Fehlerhafte Klon-Studie : Wie konnte der Fehler passieren?

Vor wenigen Tagen berichteten US-Forscher, sie hätten menschliche Embryos geklont. Nun stellt sich heraus, dass ihre Studie Fehler enthält. Wie konnte das geschehen?

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Foto: dpa/HSOU

Die Versuche von Shoukhrat Mitalipov und Kollegen hatten es Ende letzter Woche auf viele Titelseiten geschafft: Die Forscher aus Oregon hatten den Zellkern aus der Hautzelle eines Babys in eine Eizelle verpflanzt und daraus einen Embryo wachsen lassen. Den Embryo hatten die Wissenschaftler dann zerstört, um seine Stammzellen zu gewinnen. Damit war ihnen gelungen, woran zahlreiche Forscher zuvor gescheitert waren. So berichteten es die Wissenschaftler im Fachjournal „Cell“. Einer anonymen Expertin fielen jedoch Ungereimtheiten in dem Artikel auf. So wurden beispielsweise identische Abbildungen an verschiedenen Stellen mit unterschiedlichen Beschriftungen gezeigt, monierte die Kritikerin auf der Internetseite „PubPeer“.

Das nährt Zweifel daran, ob bei der Studie alles mit rechten Dingen zuging – und ob es im schlimmsten Fall gar keine geklonten Zellen gibt. Genau das war bei dem Südkoreaner Hwang Woo-Suk passiert, der 2004 und 2005 von geklonten menschlichen Embryos berichtete und schließlich als Fälscher entlarvt wurde.

Diesen Vorwurf weist Mitalipov zurück. „Die Ergebnisse sind echt, die Zelllinien sind echt, alles ist echt“, sagte er der Fachzeitschrift „Nature“. Er habe die Zellen gemeinsam mit seinem Kollegen hergestellt und „in den Kolonien wachsen“ sehen. Die Fehler bei den Abbildungen seien versehentlich beim Zusammenstellen der Daten entstanden. Die Forscher arbeiten jetzt an einem offiziellen Erratum, das die Fehler benennen und die korrekten Daten ausweisen soll. Bevor die Korrektur veröffentlicht wird, würden er und seine Kollegen „jeden Punkt“ in dem Artikel überprüfen, um sicher zu sein, dass später nicht noch mehr Fehler auftauchen, sagte Mitalipov dem Fachblatt „Science“. Die Stammzellen könne er voraussichtlich schon in wenigen Tagen anderen Forschern zur Verfügung stellen.

Neben Mitalipov steht auch das Fachjournal „Cell“ in der Kritik. Wie bei anderen namhaften Journalen auch werden dort eingereichte Artikel ausgewählten Experten zur Begutachtung vorgelegt. Nur wenn sie die Arbeit für wichtig und überzeugend halten, wird sie zur Publikation akzeptiert. Bei Mitalipovs Artikel scheint der Prozess allerdings beschleunigt worden zu sein. Laut „Cell“ wurde die Arbeit am 30. April eingereicht und bereits am 3. Mai akzeptiert. Das sei ein zu kurzer Zeitraum, um sie richtig zu prüfen, kritisiert der Kölner Stammzellforscher Jürgen Hescheler. „Wenn die Arbeit wirklich so schnell akzeptiert wurde, ist das ein großer Fehler“, sagt er. „Da ist offenbar schludrig gearbeitet worden.“

Auch der Ombudsmann für die Wissenschaft bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wolfgang Löwer, kritisiert die Zeitschrift. „Es ist fahrlässig von einer Redaktion, so kurzfristig Urteile zu erbitten.“ Üblich seien mehrere Wochen oder Monate. Löwer vermutet, dass „Cell“ aufgrund des „Sensationscharakters“ der Studie Tempo gemacht habe, damit sie keiner wegschnappt. Das Journal reagierte mit einer kurzen Stellungnahme. Man sei im Kontakt mit den Autoren, um den Fall aufzuklären. „Wir glauben nicht, dass die bekannt gewordenen Fehler die wissenschaftlichen Aussagen beeinflussen“, heißt es weiter. Auch die meisten Forscher glauben bisher nicht an eine Fälschung. Der Fall zeigt aber einmal mehr, wie sehr das Wissenschaftssystem auf Veröffentlichungen fokussiert ist. „Heute ist alles durch Publikationen gesteuert, wie viel Forschungsgeld man erhält oder ob ein junger Wissenschaftler eine Stelle bekommt“, kritisiert Hescheler. „Das hat zur Folge, dass alles, was irgendwie publizierbar ist, veröffentlicht wird, auch wenn es noch nicht richtig ausgearbeitet ist.“

Löwer sieht das ähnlich: „Forscher können kaum noch überblicken, welche Studien in ihrem Fachgebiet veröffentlicht werden.“ Neue Publikationsformen, bei denen Wissenschaftler ihre Ergebnisse ohne vorherige Expertenprüfung ins Internet stellen, damit alle Kollegen diese begutachten können und das Fach so voranbringen, sieht er kritisch. „Dann wird die Flut der Veröffentlichungen noch größer, vor allem aber wird es schwieriger, gesichertes von ungesichertem Wissen zu unterscheiden.“

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