Flüchtlinge an deutschen Hochschulen : Langer Weg an die Uni

Die deutschen Hochschulen engagieren sich stark für Flüchtlinge, doch bislang haben es erst wenige auf einen regulären Studienplatz geschafft.

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Guter Rat. Eine Studie der Humboldt-Universität lobt, dass die Hochschulen sich bemühen, Geflüchtete „abzuholen“.
Guter Rat. Eine Studie der Humboldt-Universität lobt, dass die Hochschulen sich bemühen, Geflüchtete „abzuholen“.Foto: Carsten Rehder/dpa

Millionenschwere Programme wurden aufgelegt, um Geflüchteten den Weg an die deutschen Hochschulen zu bahnen. Vor allem Universitäten, aber auch Fachhochschulen haben seit dem vergangenen Jahr Gasthörerangebote, mehrsprachige Studienberatungen und studentische Mentorenprogramme gestartet. Mit Mitteln von Bund und Ländern konnten sie ihre Deutschkurse und Studienkollegs ausbauen, in denen sich Flüchtlinge, die ein Äquivalent zum deutschen Abitur mitbringen oder in ihrer Heimat schon studiert haben, auf ein Studium vorbereiten. Allein der Bund stellt dafür über den Deutschen Akademischen Austauschdienst 100 Millionen Euro für vier Jahre bereit. Wie groß das Engagement ist, zeigt eine Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) an der Humboldt-Universität, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

„Das Engagement der Hochschulen war kein Strohfeuer, sondern ist langfristig angelegt“, lautet ein Fazit der Studie von HU-Politikprofessorin Julia von Blumenthal und BIM-Mitarbeiter Steffen Beigang. Die Mehrheit habe Koordinierungsstellen für die Flüchtlingsintegration geschaffen. Die Hochschulen bemühten sich, „Geflüchtete abzuholen und ihnen einen Übergang zum Studium zu ermöglichen“. Vorgelegt haben von Blumenthal und Beigang erste Ergebnisse einer Umfrage, für die alle 392 staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen angefragt wurden. Bislang haben 86 geantwortet.

Positiv hervorgehoben wird, dass 35 Prozent der Hochschulen für geflüchtete Studienbewerber andere Regeln anwenden als für reguläre Bewerber, indem sie etwa selber deren Studierfähigkeit testen. Auch setze die Hälfte keinen speziellen Aufenthaltstitel voraus, ein Studium ist also auch schon vor der Anerkennung im Asylverfahren möglich. Hierbei seien die Unis „liberaler“ als die FHs.

Eine Hürde: die nötigen Deutschkenntnisse

Eine weitere Hürde, die Geflüchtete überwinden müssen, sind die nötigen Deutschkenntnisse. Voraussetzung für die Zulassung ist Deutsch auf dem Niveau C1, Bewerber müssen in der Regel die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang (DSH) bestehen. Die Hochschulen lassen die Geflüchteten damit nicht alleine: 89 Prozent der Unis und 64 Prozent der FHs haben entsprechende Angebote – vom einfachen Sprachkurs bis zur mehrsemestrigen Studienvorbereitung im Studienkolleg. Fachspezifische Programme werden dabei vor allem in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften angeboten, wo sich am einfachsten Studienplätze schaffen lassen. An zweiter Stelle liegen die Ingenieurwissenschaften.

25 Hochschulen haben bisher keinen Flüchtling immatrikuliert

Wie viele der Flüchtlinge es mittlerweile geschafft haben, einen regulären Studienplatz zu bekommen, kann die Studie nicht beziffern. Gefragt wurde danach zwar, aber der Ertrag ist dürftig. Denn bei der Bewerbung wird aus Datenschutzgründen offiziell nicht registriert, ob jemand nach Deutschland geflüchtet ist. Immerhin teilten 25 Hochschulen mit, bislang niemanden mit Fluchthintergrund immatrikuliert zu haben, bei 13 sind es ein bis fünf Flüchtlinge, bei dreien sechs bis zehn aus der Gruppe. Und 41 Hochschulen machen keine Angaben.

Auch Uni-Assist, die Servicestelle, die Bewerbungen von Nicht-EU-Ausländern vorab prüft, vermerkt nicht, wer Flüchtling ist, betont Mitarbeiter Martin Knechtges. Einen Anhaltspunkt böten aber Bewerberzahlen zum Wintersemester aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran, woher die meisten Flüchtlinge stammten. Von diesen rund 5400 Bewerbern seien 4000 insofern erfolgreich gewesen, dass sie die formalen Kriterien erfüllten und ihre Bewerbung an die gewünschten Hochschulen weitergeleitet worden seien.

An der TU Berlin haben 19 ein Studium aufgenommen

Etliche Berliner Hochschulen können auf Anfrage des Tagesspiegels dann doch aktuelle Zahlen nennen. Die meisten Neuimmatrikulierten meldet die TU: 19 Absolventen des Ende 2015 gestarteten Sprachkurses für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) haben zum Wintersemester ein Studium aufgenommen, Aus dem Gasthörerprogramm „In(2)TU“ hätten es zehn bis 20 geschafft. An der FU haben 21 Geflüchtete einen Studienplatz bekommen. An der HU sind es elf in einem sozialwissenschaftlichen deutsch-türkischen Masterprogramm und einige wenige in anderen Studiengängen, heißt es.

Besonders geringe Zahlen verzeichnen bislang die Fachhochschulen. An der HWR und an der Beuth-Hochschule sind es jeweils zwei. Die Alice-Salomon-Hochschule hat im Herbst vier Studierende im Studiengang Soziale Arbeit aufgenommen. In der BIM-Studie wird das schwächere Engagement der Fachhochschulen kritisiert. Sie könnten ihre Potenziale besser nutzen, sagte Julia von Blumenthal.

Geringe Zahlen verzeichnen die Fachhochschulen

HWR-Präsident Andreas Zaby, der auch Sprecher der Berliner Fachhochschulen ist, weist die Kritik zurück: „Wir haben ein solides Interesse an Geflüchteten und bieten regelmäßig Infotage und Gasthörerprogramme an.“ Grundsätzlich seien die Vorbereitungskurse in den Studienkollegs an den Unis angesiedelt. Von dort aus müssten die Studierwilligen erst einmal an den Fachhochschulen ankommen. Zum Sommersemester werde die HWR aber zwei eigene Sprachkurse für 30 Geflüchtete eröffnen – „mit dem Ziel, ihre Studierfähigkeit herzustellen“.

Bereits jetzt laufen Gasthörerprogramme, an der HWR sind derzeit 17 Geflüchtete dabei, an der Beuth-Hochschule 21, die HTW hat 27 Flüchtlinge in studienvorbereitenden Maßnahmen, die ASH meldet 18, die auch an Sprachkursen des dortigen „Pre-Study-Programms“ teilnehmen. „Wir gehen davon aus, dass die Zahl der regulär Immatrikulierten ab dem kommenden Sommersemester auch an den Fachhochschulen steigen wird“, sagt Andreas Zaby.

Das gilt auch für die Unis, die ihre Angebote zum Herbst noch einmal ausgebaut haben. An der FU sind aktuell 100 Flüchtlinge im Anfänger-Sprachkurs und 80 im Studienkolleg. An der HU lernen 75 Deutsch, und 25 sind am gemeinsamen Studienkolleg mit der FU. Und in den MINT-Kursen der TU sitzen weitere 100 Geflüchtete, die sich in den kommenden Semestern einschreiben wollen.

Lesen Sie hier, wie sich ein junger Ägypter einen Platz an der UdK Berlin erkämpfte.

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