Fischereitechnik : Notausgang für Schollen

Unerwünschter Beifang ist ein großes Problem der Fischereiwirtschaft. Ein spezielles Netz kann Abhilfe schaffen.

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Da lang ins Freie. Das horizontale Gitter lässt flache Schollen und Flundern hindurch, dicke Dorsche aber nicht.
Da lang ins Freie. Das horizontale Gitter lässt flache Schollen und Flundern hindurch, dicke Dorsche aber nicht.Foto: Thünen-Institut/OF

Die Fangflotten der Welt fischen tatsächlich im Trüben. Meist sehen sie ihren Fang erst dann, wenn sie das Netz an Bord holen. Dort zappeln oft genug nicht nur Dorsche, die sie gut verkaufen können, sondern auch andere Fische, die kaum Geld bringen oder deren Anlanden verboten ist. Bisher wurde dieser Beifang wieder über Bord gekippt, sehr viele Fische überlebten die Tortur nicht. Davon waren weder Naturschützer noch Fischer begeistert. Schließlich mindert der Beifang den Gewinn und obendrein schränkt die Europäische Union diese Praxis zunehmend ein. Juan Santos vom Thünen-Institut für Ostseefischerei in Rostock und seine Kollegen haben daher Netze entwickelt, die bereits im Meer den Fang sortieren. Sie wurden jetzt mit dem Smart Gear-Preis der Naturschutzorganisation WWF für sanfte Fischereimethoden ausgezeichnet.

Die Idee für die neuen Netze kam von einem schwedischen Fischer. Er überlegte, ob man Fluchtmöglichkeiten für die nicht erwünschten Arten in die Netze einbauen könnte. Doch wie sollte ein Fenster aussehen, das den Beifang möglichst entkommen lässt, aber gewünschte Arten wie den Dorsch an der Flucht hindert? Beantworten lassen sich solche Fragen, wenn man die Fische gut kennt, die sortiert werden sollen. „Dorsche haben zum Beispiel einen eher rundlichen Körperbau, während Flundern oder Schollen sehr flach sind“, erläutert Santos.

Flundern passen hindurch, Dorsche aber nicht

Zunächst konstruierten die Forscher daher ein Netz mit Fluchtgittern an der Seite. Zwischen den waagrechten Gitterstäben schwimmen Flundern und Schollen problemlos durch, während die runden Dorsche nicht passieren konnten. Zumindest gilt das für die Theorie. Als die Forscher die Fluchtgitter in der Praxis testeten, fanden die Flachfische die Notausgänge nicht.

Daraufhin bauten die Wissenschaftler zusätzlich ein kleines Hindernis mitten in das Netz, um das alle Fische herumschwimmen müssen. Diese Leitplanke lenkt sie genau zu den beiden Fluchtgittern, die schräg vor ihnen im Netz eingebaut sind. Flundern und Schollen, aber auch kleine Dorsche, die ohnehin nicht gefangen werden dürfen, quetschen sich durch die Lücken – die großen Dorsche aber bleiben im Netz.

Sind die Notausgänge unten montiert, ist der Nutzen noch größer

„Auf kommerziellen Fangschiffen haben wir dieses ,Freswind’-System untersucht und es funktioniert besser als erwartet“, sagt Santos. Die Netze fangen 60 Prozent weniger Plattfische und 30 Prozent weniger kleine Dorsche, während sich der Fang von großen Dorschen kaum verschlechtert habe.

Diese Fischarten unterscheiden sich aber nicht nur im Körperbau, sondern auch im Verhalten. „Plattfische schwimmen ganz nahe am Grund, damit ihre Feinde sie schlechter entdecken“, sagt der Forscher. Dorsche dagegen sind viel weiter oben unterwegs. Geraten die Fische in ein Netz, verhalten sie sich dort genauso. Daher haben die Rostocker Wissenschaftler inzwischen ein wesentlich einfacheres Netz konstruiert, in dem nur ganz unten Fluchtfenster eingebaut sind. Von oben entdecken die Dorsche diese Lücken im Netz nicht, während Plattfische sie gut finden. Bereits zweimal haben die Forscher einen Prototyp dieses „Flat Fish Excluders“ mit gutem Erfolg getestet.

Der Clou: Die Fluchtfenster können geschlossen werden, um so auch Plattfische zu fangen. Bevor die Fischer die kleine Fangquote für Schollen erreichen, können sie die Fenster wieder öffnen und die Plattfische wieder fliehen lassen. Das Fischen im Trüben neigt sich offensichtlich dem Ende zu.

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