Wissen : Forschen, um zu überleben

Was wird aus unserer Erde? Reinhard Hüttl ist Chef von 900 Wissenschaftlern, die das ergründen

Ralf Nestler

Der Anruf bringt seinen Terminplan ziemlich durcheinander. Annette Schavan, Bundesforschungsministerin, will sich noch heute mit ihm treffen und wissen, ob Reinhard Hüttl und seine Kollegen ein Energieforschungskonzept für Deutschland erstellen können. Doch die Verstimmung währt nur kurz, denn eigentlich liebt er solche Anfragen. „Energierohstoffe, Bodenschätze, Wasser – alles wird knapp. Die Geowissenschaften werden deshalb in den kommenden Jahrzehnten zur Leitwissenschaft“, sagt Hüttl, Chef des Geoforschungszentrums (GFZ). Genau genommen ist er „Wissenschaftlicher Vorstand im Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches Geoforschungszentrum“. Das heißt: Forschungsmanager für eine Einrichtung mit knapp 900 Mitarbeitern.

Die Arbeit macht ihm Spaß, sagt der 51-Jährige. Doch das zu erwähnen ist gar nicht nötig. Während er davon spricht, welche Probleme Geowissenschaftler dringend angehen müssen – vom Klimawandel bis zur Erdbebenvorhersage –, reißt er die Augen auf und umfasst nahezu jeden Gedanken mit einer raumgreifenden Geste. Mit seiner mitreißenden Art gewinnt Hüttl nicht nur im Forschungsministerium, sondern auch in den Akademien und Fachgesellschaften, in denen er beteiligt ist. Am gestrigen Dienstag erst wurde er zum zweiten Präsidenten der deutschen Technikakademie „Acatech“ neben Joachim Milberg ernannt.

„Man kann etwas bewegen!“, sagt der Forschungsmanager, deshalb mache er den Job so gern. Nur eines passt ihm nicht: „Häufig muss man Anzug und Schlips tragen“, sagt Hüttl und zieht den Knoten seiner blauen Krawatte umständlich zurecht. Normalerweise mag er es lieber etwas legerer, wie die meisten seiner Kollegen am GFZ.

Lange ist er noch nicht hier am Potsdamer Telegrafenberg. Im Juni 2007 hat Hüttl die Nachfolge von Rolf Emmermann übernommen, der pensioniert wurde. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die beiden Männer enorm. Emmermann, der 1992 das GFZ gegründet hatte, war unter anderem an der neun Kilometer tiefen Bohrung des Kontinentalen Tiefbohrprogramms (KTB) in der Oberpfalz beteiligt und forschte an Graniten. Ein echter „Hard-Rocker“, wie Geologen in Anspielung auf hartes Kristallingestein zu diesem Typ Wissenschaftler sagen. Hüttl hingegen ist 16 Jahre jünger, hat Forstwissenschaften studiert, in Bodenwissenschaften promoviert und sich Zeit seines Forscherlebens mit Landschaftsentwicklungen der Jetztzeit beschäftigt, statt Millionen Jahre alte Gesteine zu untersuchen. Vielleicht war das der Grund, weshalb die Potsdamer Kollegen Hüttl als Willkommensgeschenk zwei Buchstützen überreichten, die aus rot-violett gebänderten Quarzkristallen bestehen – und bis heute die einzigen Gesteine im Büro des GFZ-Chefs sind.

„Als Naturwissenschaftler kann man sich in viele Themen einarbeiten“, sagt Hüttl. In seiner Position sei zwar auch Detailwissen wichtig, viel mehr aber ein Blick für das gesamte Forschungsfeld seiner Einrichtung. Das hat sich deutlich gewandelt. Während in den neunziger Jahren eher klassische Geothemen wie Vulkanismus oder Mineralbildung im Erdmantel bearbeitet wurden, erforschen die Potsdamer Wissenschaftler heute die Erde in ihrer Rolle als bewohnter Planet. „System Erde – Mensch“, nennt es Hüttl. Dabei gehe es um die Auswirkungen menschlichen Lebens auf die Erde – Stichwort Klimawandel –, aber auch um den Einfluss des Planeten auf unser Leben. Dazu gehören Georisiken wie Hangrutsche und Überschwemmungen, aber auch die Rohstoffversorgung.

Die GFZ-Forscher wollen nicht nur die grundlegenden Zusammenhänge verstehen, sondern sind auch an praktischen Anwendungen interessiert. Ein Beispiel dafür ist die Geothermie, bei der aus heißen Gesteinsschichten Energie gewonnen wird: Nördlich von Berlin betreibt das GFZ eine Versuchsanlage. „Wir wollen eben nicht nur feststellen, wo es geeignete Schichten gibt“, sagt Hüttl. „Wir arbeiten auch daran, wie man die Bohrtechnik verbessern kann, um die Kosten zu senken, oder finden heraus, warum die Meißel korrodieren und was dagegen zu tun ist.“ Für Hüttl steht fest: „Wissenschaftler dürfen nicht nur Fragen produzieren, sie müssen Lösungen finden.“

Die Nähe zur Praxis hat er immer wieder gesucht. Ende der achtziger Jahre hat Hüttl für die Kali-Industrie erforscht, wie Salzhalden begrünt werden können, und nebenbei habilitiert. Nach seiner ersten Professur für Geobotanik an der Universität von Hawaii in Manoa kam die wohl größte Umstellung seiner Laufbahn: 1993 nahm er einen Ruf nach Cottbus an, wo gerade eine Universität aus dem Nichts geschaffen wurde. Besonders interessant waren die Halden des Lausitzer Braunkohlenbergbaus. Dort konnte er beobachten, wie die Natur in die Mondlandschaften zurückkehrt, erzählt er. „Aber solche Tagebaue gibt es auch in Westdeutschland“, fügt Hüttl schnell hinzu. Auch als er über die Plattenbauweise spricht, die ihm in der neuen Stadt begegnete, beeilt er sich mit dem Nachtrag, dass es eine ähnliche Architektur auch im Westen gab. Es scheint, als sei er angekommen in der neuen Heimat, auch wenn seine Sprechweise noch immer auf die Geburtsstadt Regensburg schließen lässt.

Seit er sein Büro am GFZ bezogen hat, ist der Forscher nur noch für einen Tag in der Woche an seinem Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung in Cottbus. Vieles übernimmt dort der Vertretungsprofessor Thomas Raab. Trotzdem hat Hüttl, der eigentlich mit seiner Familie in Berlin wohnt, noch eine Wohnung in Cottbus. Und neuerdings auch eine in Potsdam. „Wenn es hier Abendtermine gibt, muss ich nicht noch lange fahren“, sagt er. An diesem Tag will er aber zu Annette Schavan, nach Berlin. Vom Ministerium ist es nicht mehr weit bis zu seiner Familie.

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