Forscher : Doktoranden: Wenig Geld, gute Stimmung

Wissenschaftliche Mitarbeiter sind zufrieden mit ihrer Situation – trotz schwieriger Arbeitsbedingungen und wenig Geld.

Tilmann Warnecke
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Länger forschen. Viele Dokoranden arbeiten länger als ihr Vertrag vorsieht. Sie empfinden das als "selbstverständlich".Foto: Thilo Rückeis

Als Knechte des Wissenschaftsbetriebs gelten sie oft: die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die an den Universitäten und den Forschungsinstituten angestellt sind, um dort ihre Promotion zu vollenden. Zu ihrer eigenen Forschungsarbeit kommen sie kaum, da sie von ihren Professoren zu anderen Projekten oder zur Lehre herangezogen werden. Von einer schlecht dotierten Stelle hangeln sie sich zur nächsten, ohne Chance, langfristig in der Forschung Fuß zu fassen. Frustriert sagen sie sich schließlich von der Wissenschaft los.

Eine neue Studie rückt dieses Bild jetzt zurecht. Zwar sind die Arbeitsbedingungen an den Forschungseinrichtungen für den Nachwuchs durchaus nicht die besten. Doch die meisten Mitglieder des "Mittelbaus" - wie die Gruppe genannt wird - stört das offenbar wenig. Vielmehr sind sie mit ihrer Gesamtsituation "absolut zufrieden", heißt es in der Untersuchung unter knapp 1000 Nachwuchsforschern, die von der Gewerkschaft Verdi in Auftrag gegeben und vom Soziologen Dieter Grühn von der Freien Universität durchgeführt wurde.

Für die meisten sei das Forschen "ein Lebenstraum", sagte Grühn bei der Vorstellung der Studie in Berlin. "Finanzielle Aspekte spielen daher eine untergeordnete Rolle." Bei vielen liege das Verständnis vor, "dass die Eigenarten der Promotionsphase akzeptabel sind und durch das Ziel belohnt werden". Wie überzeugt die Wissenschaftler von ihrer Entscheidung sind, belegt folgende Zahl: Nur elf Prozent der Befragten gaben an, sie würden diesen Weg nicht noch einmal wählen.

Für die Studie wurden wissenschaftliche Mitarbeiter der Technischen Universität Berlin, der Uni Oldenburg und der Uni Jena befragt. Die meisten davon arbeiten an ihrer Promotion, weniger als ein Fünftel ist in der Post-Doc-Phase. Die Befragten werden entweder über den Haushalt der Universität oder Drittmittelprojekte bezahlt. Etwa zehn Prozent bekommen ein Stipendium - sie finden sich vor allem an einer der Doktorandenschulen, die in der letzten Zeit verstärkt eingerichtet wurden.

Die Zufriedenheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter geht quer durch alle Fächer. Am höchsten ist sie bei den Medizinern, den Mathematikern und den Naturwissenschaftlern. Aber auch von den Geisteswissenschaftlern schätzen nur zehn Prozent ihre Arbeitssituation als "demotivierend" ein. "Eine Germanistin, die am Spätwerk Goethes forscht, denkt nicht daran, dass sie in der PR-Abteilung einer Bank ein Vielfaches verdienen könnte", sagte Grühn. "Ich wollte forschen", gaben achtzig Prozent als Hauptmotivation an, eine Stelle an einer Forschungseinrichtung anzunehmen - andere Gründe wie "Fand keinen anderen Arbeitsplatz" spielten eine untergeordnete Rolle.

Dabei gäbe es Arbeitsumstände, über die sich Nachwuchsforscher beklagen könnten. Für Verdi-Vertreter Hans-Jürgen Sattler, Wissenschaftsexperte der Gewerkschaft, sind die Jobbedingungen "objektiv prekär". Sechs von zehn Befragten mussten sich bereits mindestens eine neue Stelle suchen, weil die vorangegangene zu kurz befristet war. Unbefristete Stellen sind praktisch gar nicht vorhanden. Nur gut 40 Prozent der Befragten forscht auf einer ganzen Stelle, knapp 45 Prozent dagegen auf einer halben sowie jeder Zehnte auf einer Zweidrittelstelle. Gleichwohl würden die Forscher mit einer Halbtagsposition praktisch genauso viel arbeiten wie die Kollegen mit einer ganzen Stelle: nämlich gut 40 Stunden die Woche. Die Mehrarbeit hielten die meisten für "selbstverständlich". Die Gehälter seien niedrig: In NRW bekomme ein halbtags angestellter wissenschaftlicher Mitarbeiter etwa 1400 Euro brutto im Monat, das sind netto 1050 Euro.

In der Vorlesungszeit können sich an der Uni angestellte Wissenschaftler mit nur einem Drittel ihrer Zeit der eigenen Forschung widmen; der Rest geht für die Lehre und andere Projekte ihrer Professoren drauf. Besser sind hier Forscher dran, die aus Drittmitteln finanziert werden.

Neunzig Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter verlassen die Universität im Schnitt wieder. Daten darüber, in welchen Fächern der Schwund etwas geringer sein könnte, gebe es nicht, sagte Grühn. Aufgrund der hohen "intrinsischen Motivation" der Forscher könne man nicht davon ausgehen, dass diese entnervt das Handtuch geworfen hätten.

Vielmehr entscheiden sich viele von Anfang an bewusst dafür, dass die Arbeit an einer Forschungseinrichtung zeitlich begrenzt sein soll. Vor allem in den Ingenieurwissenschaften würden viele ihre Promotion machen, um später eine besser dotierte Stelle in der Industrie zu bekommen. Das Ziel sei, dort wissenschaftlich weiterzuarbeiten: Die Forschungsabteilung eines Unternehmens ist für viele das berufliche Traumziel. Sie fordern daher mehr Möglichkeiten, sich im Rahmen der Promotion auf den Übergang ins Berufsleben vorbereiten zu können. Womöglich können hier die neuen Doktorandenschulen mit ihren strukturierten Programmen Abhilfe schaffen, bei denen auch außerfachliche Fähigkeiten wie Präsentationstechniken gelehrt werden sollen.

Für die Universitäten und Forschungseinrichtungen stellt die Abwanderung der Jungforscher ein Problem dar: Sie könnten sich nicht sicher sein, dass nur die Besten der Besten bei ihnen blieben und die Promotionsphase ihre "Selektionsfunktion" erfülle, heißt es in der Studie. Grühn vermutet, dass vielmehr die mit der größten "Anpassungsfähigkeit" an ihre Professoren die Karriere an der Uni fortsetzten. "Ich befürchte, die Kritikfähigkeit von Wissenschaftlern bleibt da etwas auf der Strecke."


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