Falling-Walls-Konferenz : Revolutionskunde für Führungskräfte

Manager und Politiker sollen von Durchbrüchen in der Wissenschaft lernen - etwa in der Wahrnehmungsforschung oder bei der Suche nach neuen Rohstofflagerstätten.

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Über den Dingen. Mit seinen Installationen versucht der argentinische Künstler Tomás Saraceno, die Grenzen der Schwerkraft zu überwinden. Ab und an gelingt ihm das – zumindest ein bisschen.
Über den Dingen. Mit seinen Installationen versucht der argentinische Künstler Tomás Saraceno, die Grenzen der Schwerkraft zu...Foto: dapd

In der öden Schneelandschaft gibt es kaum etwas, was die Aufmerksamkeit eines Menschen fesseln würde. Der Fuchs jedoch hat offenbar etwas entdeckt. „Achten Sie auf die Ohren“, sagt Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Plötzlich macht das Tier einen Satz und verschwindet zur Hälfte im Schnee. Das Publikum lacht. „Dank seines feinen Gehörs wird der Fuchs nun einen weiteren Tag überleben“, sagt Treue. Der Fuchs hat ein Nagetier erbeutet, das trotz der Kälte in seiner Höhle wach geworden war.

Das Leben sei eine Herausforderung, und unser Gehirn hilft uns, sie zu meistern, erklärt Treue den etwa 500 internationalen Forschern, Künstlern, Politikern und Journalisten auf der Konferenz „Falling Walls“, die am Freitag zum vierten Mal in Berlin stattfand. Die erste Auflage gab es am 9. November 2009, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls. Seitdem soll auf der Konferenz von Umstürzen berichtet werden, die nicht nur Forscher in ihren jeweiligen Fachgebieten, sondern auch die Gesellschaft voranbringen. Nimmt man das Motto der Konferenz ernst, so sollen die Teilnehmer sogar die nächsten Durchbrüche voraussagen. Wer jedoch die anwesenden Wissenschaftler darauf anspricht, erntet nur ein Kopfschütteln: „Das ist natürlich nicht möglich, auch wenn es die Politik gern so hätte.“

Was bei den „Falling Walls“ geboten wird, hat etwas von Wissenschaftsshow. Alle 15 Minuten ein neues Thema: das Computermodell, mit dessen Hilfe Biologen in Zukunft Elefanten erforschen können, ohne nach Afrika reisen zu müssen. Oder besser informierte Städte und veränderbare Essgewohnheiten.

Nicht jeder Beitrag erfüllt den hohen Anspruch, dass hier an einem „Durchbruch“ gearbeitet wird oder schon erreicht ist. Durchbrüche sind nun einmal keine Dutzendware, bei denen eine jährlich stattfindende Konferenz ständig aus dem Vollem schöpfen könnte. Wirklich neue Erkenntnisse sucht man hier ebenfalls vergebens. Das sei auch nicht das Ziel, betonen die Veranstalter. Es gehe eher um Vernetzung und darum, sich von Experten auf einem fremden Gebiet berichten zu lassen und diese Inspiration für die eigene Arbeit mitzunehmen.

Wer Treue genau zugehört hat, weiß, dass ein Besucher aus diesem Potpourri von Informationen ohnehin nur das behält, was die eigene Aufmerksamkeit gefesselt hat. Denn längst nicht alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, verarbeiten wir auch. „Ist Ihnen in den letzten Minuten aufgefallen, dass sich etwas im Saal verändert hat?“, fragt Treue. Niemand meldet sich. Alle Forscher auf der Bühne hätten ihre Namensschilder umgedreht, sagt er. Und weil das zugegebenermaßen nur in den ersten Reihen gesehen werden konnte, gab es eine zweite Änderung: Eine riesige Seitenwand, die die ganze Zeit rot angestrahlt war, leuchtete nun blau. Keiner hatte es bemerkt.

Treue interessiert sich dafür, wie das Gehirn visuelle Eindrücke verarbeitet – für den Menschen ist Sehen der wichtigste Sinn. Sein Team erforscht das, indem es kleine Elektroden ins Gehirn von Makaken einpflanzt. Spielen die Affen dann ein Videospiel , können die Wissenschaftler die Aktivität einzelner Nervenzellen sicht- und hörbar machen. So können sie etwa erkennen, dass es Neuronen gibt, die sich für bestimmte Farben, Bewegungen oder Umrisse interessieren. Mehr noch: Wenn diese Aspekte wichtig werden – etwa, weil der Affe jedes Mal eine Belohnung bekommt, wenn er einen Cursor bemerkt, der sich nach links bewegt –, dann feuern diese Nervenzellen um ein Vielfaches mehr als sonst.

Was dieser Filtermechanismus leistet, präsentiert Treue anhand eines Fotos von einem Fußgängerüberweg. Menschen sind für uns wichtiger als unbelebte Dinge, also wird der Hintergrund schwarz. Ein Paar im Vordergrund geht von rechts nach links, also blenden wir Bewegungen in die andere Richtung aus. So geht es weiter, bis fast nur noch das Paar sichtbar ist. „Nur an sie kann man sich normalerweise erinnern“, sagt Treue. „Und das ist gut so, denn so haben wir noch Kapazitäten, um uns auf unvorhergesehene Ereignisse einzustellen.“

Peter Herzig, Leiter des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Geomar in Kiel, will nicht die Grenzen der Wahrnehmung erklären. Vielmehr haben er und seine Kollegen in den vergangenen Jahren so manche Grenze im Ewigen Dunkel der Tiefsee überwunden. Mit kurzen Filmen nimmt Herzig die Zuschauer mit auf eine Reise in eine kaum bekannte Welt. Ein violetter Oktopus tänzelt da 6000 Meter unter der Wasseroberfläche knapp über dem Meeresboden. Das Tauchboot schwimmt weiter zu schwarzen Schornsteinen, aus denen grauer Qualm zu dringen scheint. „Es ist 450 Grad Celsius heißes Wasser. Aufgrund des hohen Drucks kocht es aber nicht, sondern bleibt flüssig“, erläutert er. Es kommt aus tieferen Gesteinsschichten, wo das Meerwasser auf höllische Temperaturen aufgeheizt wird und dort Kupfer, Blei, Zink oder Gold herauslöst. Beladen mit diesen Elementen tritt die Lösung am Ozeanboden aus und erscheint dunkelgrau.

Jeden Tag werden in so einem Hydrothermalfeld einige hundert Tonnen Metalle emporgepumpt, haben Geoforscher herausgefunden. Der Temperatursturz im eiskalten Meerwasser führt dazu, dass ein Teil der Metall-Schwefel-Verbindungen abgeschieden werden und eben jene Schornsteine aufbauen. Die rohstoffhungrige Industrie ist fasziniert und tüftelt an Verfahren, wie diese Schätze geborgen werden können. Dass der Tiefseebergbau irgendwann kommt, daran hat Herzig keinen Zweifel. „Nun geht es darum, die Erze möglichst umweltschonend abzubauen.“

Auch bei einem anderen Rohstoff, der an immer mehr Orten entdeckt wird, stellt sich die Frage nach der Umweltverträglichkeit. Es geht um Methanhydrate in mehreren hundert Metern Wassertiefe. „Sie enthalten doppelt so viel Erdgas wie alle herkömmlichen Lagerstätten“, sagt Herzig. Der Abbau ist nicht ungefährlich. Es könnte versehentlich Methan frei werden, das in der Atmosphäre die Erderwärmung noch weiter antreibt.

In die Luft geht auch Tomás Saraceno, gedanklich. Der Künstler versucht in seinen Werken immer wieder, die Grenzen der Schwerkraft zu überwinden. Seine Installationen entführen Besucher in schwebende Ballonmodule und eröffnen völlig neue Lebenswelten. Saraceno arbeitet oft mit Wissenschaftlern zusammen. Für dreidimensionale Netzstrukturen holte er sich nicht nur Rat bei Kosmologen, die die Entwicklung des Universums modellierten, sondern auch bei Spinnenforschern. Sein mitreißender Vortrag und die Bilder seiner utopischen Werke vermochten es vielleicht am besten, die Brücke zwischen strenger Naturwissenschaft und Emotion zu schlagen.

Solche Erkenntnisse waren aber nur zahlungskräftigen Besuchern möglich: Die Tickets kosteten 200 bis 1800 Euro. So sind Politiker, Manager und Spitzenforscher weitgehend unter sich und können Kontakte knüpfen. Die Öffentlichkeit ist nur über die Medien oder das Internet dabei. Nicht alle Teilnehmer finden das gut. Einer der internationalen Referenten kommentierte das verwundert: „Das wirkt sehr hierarchisch. Ich dachte, hier geht es darum, Mauern einzureißen, und nicht darum, neue Hürden aufzubauen.“

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