Famile : Der Krippenstreit

Familiennetzwerk prangert frühe Kinderbetreuung als „Risikoerziehung“ an. Mütter seien, so der Vorwurf, gezwungen zu arbeiten.

Adelheid Müller-Lissner

Die Babys waren noch die entspanntesten Gäste. Sie schliefen friedlich in ihren Tragetüchern, während die Erwachsenen sich ereiferten. Als das Familiennetzwerk – ein Interessenverband, zu dem sich 2005 mehrere Institutionen zusammengeschlossen hatten – letzte Woche zur Pressekonferenz und Diskussion lud, wurde scharfe Kritik an der derzeitigen Familienpolitik geübt: Der massive Ausbau der Krippenplätze und flankierende steuerpolitische Maßnahmen würden, so Vorstandsmitglied Christiane Lambrecht, „die Frauen unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung in die Erwerbstätigkeit zwingen." Sie seien geradezu genötigt, ihre kleinen Kinder „fremdbetreuen“ zu lassen.

Dass das nicht im Sinne vieler Mütter sei, belegt laut Lambrecht eine vom Familiennetzwerk bei Ipsos in Auftrag gegebene Studie: Laut ihr würden, bei finanzieller Entscheidungsfreiheit, nur 26, 2 Prozent der Mütter ihre Kinder unter drei Jahren in eine Krippe oder zu einer Tagesmutter geben, 69, 2 Prozent würden sie lieber selbst beaufsichtigen. Damit gebe es, so Lambrecht, nur Bedarf an 100 000 neuen Krippenplätzen.

Wolfgang Bergmann, Pädagoge und Buchautor, betonte die Wichtigkeit der mütterlichen Präsenz für die kindliche Entwicklung: „Nehmen Sie diesem Kind hier die Mama weg, und es stürzt in ein emotionales Nichts“, sagte er und deutete dabei auf einen wenige Wochen alten Säugling im Publikum, der von seiner Mutter gerade gestillt wurde. Die Familiennetzwerk-Vorsitzende Maria Steuer, Kinderärztin und Familientherapeutin, verwies auf die Bindungsforschung des Arztes John Bowlby in den Fünfziger- und Sechzigerjahren: Bowlby habe, so sagte sie, festgestellt, dass die Abwesenheit der Bezugsperson schädliche Auswirkungen auf das Sozialverhalten von Kleinkindern habe. Für ein Erziehungsgehalt sprach sich schließlich Christa Müller von der Linkspartei aus. So werde die elterliche Betreuung kleiner Kinder zum „ganz normalen Beruf“.

Was nicht zur Sprache kam, ist die Tatsache, dass die Gesetzeslage es Eltern ermöglicht, in den ersten 14 Monaten nach der Geburt ohne allzu großen Verdienstausfall abwechselnd zu Hause zu bleiben. Ferner waren im Jahr 2005, so eine Studie des Deutschen Jugendinstituts, in den neuen Bundesländern lediglich 4,7 Prozent, in den alten sogar nur 1,4 Prozent der Kinder unter einem Jahr in Obhut außerhalb des Elternhauses.

Dass eine Fremdbeaufsichtigung jedoch nicht schaden muss, darauf weist die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert hin. Laut der Wissenschaftlerin von der Universität Köln verkraften kleine Kinder zeitweise Trennungen von ihren Bezugspersonen, weil sich das Personengedächtnis früh ausbildet: „Die Eltern-Kind-Beziehung kann immer wieder aufgefrischt werden.“ Auf der Homepage vom Familiennetzwerk wird Ahnert allerdings mit durchweg kritischen Äußerungen zum Ausbau der Kleinkindbetreuung zitiert. Sie sei, erklärt sie auf Nachfrage, von der Organisation gebeten worden, Aussagen, die die Familienministerin Ursula von der Leyen in der ARD-Sendung „Ich stelle mich“ gemacht habe, fachlich zu kommentieren. „Ich habe sowohl Bestätigendes als auch Korrigierendes gesagt“, sagt Ahnert. „Es ist nur das Kritische abgedruckt worden.“ Angesichts dieser Instrumentalisierung empfindet Ahnert Unbehagen, denn grundsätzlich, so sagt sie, befürworte sie die frühkindliche Betreuung in der Krippe oder bei einer Tagesmutter.

„Krippenerziehung ist Risikoerziehung“, heißt es dagegen pauschal beim Familiennetzwerk. Schließlich bekomme, so Maria Steuer, nur eine Mutter „von der Natur Hormone geschenkt, damit sie ihr Kind durch die rosarote Brille sieht“. Dabei wissen gerade Kinderärzte und Familientherapeuten am besten, dass auch Hormone nicht immer eine liebevolle Betreuung gewährleisten und viele Frauen zufriedenere und bessere Mütter sind, wenn sie einen Beruf haben. Adelheid Müller-Lissner

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