Flüchtlinge an den Hochschulen : Streit um Stipendien für Flüchtlinge

Die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung fordert Geld vom Bund, um Stipendien für studierende Flüchtlinge aufzulegen. Doch der fördert ein anderes Projekt.

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Drei junge Männer sitzen in einem Hörsaal.
Erste Schritte. Studentische Mentorenprogramme und andere Programme zur Integration an den Hochschulen gibt es schon für...Foto: Patrick Seeger/dpa

Hochschulen und Politik rechnen mit einer wachsenden Zahl von Studienbewerbern, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind. Um ein Stipendienprogramm speziell für Geflüchtete auflegen zu können, fordert die gewerkschaftliche Hans-Böckler-Stiftung mehr Geld vom Bund. „Wir trauen es uns zu, für Flüchtlinge ein passgenaues Angebot zu entwickeln“, sagte Geschäftsführer Wolfgang Jäger am Montag in Berlin. Darüber hätten die 13 Begabtenförderwerke bereits mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) diskutiert.

Die Avicenna-Stiftung bekommt Geld für Flüchtlingslotsen

Das muslimische Avicenna-Studienwerk habe vom BMBF Ende 2015 bereits zusätzliche Mittel erhalten. „Die Böckler-Stiftung reklamiert dies auch für sich“, sagt Jäger, angemessen wäre eine Million Euro für die erste Phase. Avicenna hat mit BMBF-Mitteln ein Projekt für bereits geförderte Stipendiaten gestartet, die zu Flüchtlingslotsen für Kinder, Jugendliche und Studierende ausgebildet werden.

Die Böckler-Stiftung will etwas anderes: Vorbild für ein Flüchtlings-Programm ist die „Böckler-Aktion Bildung“ (BAB), die seit 2007 Abiturienten fördert, deren Familien kein Studium finanzieren können. Anders als das Bafög, auf das die BAB-Zielgruppe Anspruch hätte, verbindet das Stipendium die finanzielle mit ideeller Unterstützung, fördert auch die sprachlichen Fähigkeiten, vernetzt mit anderen Stipendiaten und Unternehmen. Darauf führt die Böckler-Stiftung die geringe Abbrecherquote unter den Stipendiaten von nur zwei Prozent zurück.

"Leute, die mich als begabt sehen - ein Geschenk"

Drei Viertel der zuletzt aufgenommenen Stipendiaten stammen aus Familien mit Migrationsgeschichte, auch aus Flüchtlingsfamilien. Wie die 19-jährige Jusra Esmahil, Jura-Studentin in Frankfurt am Main und seit dem Herbst 1000. BAB-Stipendiatin. Sie floh 1999 mit ihrer Familie aus dem Irak, landete nach der vierten Klasse zunächst auf der Hauptschule. Dort erkannte eine Lehrerin ihre Begabung, ermutigte sie, an die Realschule zu wechseln. Im Frühjahr 2015 dann das Abitur, die erfolgreiche Bewerbung um einen Studienplatz – und das Böckler-Stipendium. „Dass es dort Leute gibt, die mich als begabt sehen und meinen Bildungsweg honorieren, ist das größte Geschenk, das mir je gemacht wurde“, sagt Jusra Esmahil.

Bei der Studienfinanzierung ist noch vieles ungeklärt

Die Stiftung wird bei ihrer Forderung nach einem vom Bund geförderten Stipendienprogramm von Andrä Wolter, Bildungsforscher an der Humboldt-Uni, unterstützt. Die Hochschulen hätten die Aufgabe erkannt, Geflüchtete zu integrieren. Mit den Vorgaben der Kultusministerkonferenz, wie Schulabschlüsse und Studienleistungen aus der Heimat hierzulande auch ohne Zeugnisse anerkannt werden, sei bereits eine wichtige Hürde genommen. Bei der Studienfinanzierung sei aber noch vieles ungeklärt, sagt Wolter.

Voraussetzung für ein Vollstipendium eines Begabtenförderungswerks ist indes die Bafög-Berechtigung. Die erhalten Geduldete und Flüchtlinge mit humanitärem Aufenthaltstitel jetzt nach einer Wartezeit von 15 Monaten, statt bisher nach vier Jahren. Doch auch diese Frist sei zu lang, sagt Böckler-Geschäftsführer Jäger.

BMBF: Avicenna-Stipendiaten haben guten Zugang zu Flüchtlingen

Verhandlungen über ein Stipendienprogramm für Flüchtlinge bestätigte das BMBF auf Anfrage nicht. Avicenna erhalte 630 000 Euro bis Ende 2017, weil die muslimischen Stipendiaten „durch ihre Sprachkenntnisse, ihre Religion und die teilweise eigene Fluchterfahrung“ einen besonderen Zugang zu Geflüchteten hätten. An der Lotsenausbildung sollten aber auch Stipendiaten anderer Stiftungen beteiligt werden.