Flussdelfine : Die Rückkehr des weißen Delfins

Der Baiji galt bereits als ausgestorben. Jetzt soll die seltenste Walart der Welt wieder aufgetaucht sein.

Flussdelfin Baiji
Der letzte seiner Art? Im Jangtse-Fluss soll der erst kürzlich für ausgestorben erklärte chinesische Flussdelfin Baiji gesichtet...Foto: dpa

Ein echter „Lazarus“ sprang einem Geschäftsmann in der chinesischen Stadt Tongling vor die Kamera: Aus den Fluten des Jangtse-Flusses tauchte am 19. August 2007 ein schlanker, weißer Körper auf. Der Zoologe Wang Ding von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften identifizierte auf dem Digitalbild jetzt den Baiji-Flussdelfin. Das wäre eine Sensation, denn noch vor wenigen Wochen hatten amerikanische und chinesische Forscher verkündetet, dass der Baiji – eine der letzten Arten von Süßwasserdelfinen auf der Erde und eine der älteste Delfinarten überhaupt – mit höchster Wahrscheinlichkeit ausgestorben sei. Erst letztes Jahr hatten Forscher auf einer Expedition versucht, den Baiji im Jangtse aufzuspüren – vergeblich.

Die neuen Bilder könnten darauf hindeuten, dass die Forscher bei ihrer Expedition die Art in den trüben Wassern des Jangtse womöglich nur schlicht nicht gesehen hatten. Schwemmstoffe machen den Fluss undurchsichtig, der Baiji kann unter Wasser kaum sehen. Tierschützer hoffen jetzt, dass der weiße Flussdelfin doch noch eine Überlebenschance hat. „Es gibt eine letzte Chance, mit strengen Schutzmaßnahmen den Baiji zu retten“, meint Zhu Ziang vom chinesischen World Wide Fund for Nature (WWF) in Wuhan. Bei solchen von den Toten wiederauferstandenen Arten sprechen Zoologen von einem „Lazarus-Effekt“. Sie beziehen sich auf den toten Lazarus von Bethanien, den Jesus laut Bibel wieder aufgeweckt hat.

Seit mindestens 20 000 Jahren schwimmen die Baijis, die zu den Zahnwalen gehören, im Jangtse, dem längsten Fluss Asiens. In dieser Zeit sind die überflüssig gewordenen Augen nahezu erblindet, die Tiere verlassen sich auf die Schallwellenortung mit ihrem Sonar. Mit diesem Echolot spüren sie in zwanzig Sekunden langen Tauchgängen Welse und andere Fische am Grund des Jangtse auf.

Diese Beute wird aber immer knapper, weil auch viele Menschen ihren Proteinbedarf mit Fischen aus dem Fluss decken. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts leitet die Industrie immer mehr Abwässer in den Fluss und vergiftet so auch die Delfine. Häufig verheddern die Tiere sich in Fischernetzen und ertrinken unter Wasser jämmerlich, weil Wale zum Atmen auftauchen müssen. Obendrein stört der Lärm des Schiffsverkehrs das empfindliche Sonar der Flussdelfine und trübt so den Blick mit diesem für den Beutefang entscheidenden Sinnesorgan.

Diese Faktoren machen den Baijis massive Probleme: Lebten vor zweitausend Jahren noch etwa fünftausend im Jangtse, zählten Naturschützer 1986 noch rund 300 der Flussdelfine. 1997 schwammen allenfalls noch fünfzig Baijis im Jangtse. 2002 wurde dort zum letzten Mal ein lebender Flussdelfin fotografiert. In dieser Zeit wurde ein zwanzig Kilometer langer Seitenarm des Jangtse mit relativ sauberem Wasser und ohne Schiffsverkehr als Shishou-Reservat unter Naturschutz gestellt. Die letzten Baijis sollten eingefangen und im Reservat wieder ausgesetzt werden. Die im November 2006 gestartete Expedition aber bekam keinen einzigen der Flussdelfine zu Gesicht.

Wie jetzt weitere Schutzmaßnahmen für den Baiji aussehen könnten, weiß Petr Obrdlik. Der tschechische Wissenschaftler kümmert sich beim WWF in Frankfurt intensiv um den Irawadi-Delfin Orcaella brevirostris im Mekong-Fluss in Kambodscha und Laos. Die Irawadi finden sich zwar auch in Flussmündungen. Gleichwohl leben einige dieser Tiere auch im reinen Süßwasser des Irawadi in Myanmar, im Mahakam-Fluss auf Borneo und eben im Mekong.

Genau wie die Baijis verfangen sich auch die Irawadi-Delfine sehr oft in Kiemennetzen, in denen die Flussanwohner Fische fangen. Petr Obrdlik hat daher an den 190 Flusskilometern mit den letzten Mekong-Delfinen rund hundert Dorfbewohner gebeten, verendete Delfine den Naturschützern zu melden. Seit 2003 konnte der WWF so 25 erwachsene Delfine untersuchen. Nur zwei dieser Tiere waren an Altersschwäche gestorben. Zwei Delfine waren ums Leben gekommen, als ein Fischer sich mit Dynamit die Arbeit erleichterte. Die restlichen toten Delfine waren in Kiemennetzen erstickt.

Um den streng geschützten Irawadi-Delfin zu retten, haben die Behörden Kambodschas daher die Kiemennetze aus Nylon verboten. Diese Maßnahme war erfolgreich: Zählte der WWF 2003 zehn tote erwachsene Irawadi-Delfine am Mekong, waren es 2004 und 2005 jeweils noch fünf Tiere. 2006 verhedderten sich drei Delfine in den Fischernetzen.

Gleichzeitig aber wächst ein anderes Problem: Im Jahr 2004 spürten Wissenschaftler aus Australien den Irawadi-Delfinen nach und rechneten aus, dass noch 127 Delfine im Mekong leben. Als sie die Untersuchung 2007 wiederholten, waren es nur noch 71 Tiere. Die Ursache: Nicht nur die Zahl der erwachsenen Tiere geht zurück, auch die Zahl der verendeten Kälber nimmt ungefähr genauso schnell zu. 2007 fanden die Fischer bisher zwei tote erwachsene Delfine, aber elf tote Kälber, die höchstens 16 Wochen alt waren und noch gesäugt wurden.

Irgendeine Substanz in der Muttermilch scheint die Kälber zu töten. Drei Möglichkeiten fallen dem WWF-Experten Petr Obrdlik dazu ein: In den Seitenflüssen des Mekong wird viel Gold gewaschen, das dabei verwendete Quecksilber gelangt über die Flüsse in die Fische, die von den Delfinmüttern gefressen werden. So könnte das giftige Metall in die Muttermilch geraten. Die zweite Möglichkeit sind Pflanzenvernichtungsmittel, von denen in Kambodscha noch sehr viele verwendet werden, die in den Nachbarländern Vietnam und Laos längst verboten sind. Die dritte Möglichkeit ist das Gift Agent Orange, das die US-Streitkräfte im Vietnamkrieg über den Nachschubwegen der Nordvietnamesen in Kambodscha versprühten. Darin enthaltene hochgiftige Dioxine werden mit der Zeit langsam in die Nebenflüsse des Mekong ausgeschwemmt.

Ein wenig besser als den Flussdelfinen in Südostasien und China geht es den südamerikanischen Flussdelfinen im Amazonas und in der Mündung des Rio de la Plata. Dort sind die Bestände weitgehend stabil, berichtet der WWF, weil dort weniger Menschen den Delfinen Probleme bereiten. Noch einmal anders ist die Situation in Indien und Pakistan: Zwar gibt es noch rund 2000 Ganges-Delfine und 1100 Indus-Delfine. Bei Hochwasser aber verirren diese Flussdelfine sich in die vielen Bewässerungskanäle und finden nicht mehr in den Fluss zurück, wenn die Pegel wieder sinken. Zumindest in Asien scheint der Stern der in der Bevölkerung sehr beliebten Flussdelfine überall im Sinken zu sein. Ein Lazarus-Effekt jedenfalls garantiert das Überleben dieser schnellen, aber fast immer nahezu blinden Schwimmer noch lange nicht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar