Föderalismusreform : Wer erforscht die Volkskrankheiten?

Es dauert lange, bis Ergebnisse der Grundlagenforschung auch beim Patienten ankommen. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Jetzt nimmt sich Wissenschaftsministerin Schavan der Sache an. Uni-Mediziner sehen sich übergangen.

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Der Bund hat das Geld, um zentrale Fragen auf die Tagesordnung zu setzen, und er hat die Organisation, die sich diesen Fragen annehmen können. Der Bund denkt an die Helmholtz-Gemeinschaft – und erst danach an die Universitäten. Das liegt an der Föderalismusreform. Die medizinischen Fakultäten sind über diese Entwicklung gar nicht beglückt.

Die Helmholtz-Gemeinschaft soll nach den Wünschen von Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan deutsche Zentren der Gesundheitsforschung gründen, um fünf große Volkskrankheiten effektiver bekämpfen zu können: Demenz, Diabetes, Krebs, Infektionserkrankungen und Herz-Kreislauferkrankungen. Wer das Geld hat, gibt den Ton an. Die 1,6 Milliarden Euro, die der Helmholtz-Gemeinschaft zur Verfügung stehen, werden zu 90 Prozent vom Bund und im übrigen von den Ländern finanziert.

Der Bund redet zwar von gleichberechtigter Partnerschaft zwischen Helmholtz-Instituten und den Universitätseinrichtungen. Aber aus Sicht des Generalsekretärs des Medizinischen Fakultätentags, Volker Hildebrandt, „kann von einer Kooperation auf Augenhöhe bisher keine Rede sein“. Denn die Helmholtz-Institute würden bei der Kooperation die Federführung haben, selbst wenn sie sich ihre Kompetenz in den Volkskrankheiten zum Teil erst noch erarbeiten müssten. Die Universitätsmediziner befürchten sogar, dass die besten Forscher der Volkskrankheiten an den Universitäten jetzt von den Helmholtz-Instituten abgeworben und damit als Helmholtz-Wissenschaftler den Universitäten verloren gingen.

Für den Fakultätentag bringt der heutige Berater des Charitévorstandes und ehemalige Generalsekretär des Wissenschaftsrats, Wedig von Heyden, die Kritik auf den Punkt: „Bei der Ausschreibung und bei dem Auswahlverfahren für die Programme Demenz und Diabetes sind nicht die üblichen wissenschaftlichen Standards eingehalten worden.“ Weder der Wissenschaftsrat noch die Deutsche Forschungsgemeinschaft seien um ihr Urteil über Programm und Ausschreibungsinhalte gebeten worden.

Der Generalsekretär des Fakultätentages Volker Hildebrandt äußert den Verdacht, der Bund wolle jetzt in den Haushaltsberatungen vollendete Tatsachen schaffen. Die Mittel für die Helmholtz-Institute wurden für das Haushaltsjahr 2010 beträchtlich aufgestockt. Im neuen Haushalt ist vorgesehen, dass zusätzliche Mittel im Umfang von bis zu 54 Millionen Euro vom Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek, dafür genutzt werden sollen, um die Großforschungseinrichtungen mit den Hochschulen besser zu vernetzen.

Eine Broschüre der Helmholtz-Gemeinschaft stellt die nationalen Konsortien vor: Das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg soll sich als „Kernzentrum“ mit ausgewählten Partnern an den Universitätskliniken vernetzen. Das Helmholtz-Zentrum für Infektionskrankheiten in Braunschweig hat bereits einen strategischen Verbund mit vier Universitäten in Niedersachsen und dem Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin gegründet. In Berlin entwickelt das Max-Delbrück-Centrum (MDC) ein kardiovaskuläres Netzwerk mit der Charité auf dem Gebiet der Herz-Kreislauf- und Stoffwechselforschung. In München kooperiert das dortige Helmholtz-Zentrum mit Partnern aus den Universitäten und der Leibniz-Gemeinschaft beim Aufbau eines Deutschen Zentrums für Diabetesforschung. Auch die Lungenerkrankungen sollen von München aus in einem Netzwerk effektiver erforscht werden. Außerdem soll eine nationale Kohorte von 200 000 Probanden aus den verschiedenen Regionen Deutschlands unter der Regie der Helmholtz-Gemeinschaft aufgebaut werden. Dabei sollen Informationen zum Lebensstil der Probanden, ihrer medizinischen Vorgeschichte und zur Einnahme von Medikamenten über einen langen Zeitraum erhoben werden. Beteiligt ist das MDC in Berlin-Buch mit Partnern aus der Charité und den privat betriebenen Helios-Kliniken.

Der Medizinische Fakultätentag kritisiert, dass die Helmholtz-Gemeinschaft bei all diesen Einrichtungen dominiert, selbst wenn sie „nicht das Niveau und die Erfahrung der medizinischen Forschung der Universitäten haben“, wie Hildebrandt sagt. Auch seien die Universitäten in internationalen Ranking-Listen mit ihren Leistungen nicht sichtbar. Der Wettbewerb werde verzerrt.

Der Medizinische Fakultätentag fordert daher, dass auch die Universitäten „einen gleichberechtigten Zugang“ zu den Geldern des Bundes in der Gesundheitsforschung erhalten. Die Gelder sollten ohne Umweg über die Helmholtz-Gemeinschaft direkt an die Universitäten gehen. Verfassungsrechtlich sei das durchaus möglich, über mehrere Jahre Bundesgelder an die Universitäten zu überweisen, sofern es um Projektförderung geht. 

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