Folter : Schlimmer als die Streckbank

Psychische Folter gilt gemeinhin nicht als solche. Doch eine Studie zeigt, dass Demütigungen, Isolation oder das Miterleben einer Scheinhinrichtung von den Opfern als ebenso furchtbar empfunden werden wie körperliche Misshandlungen.

Heidi Ledford

Die durch Demütigungen und psychische Folter ausgelösten dauerhaften seelischen Leiden sind mit den Folgen der physischen Folter vergleichbar. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie. Schlussfolgerung daraus, so die Urheber der Studie, ist die Forderung nach einem internationalen Verbot der psychischen Folter.

Das Resultat der Studie ist vor allem für die USA von Interesse, in denen zurzeit eine Debatte darüber stattfindet, was als Folter zu werten ist. Die Anti-Folter-Konvention der Vereinten Nationen definiert sie als Handlungen, "die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden" zufügen.

Das US-Verteidigungsministerium bevorzugt jedoch eine etwas großzügigere Definition, die zahlreiche Akte psychischer Misshandlung ausklammert. Dazu gehören Demütigungen, Isolation, Schlafentzug sowie das Vorenthalten von Nahrung oder medizinischer Hilfe. Man behauptet, dass solche psychischen Maßnahmen nicht so gravierend seien, so Metin Basoglu von der King's College University in London, der Hauptautor der neuen Studie.

Basoglu und seine Kollegen untersuchten die Folgen psychischer Übergriffe anhand von 279 Überlebenden, die während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien gefoltert wurden. Nahezu alle Opfer waren geschlagen, erniedrigt und mit dem Tode bedroht worden. Die Teilnehmer wurden gebeten, die verschiedenen Folterungen auf einer Skala von eins bis vier in eine Rangfolge des Schreckens zu bringen.

Die Ergebnisse wurden diese Woche in Archives of General Psychiatry veröffentlicht. Sie zeigen, dass viele Formen psychologischer Gewalt genauso hoch eingeordnet werden wie physische Verletzungen(1). Berührungen an den Genitalien oder das Miterleben einer Scheinhinrichtung beispielsweise, erreichten Werte von 3,7, und damit mehr als das Ziehen von Zähnen (3,6) oder das Strecken des Körpers (3,5). Diese Einordnung liegt nur gering unter dem schlimmsten Übergriff: Vergewaltigung, die mit 3,9 bewertet wurde.

Die Teilnehmer der Studie sollten ebenfalls beschreiben, wie viel Kontrolle sie während der jeweiligen Foltermaßnahme hatten. Dabei zeigte sich, dass die Qualen als umso größer empfunden wurden, je weniger Kontrolle die Opfer hatten. Dies bestätigt Ergebnisse aus Tierversuchen, bei denen die Tiere ebenfalls stärkere Reaktionen zeigten, wenn sie unkontrollierbarem und unvorhersehbarem Stress ausgesetzt waren.

Ärzte in Folter-Rehabilitationszentren wissen das schon seit Jahrzehnten, merkt David Eisenman an, Internist an der University of California in Los Angeles. "Die am stärksten leidenden Opfer müssen nicht notwendigerweise körperliche Verletzungen erfahren haben," so der Mediziner. "Oft reicht schon eine Scheinexekution, um einen Menschen seelisch zu zerstören."

Kein Vertrauen mehr zu Ärzten

Datenmaterial über Folteropfer sei nur schwer zu beschaffen, bemerkt Steven Miles vom Center for Bioethics an der University of Minnesota in Minneapolis. Denn viele Rehabilitationszentren für Folteropfer wollten die ohnehin schwierige Arzt-Patienten-Beziehung nicht auch noch mit wissenschaftlichen Untersuchungen belasten. Oft waren Ärzte bei der Folter anwesend, sodass es für die Opfer schwer ist, im späteren Leben wieder einem Mediziner zu vertrauen.

"Wir erachten unsere Studie für sinnvoll, denn die Debatte zum Thema kann sich nicht auf besonders viel empirisches Material stützen," so Basoglu. "Im Prinzip steht hier nur Meinung gegen Meinung."

Die Regierung der Vereinigten Staaten, zum Beispiel, ist nur dann bereit, eine bestimmte Befragungsmethode als Ursache für "ernsthafte seelische Schädigungen" einzustufen, wenn Beweise erbracht werden, dass die Maßnahme ein posttraumatisches Stresssyndrom auslöst. Das ist eine komplexe Angsstörung, die nach einem traumatischen Erlebnis auftreten kann. Mit dieser Forderung beziehen sich die USA auf eine frühere Studie von Basoglu, die zeigt, dass Folteropfer häufig an einem solchen Stresssyndrom leiden.

Aber viele Beobachter wehren sich gegen diese Einschränkung mit dem Hinweis, dass viele Folteropfer zwar nicht von einem posttraumatischen Stresssyndrom betroffen sind, aber mit anderen, gleichermaßen ernsten seelischen Störungen leben müssen. Basoglus neue Studie widerspricht dieser Auslegung seiner früheren Untersuchung ebenfalls. Es gibt keinen proportionalen Zusammenhang zwischen der Schwere eines Übergriffs und der Häufigkeit eines Stresssyndroms, fügt er an.

Die Ausbildung des Syndroms hängt nicht nur von der Art der ausgeübten Gewalt ab, sondern auch vom persönlichen Hintergrund des Opfers. Politische Aktivisten, zum Beispiel, die damit gerechnet haben, eventuell eines Tages gefoltert zu werden, tragen weniger seelischen Schaden davon als arglose Bürger, so Miles.

Die Definition erweitern

Basoglu weist darauf hin, dass es seinen Ergebnissen zufolge unvermeidlich ist, psychologische Gewalt in die US-Definition der Folter aufzunehmen.

Das findet jedoch nicht jeder sinnvoll. Der Einwand von Gregg Bloche, Jurist und Psychiater an der Georgetown University in Washington DC: Wenn alle Formen psychologischer Angriffe als Folter gewertet würden, würde dies den Begriff zu sehr erweitern. Dann würde man darunter auch "viele Dinge verstehen, die wesentlich weniger schrecklich" seien. "Das macht es viel schwieriger, die extrem negative Aura der Folter zu bewahren," fügt er hinzu. Bloche findet, dass die Gerichte im Einzelfall entscheiden sollten, ab wann ein psychologischer Missbrauch eine Form der Folter darstellt. Internationale Tribunale könnten sich auf Basoglus Material stützen, um ihre eigene Definition zu finden.

(1) Basoglu M. & Livanou M. & Crnobaric C.; Arch Gen Psychiatry, 64; 277 - 285 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 5.3.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi:10.1038/news070305-2. Übersetzung: Rainer Remmel. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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