Forscher im Profil : Schrödingers Brille und Einsteins Zunge

Ingo Barth ist gehörlos. Er entwickelt Theorien zum Verhalten kleinster Teilchen – und die damit verbundenen Gebärden.

Paul Janositz
Mit den Händen sprechen. Ingo Barth ist gehörlos und betreibt Grundlagenforschung. Um sich zu verständigen, hat er für mehr als 500 Fachbegriffe Gebärden entwickelt. Diese bedeutet „Elektronenemission“, das heißt, das Atom gibt ein Elektron ab. Foto: Thilo Rückeis
Mit den Händen sprechen. Ingo Barth ist gehörlos und betreibt Grundlagenforschung. Um sich zu verständigen, hat er für mehr als...Foto: Thilo Rückeis

Seine wissenschaftliche Produktivität hat Ingo Barth schon oft unter Beweis gestellt, nicht zuletzt in seiner preisgekrönten Doktorarbeit. Eine andere Seite seiner Kreativität zeigt sich im Gespräch, wenn der gehörlose Physiker die Hände schwingt, dabei die Finger streckt oder krümmt, die Lippen lautmalerisch bewegt. Gebärdenreich erzählt er von seiner Forschung, von Laserpulsen, Elektronenorbitalen oder Tunnelionisation. Solche wissenschaftlichen Fachbegriffe gab es in der Gebärdensprache vorher nicht. Ingo Barth musste sie selbst erfinden, die Gebärden für insgesamt etwa 500 Fachwörter.

Jetzt sind sie in den Fluss von Bewegungen integriert, die der Dolmetscher in Lautsprache wiedergibt. Die Fragen, die an den Physiker gestellt werden, übersetzt Ralf Wiebel mit ebenfalls flinken Gebärden, so dass das Gespräch nicht ins Stocken gerät. Es geht um schwierige Themen, die der 35-jährige Wissenschaftler am Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie (MBI) in Berlin-Adlershof bearbeitet.

Barth interessiert sich für die Prozesse, die sich im Inneren von Atomen und Molekülen abspielen. Diese Bausteine der Materie bestehen aus Atomkernen (Protonen und Neutronen) und Elektronen. Letztere sind extrem leicht und bewegen sich sehr schnell um den vergleichsweise schweren Kern. Um direkte Einblicke in die Bewegung der atomaren Grundbausteine zu bekommen, verwenden Forscher ultrakurze Laserpulse, die manchmal nur wenige Attosekunden dauern. Eine Attosekunde ist der milliardste Teil einer Milliardstel Sekunde.

Für manche der raffinierten Experimente liefert Ingo Barth den theoretischen Unterbau. So stellt er beispielsweise komplizierte quantentheoretische Überlegungen darüber an, wie Elektronen auf Laserpulse reagieren, die „zirkular polarisiert“ sind. Diese besondere Form von Laserstrahlung zwingt die geladenen Teilchen auf eine ringförmige Bahn. So entstehen Ringströme, die wiederum in ihrem Inneren Magnetfelder erzeugen, die nach Barths Worten „unvorstellbar stark“ sein können. Wie er berechnet hat, übertreffen die Magnetfelder in Atomen und Molekülen bei Weitem das bislang stärkste im Labor erzeugte permanente Magnetfeld von knapp 100 Tesla.

Für solche überraschenden Erkenntnisse, die Barth im Zuge seiner Doktorarbeit gewann, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem Carl-Ramsauer-Preis der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und dem Wilhelm-Ostwald-Nachwuchspreis.

Auch als wissenschaftlicher Mitarbeiter am MBI betreibt Barth Grundlagenforschung. Mögliche Anwendungen seien zwar noch nicht in Sicht, vielleicht könnten die Erkenntnisse jedoch einmal für den Bau von Quantencomputern nützlich sein, sagt der Theoretiker, der sich schon als Kind für Naturwissenschaften interessierte.

Doch die Lehrerin an der Gehörlosenschule in Ost-Berlin konnte ihm wenig beibringen, da sie die Gebärdensprache nicht beherrschte. Der Mauerfall war für Barth die Erlösung. „Nun konnte ich die Kollegschule für Gehörlose in Essen besuchen und 1996 das Abitur machen“, erzählt er. Er liebte Fächer wie Physik, Chemie, Mathematik oder Informatik.

Zurück in Berlin, studierte Barth Physik an der Technischen Universität (TU). Die Bedingungen allerdings waren schwierig. Es gab keinen Unterricht in der Gebärdensprache, „der Muttersprache für Gehörlose“, wie Barth sagt. Dolmetscher, die die Vorlesung übersetzt hätten, wurden nicht gestellt, auch seine Kommilitonen konnten nicht gebärden. Immerhin bekam Barth eine Mitschreibhilfe durch Studierende höheren Semesters, so dass er den Lehrinhalt nachlesen konnte.

Die Prüfungen absolvierte der gehörlose Student, der sich neben Physik auf Astronomie spezialisiert hatte, mit schriftlichem Frage- und Antwortspiel. In seiner Diplomarbeit untersuchte er, wie sich die ersten Moleküle in den Sternatmosphären aus Silizium, Sauerstoff und Wasserstoff bildeten, wie sie sich zu Clustern zusammenschlossen und später zu Staub und Steinen wurden.

Vier Jahre lang wurde Barth von der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert. Es sei ihm wichtig gewesen, sich auch für andere gehörlose Studierende zu engagieren, sagt Barth. Deshalb organisierte er Treffen, auf denen Erfahrungen ausgetauscht werden konnten und hielt an der TU eine spezielle Beratung ab. Darüber hinaus gab er Kurse in deutscher Gebärdensprache, an der Hörende teilnehmen konnten. „Für den Alltagsgebrauch, keine Fachsprache“, sagt Barth.

Seit 2002 ist die Gebärdensprache in Deutschland als eigenständige Sprache anerkannt. Einige Fachbegriffe aus Physik oder Chemie lassen sich damit ausdrücken, „Atom“ oder „Molekül“ beispielsweise. Es gibt auch Anleihen aus Gebärden-Fremdsprachen. „Elektron“ und „Ion“ habe er der amerikanischen Gebärdensprache entnommen, erklärt der MBI-Forscher.

Gebärden für Spezialausdrücke wie „zirkular polarisierter Laserpuls“ hat Barth selbst entwickelt. „Ich denke mir etwas aus und vereinbare es mit den Dolmetschern“, sagt der Physiker. Für Namen bekannter Wissenschaftler gebe es aber oft schon Gebärden. Sie orientierten sich nicht selten am Aussehen. „Schrödinger hatte eine Brille.“ Barth formt mit den Fingern eine Brille. Und Einstein? Barth streckt die Zunge raus. Er lacht und genießt den Effekt.

Mit den Wissenschaftlern am MBI verständigt sich der gehörlose Physiker per Stift und Papier, am Monitor oder über E-Mail. „Die Kollegen in meinem Arbeitszimmer kennen auch schon einige Gebärden“, erzählt er. Bei Seminaren ist Barth auf Dolmetscher angewiesen, ebenso bei wissenschaftlichen Konferenzen. Dann wird sein Vortrag von deutscher Gebärdensprache meist ins Englische und die Fragen der Teilnehmer in die andere Richtung übersetzt. „Wir arbeiten oft zu zweit und wechseln uns nach einer Viertelstunde ab“, sagt Dolmetscher Wiebel.

Gehörlose Wissenschaftler trifft Barth selten. Er ist in Deutschland der erste Gehörlose, der in Chemie promoviert hat. Damit sich das ändert, engagiert sich der Vater zweier hörender Kinder für den Aufbau einer „European DeafUniversity“. Die im März 2011 gegründete Initiative möchte innerhalb von zehn Jahren eine europäische Universität aufbauen, an der Studierende mit Gebärdensprache unterrichtet werden. Derzeit sei das Projekt ins Stocken geraten, erzählt Barth. Für den Entwurf eines Konzepts suche er noch Mitstreiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben