Feminismus : Emmas zerstrittene Töchter

Die „Alpha-Mädchen“ wollen Karriere und Spaß. Doch ein neuer Feminismus steht vor weit größeren Herausforderungen.

Sabine Hark

Der „alte“ Feminismus ist tot. So wollen es jedenfalls Teile des deutschen Feuilletons. Die Zeit der Männerhasserinnen, die letztlich nie aus den Latzhosen gewachsen seien und sich in ihrer Opferrolle eingerichtet hätten, sei vorbei, so der Tenor. Nicht selten sind dabei frauenfeindliche und homophobe Töne zu hören. Wohlwollend beobachten die gleichen Journalisten hingegen die Entstehung eines „neuen Feminismus“, dem sie eine Reihe jüngerer deutscher Autorinnen zurechnen: Jana Hensel und Elisabeth Raether („Neue deutsche Mädchen“), Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl („Wir Alphamädchen“), Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) oder Thea Dorn („Die neue F-Klasse“).

Diese neue „F-Klasse“ ist darum bemüht, sich vom Image der „Emmas“ und deren angeblichem Selbstmitleid abzugrenzen. Der „neue Feminismus“ gibt sich stark, karriere- wie lustorientiert, bereit, den Beweis zu erbringen, dass sich „jede Frau mit Energie, Disziplin, Selbstbewusstsein und Mut in einer Gesellschaft wie der unseren durchsetzen kann“, wie Thea Dorn formuliert hat. In dieser Haltung besteht ein entscheidender Unterschied zum „alten Feminismus“. Die F-Klässlerinnen wollen nicht über Benachteiligungsstrukturen nachdenken. Sie verstehen ihren Erfolg allein als Ausweise ihrer persönlichen Leistung und ihrer individuellen Überlegenheit im täglichen Überlebenskampf, nicht als Effekt gesellschaftlicher Bedingung. Damit wird der „neue Feminismus“ anschlussfähig an neoliberale und patriarchale Diskurse.

Nun ist der Versuch, den Feminismus für tot zu erklären, so alt wie der Feminismus selbst. Tradition hat es auch, Zerrbilder der feministischen Bewegung zu entwerfen, wie es in der jetzigen Debatte Feuilletonisten und F-Klässlerinnen machen. Mit deren Kritik am „alten Feminismus“ wird ein „neuer Feminismus“ allerdings nicht entstehen. Es handelt sich vielmehr um einen Spartenfeminismus. Denn Gerechtigkeit ist danach keine große gesellschaftliche Frage, sondern bedeutet nur den Zugang einiger weniger zu den Eliten. Damit hat dieser Feminismus zur Gegenwart fast nichts zu sagen.

Allerdings ist es in der Tat an der Zeit, über einen neuen Feminismus nachzudenken. Sein zentrales Motiv liegt in der Freiheit, seine Wurzeln in der neuen Frauenbewegung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann.

Das Verlangen nach Autonomie und Selbstbestimmung bewegt die Frauen damals weltweit. Dabei denken Feministinnen von Anfang an nicht individualistisch, sondern im gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang: Die Frauen sind unfrei, weil ein dichtes und zwanghaftes Korsett aus Weiblichkeitsstereotypen und eine in Teilen gewaltförmige Sexualkultur ihnen Unfreiheit aufzwingen, vor allem aber aufgrund der geschlechtshierarchisierenden gesellschaftlichen Organisation von Produktion und Reproduktion und der damit verbundenen Verbannung der Frauen ins „Private“.

Helke Sander wird es in ihrer berühmt-berüchtigten Rede im Namen des Berliner „Aktionsrates zur Befreiung der Frauen“ am 13. September 1968 bei der 23. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt am Main so ausdrücken: Die Frau „wird immer noch für das Privatleben, für die Familie erzogen, die ihrerseits von Produktionsbedingungen abhängig ist, die wir bekämpfen. Die Rollenerziehung, das anerzogene Minderwertigkeitsgefühl, der Widerspruch zwischen ihren eigenen Erwartungen und den Ansprüchen der Gesellschaft erzeugen das ständige schlechte Gewissen, den an sie gestellten Forderungen nicht gerecht zu werden, beziehungsweise zwischen Alternativen wählen zu müssen, die in jedem Fall einen Verzicht auf vitale Bedürfnisse bedeuten.“

Dass dieses Unbehagen am Korsett Weiblichkeit im Übrigen kein Westphänomen ist, belegt der Bestseller Maxie Wanders „Guten Morgen, du Schöne. Frauen in der DDR“, erschienen 1977.

Helke Sanders Rede gilt als der symbolische Beginn der Neuen Frauenbewegung in Westdeutschland. Bald organisieren Frauen sich bundesweit in „Aktionsgruppen“, sie gründen Zeitschriften, sie feiern Feste, sie stören politische Veranstaltungen und Strafrechtsprozesse und organisieren „Abtreibungsfahrten“ in die Niederlande.

Nicht von ungefähr ist es gerade das trotzig-selbstbewusste: „Mein Bauch gehört mir!“, das den feministischen Kampf um Autonomie und Selbstbestimmung in den 1970er Jahren am deutlichsten auf den Punkt bringt. Es ist zudem bekanntermaßen gerade der Kampf um den Paragraphen 218, in dem linke, liberale und bürgerliche Frauen erstmals koalieren, und der die Frauenbewegung zu einer breiten Massenbewegung macht. Der Konflikt ist bis heute nicht gelöst. Denn rechtlich gilt noch immer, dass der „Schwangerschaftsabbruch für die gesamte Dauer der Schwangerschaft grundsätzlich als Unrecht angesehen werden“ muss, der Staat hat das Recht des Ungeborenen über das Recht der Mutter gestellt.

Dabei sind die politischen Ziele des feministischen Aufbruchs eben nicht vorrangig der Kampf um gleiche Rechte und für Gleichberechtigung, sondern für Selbstbestimmung und Autonomie. Und Autonomie enthält dabei einen deutlichen Anti-Etatismus sowie die Abgrenzung gegenüber Männern und ihren politischen Angeboten und Organisationen. So sind es zunächst die scheinbar privaten Themen, die die Frauen mobilisieren: Selbstbestimmung in der Sexualität, das Selbstbestimmungsrecht am Körper, lesbische Lebensweisen, Gesundheit, sexuelle Gewalt, neue Lebensformen, Neubestimmung von Mutterschaft.

Ulrike Prokop (1986) beschreibt diese frühen Jahre als eine Zeit, in der Frauen sich selbst entdeckten und sich in auch noch aus heutiger Sicht radikal und anmaßend erscheinender Selbstbezüglichkeit einander zuwandten. Mit der Selbsterfahrung bekämpfen die Aktivistinnen in den 70er Jahren den Selbst- und Frauenhass und die patriarchalen Zuschreibungen an weibliche Wohlanständigkeit.

Die Fortschritte im „Dreiklang“ der physischen, psychischen und intellektuellen Selbstverständigung sind jedoch keineswegs das Ergebnis eines einfachen, idyllischen, harmonischen Prozesses, sondern das Ergebnis schwieriger Kämpfe und harter Konflikte – auch innerhalb der feministischen Zusammenhänge.

Die Auseinandersetzungen zwischen Lesben und heterosexuellen Frauen, zwischen Müttern und Nicht-Müttern, zwischen den sogenannten Unifrauen und Frauen aus anderen sozialen Kontexten, auch zwischen eingewanderten und einheimischen Frauen gehören gleichermaßen zu den 1970er, vor allem den 80er und 90er Jahren. Die Schärfe der Konflikte führt dazu, dass sich immer wieder Frauen zornig vom Feminismus abwenden, weil sie den Eindruck gewinnen, dass hier neue Vorschriften korrekten Frauenlebens aufgestellt werden, Bevormundung nun unter Frauen stattfindet.

Das zentrale Kennzeichen des Feminismus der zweiten Welle – und das ist eines seiner kostbarsten Erbstücke – ist jedoch der Versuch, gesellschaftliche und individuelle Freiheit zusammen zu denken, die Einsicht darin, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist, individuelle Emanzipation gesellschaftliche Emanzipation voraussetzt und umgekehrt. Der feministische Clou besteht also gerade darin, dass alle Frauen sich auf den Weg der Emanzipation machen können und nicht durch private Zwangsverhältnisse und die gesellschaftliche Entwertung ihrer Arbeit am Aufbruch gehindert werden.

Dabei stehen auch in der deutschsprachigen Frauenbewegung Unterschiede unter Frauen von Anfang an als interne Kritik- und Korrekturperspektive auf der Agenda. Die „innerhalb“ des Feminismus an diesem geäußerte Kritik von lesbischen Frauen, von Migrantinnen oder von Frauen aus Ostdeutschland war und ist jedoch immer mit dem Anspruch verbunden, Feminismus insgesamt komplexer zu reformulieren, und nicht, sich per se in Bindestrich-Feminismen zu separieren. Die kurze Geschichte der Frauenbewegung ist daher viel eher als Konfliktgeschichte zu lesen, in der Definitionsmonopole angefochten, informelle Machtverhältnisse infrage gestellt und der „Lauf der Bewegung“ immer wieder in neue Richtungen gelenkt wurde – woran übrigens durchaus auch feministisch denkende Männer beteiligt waren und sind.

In einer Welt, zu deren vordringlichsten Problemen der Zugang zu sauberem Wasser und Behausung, zu Bildung, die Erfahrung von Krieg und Verfolgung, Missbrauch und Gewalt, von Armut und Mangel, von Rechtlosigkeit und Willkür, von Sexismus, Homophobie und Rassismus in ihren vielfältigsten Manifestationen gehören, muss Feminismus komplex artikuliert werden. Ein neuer Feminismus kommt deshalb gar nicht umhin, offen mit den eigenen Ambivalenzen umzugehen und seine Verschiedenheit und Paradoxien nicht nur grundsätzlich anzuerkennen und auszustellen, sondern auch immer wieder neu zu verhandeln.

Feministinnen, die mehr sein wollen als eine Fußnote der Geschichte, denen es nicht genügt, sich in dem Moment zurückzulehnen, wo mehr als ihre eigene Befindlichkeit auf dem Spiel steht, haben noch viel zu tun. Denn die Kernfragen von Feminismus – das Recht auf politische und gesellschaftliche Teilhabe, die Chance ökonomischer Unabhängigkeit, das Recht auf Bildung und die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt führen zu können – sind global gesehen so aktuell wie je. Wer das altbacken findet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Die Autorin ist Vertretungsprofessorin für Genderforschung an der Universität zu Köln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar