Die Kaltherzigkeit der Technokraten anhand toter Babys demonstrieren

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Falsche Fakten über die Griechenland-Krise : Die Mär der toten Babys
Philipp Hummel


Sie beruht auf einer Studie, die im Februar 2014 im medizinischen Fachjournal „The Lancet“ erschien. Dort behaupteten Forscher um Alexander Kentikelenis von der Universität Cambridge, die Säuglingssterblichkeit sei in dem Krisenland zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent gestiegen.

Diese Behauptung ist für sich betrachtet wahr. Allerdings blendet sie die Zahlen vor und nach diesem Zeitraum aus. So hatte Griechenland 2008 mit 2,7 sein absolutes historisches Tief bei der Säuglingssterblichkeit erreicht. 2010 stieg die Zahl auf 3,8. Das bedeutet in der Tat einen Zuwachs um mehr als 40 Prozent. Die Zahl lag damit aber 2010 genauso hoch wie 2005, also zu Vorkrisen-Zeiten. 2012 erreichte Griechenland mit 2,9 gestorbenen Säuglingen unter 1000 Neugeborenen den zweitniedrigsten Wert seiner Geschichte nach 2008. Da war die Krise bereits um zwei Jahre fortgeschritten und hatte sich weiter verschlimmert. So sehr die griechische Bevölkerung unter den Einschnitten in ihrem Gesundheitssystem also leidet: Die Säuglingssterblichkeit ist durch die Krise nicht gestiegen.

Bestätigung des eigenen Weltbilds statt Faktentreue

Heiner Flassbeck, ehemaliger Staatsekretär im Bundesfinanzministerium und Chefvolkswirt der Welthandels- und Entwicklungskonferenz Unctad ficht die Kritik an fehlender Präzision nicht an: Die steigende Säuglingssterblichkeit sei nur "ein einziges Wort in einer Aufzählung, die lediglich ausdrücken soll, dass es große humanitäre Probleme in Griechenland gibt, die niemand im Ernst bestreitet." Er selbst kenne nur die Zahl der Lancet-Studie und wisse nicht, dass "neuere Zahlen" gebe. "Wenn das so ist, werden wir diese Aussage nicht mehr machen."

Dennoch ist es erschreckend, dass sich hochrangige Forscher dazu hinreißen lassen, scheinbar erschütternde Fakten nicht zu überprüfen, bevor sie sie für ihre politische Agenda benutzen. Diese Forscher haben nicht etwa eine Aversion gegen Zahlen und Statistiken. Im Gegenteil. Sie haben ihre Karriere unter anderem einer außergewöhnlichen Fähigkeit im Umgang mit solchen abstrakten Größen zu verdanken. Im Streit um die Deutungshoheit der Griechenland-Krise erliegen aber offenbar selbst solche Fachleute einem „Confirmation bias“, einer unbewussten Neigung zur Bestätigung des eigenen Weltbildes. Und was würde sich besser eignen, die Kaltherzigkeit der Technokraten in Brüssel und Berlin zu illustrieren, als der massenhafte Tod unschuldiger Babys?
Dass Wissenschaftler sich zu politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen ihres Forschungsgebiets äußern, ist nicht nur wichtig, sondern sogar notwendig. Wissen ist Macht, dieser Satz des englischen Philosophen Francis Bacon aus dem 17. Jahrhundert gilt in der „Wissensgesellschaft“ mehr denn je.
Gleichzeitig bedeutet das aber: Mit großer Macht kommt auch große Verantwortung – der die Ökonomen um Piketty in ihrem offenen Brief jedoch leider nicht gerecht werden.

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