantragten 73 Millionen Euro seien deshalb zu hoch gegriffen. Ein Drittel des Geldes reiche aus, um die Projekte zu realisieren.

Auch die Universität Heidelberg bekam für ihren ersten Antrag viele kritische Hinweise. So bestünden noch sehr traditionelle Strukturen etwa bei der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, hieß es damals. Das geplante Gleichstellungsprogramm für Frauen sei „nicht sehr attraktiv dotiert und nicht mit Sachmitteln ausgestattet“. Da die Koordination zwischen Unileitung und den Fachbereichen „gegenwärtig noch unzureichend“ sei, bestünden „erhebliche Risiken bei der Umsetzung des Antrags“. Als „besonderes Risiko“ müsse auch die geplante Integration der Mannheimer Hochschulmedizin gesehen werden, für die es keine erkennbare Strategie gebe.

Das erste Zukunftskonzept der Universität Freiburg ließ nach Ansicht der Experten ebenfalls noch manche Frage offen. So habe die Uni nicht erklären können, wie sie bei den geplanten vier reinen Forschungsinstituten „Transparenz der Auswahl“ herstellen und die Qualität sichern werde. Es drohe die Entstehung einer „Zwei-Klassen-Universität“, die die Substanz der Hochschule ernsthaft gefährden könnte. Angesichts der schleppend verlaufenden Frauenförderung seien die im Elitewettbewerb auf diesem Gebiet geplanten Aktivitäten zu „vage und wenig verbindlich“ dargestellt. Mehrere andere Maßnahmen wurden von den Gutachtern als „nicht förderungswürdig“ angesehen. Die beantragten knapp 92 Millionen Euro seien deshalb übertrieben, 48 Millionen reichten.

Das Zukunftskonzept der FU wurde damals am freundlichsten beurteilt. Allerdings sei noch unklar, wie die FU das geplante „Center of Cluster Development“ gestalten wolle. Auch müsse das neue Beratungsgremium „Excellence Council“ besser eingebunden, die Kriterien für eine Mitgliedschaft geklärt werden.

Vergleicht man alle acht der jetzt in der Endrunde stehenden Kandidatinnen, so sticht die Universität Konstanz heraus. Nur 174 Professoren forschen am Bodensee, nur 10 000 Studierende lernen hier. Die Konkurrentinnen sind doppelt bis dreifach so groß. Die Kleinheit von Konstanz sei ein „Nachteil und ein Vorteil zugleich“, sagt Rektor Gerhart von Graevenitz. Zwar fehle es seiner Universität schlicht „an Masse“. Andererseits liege auf dem kompakten Campus „alles nah beieinander“. Und auf interdisziplinäres Arbeiten habe Konstanz nicht erst in den letzten Jahren, sondern seit seiner Gründung in den sechziger Jahren Wert gelegt. Beobachter halten es für gut möglich, dass die Auswahlkommission sich für Konstanz entscheidet, um ein Zeichen für die kleinen Unis in Deutschland zu setzen.

Als Überraschung galt bei der Vorentscheidung im Januar, dass die Universität Bochum den Einzug ins Finale schaffte. Bochum liegt zwar etwa bei der Zahl der Sonderforschungsbereiche bundesweit in der Spitzengruppe. Die Uni leide aber wie die anderen Hochschulen im Ruhrgebiet unter einem Imageproblem, sagt Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität: „Aus Sicht vieler Leute haben wir nicht den Status einer Eliteuni.“ Bochum fehle es an der Reputation einer Traditionsuniversität. Doch solche Überlegungen würden für die Auswahlkommission „keine Rolle spielen“ – entscheidend werde sein, „welche Vorstellungen eine Universität für ihre Zukunft hat“, ist Weiler überzeugt.

Könnte bei der Entscheidung auch der Dopingskandal um das Radteam Telekom eine Rolle spielen? Zwei Sportmediziner der Universität Freiburg hatten im Frühjahr zugegeben, jahrelang am Doping der Radstars beteiligt gewesen zu sein, um die Sportmedizin des Uniklinikums hatte es bereits zuvor seit längerem Dopinggerüchte gegeben. Der Freiburger Rektor Wolfgang Jäger selbst sagte damals, der Skandal werfe einen „großen Schatten“ auf die Eliteanträge seiner Universität. Er setzte eine Untersuchungskommission ein, die die Arbeit der Sportmedizin in den letzten zwanzig Jahren prüfen sollte. Der Umgang mit dem Skandal habe sich für die Uni schlussendlich positiv ausgewirkt, sagt der Rektor jetzt: „Die Art, wie wir die Krise gemanagt haben, wurde als Bestärkung des Eliteantrags gesehen.“ Freiburg rechne sich gute Chancen aus.

Demnächst im Tagesspiegel: Wie die Berliner Universitäten ins Rennen gehen

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