Fälschungsskandale : Wissenschaft soll „redlicher“ werden

Der Wissenschaftsrat will auf einer neuen nationalen Plattform die Verfahren bei Fälschungen vereinheitlichen. Der Hochschulverband befürchtet politische Einflussnahme

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Eine „umfassende Kultur der Redlichkeit und Qualität“ soll an deutschen Wissenschaftseinrichtungen Einzug halten. Das hält der Wissenschaftsrat für geboten. Das „öffentliche Vertrauen“ sei durch „Fälle von Betrug und Fehlverhalten“ – besonders durch „die großen Fälschungs- und Plagiatsskandale“ beeinträchtigt worden, erklärt das Expertengremium in seinen soeben beschlossenen „Empfehlungen zu wissenschaftlicher Integrität“. „Integrität und Wahrhaftigkeit“ seien aber essenziell, um zu rechtfertigen, dass die Wissenschaft „Autonomie und Freiheit“ für sich beansprucht, sagte Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, am Montag in Berlin.

Die neue Plattform soll nur Vorschläge machen, betont Prenzel

So sollte das Thema „Integrität“ schon in den Curricula aller Studiengänge festgeschrieben werden. Fachzeitschriften sollten auch „negative Forschungsergebnisse“ publizieren, also Arbeiten, die keinen Durchbruch erreichen, sondern durch Falsifizierung zum Erkenntnisgewinn beitragen. Die Politik solle Anreize für eine „Tonnenideologie“ – etwa die finanzielle Belohnung der Unis für möglichst viele Promotionen – abschaffen.

Aufsehen erregte am Montag vor allem der Vorschlag des Wissenschaftsrats, eine neue institutionsübergreifende „nationale Plattform“ zum Umgang mit Fehlverhalten zu schaffen. Dort sollen die Ombudsleute der einzelnen wissenschaftlichen Einrichtungen, die bei Konfliktfällen um wissenschaftliches Fehlverhalten eingeschaltet werden können, zu „gemeinsamen Bewertungsmaßstäben“ für Fehlverhalten kommen und die Verfahren zum Umgang damit standardisieren. Dass mittelfristig auch die Plagiatsverfahren bei Promotionen einheitlich geregelt werden sollen, schloss Prenzel auf Nachfrage nicht aus. Er versicherte aber, es werde sich nicht um eine „normgebende Einrichtung“ handeln. Ziel sei es vielmehr, Empfehlungen zu geben. Getragen werden solle die neue Plattform von der Allianz der großen Wissenschaftsorganisationen, sagte Prenzel.

Hochschulverband: "Spielball für politischen Einfluss"

Der Vorschlag, die Plagiatsverfahren national zu vereinheitlichen, war bereits im Verfahren gegen die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) diskutiert worden. Die Allianz hatte sich in die laufenden Untersuchungen an der Universität Düsseldorf eingeschaltet und den Eindruck erweckt, es werde dabei nicht wissenschaftsadäquat verfahren. Das Düsseldorfer Verwaltungsgericht hatte das Vorgehen der Uni jedoch auf ganzer Linie als einwandfrei beurteilt.

Annette Schavan, Deutsche Botschafterin im Vatikan
Annette Schavan, Deutsche Botschafterin im VatikanFoto: picture alliance / dpa

Kai Gehring, der wissenschaftspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, hält „bundeseinheitliche Mindeststandards“ gleichwohl für nötig, „um wissenschaftliche Redlichkeit überprüfen zu können“. Der Deutsche Hochschulverband hingegen befürchtet, die Verfahren könnten durch die neue zentrale Einrichtung „zum Spielball für politischen Einfluss werden“, wie Sprecher Matthias Jaroch auf Anfrage sagt. Selbst wenn die Plattform keine Vorschriften erlassen dürfe, könnten ihre Empfehlungen „doch Bindungswirkung“ entfalten – und so auch Druck auf die Verfahren einzelner Fakultäten ausüben.

(Siehe auch Kommentar: "Fälschungen in der Wissenschaft - Macht und Maßstab")

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