Forschung : Durch die Flut getrennt

Eine riesige eiszeitliche Flut trennte vor etwa 450.000 bis 200.000 Jahren die Britischen Inseln von Frankreich trennte.

Roland Knauer
Eiszeit
Unterm Eis. Die Grafik zeigt, dass England mit dem Festland verbunden war. -Quelle: Nature

Für viele Briten, die mit der Fähre von Dover in das französische Calais fahren, sind die berühmten Kreidefelsen ein Symbol für die isolierte Lage ihrer Inseln in Europa. Wie gut sich die Kreidefelsen in geografischer Hinsicht tatsächlich als Symbol für die Isolation Großbritanniens in den letzten Jahrtausenden eignen, haben Forscher um Sanjeev Gupta vom Imperial College in London geklärt.

Das Team hat den Ärmelkanal mit hochauflösenden Sonargeräten untersucht. Wie die Forscher im Fachblatt „Nature“ (Band 448, S. 342) schreiben, fanden sie im Kalkgestein des heutigen Meeresgrundes Spuren einer riesigen Flut, die vor etwa 450.000 bis 200.000 Jahren die Britischen Inseln von Frankreich trennte.

Damals hatte sich der Schnee nicht nur über Skandinavien zu einem riesigen Eispanzer verformt, der an einigen Stellen mit 3000 Metern wohl ähnlich dick war wie die Eisschicht, die heute Grönland und die Antarktis bedeckt. Auch über den Norden Englands und Irlands sowie über das Gebiet des heutigen Wales und Schottland hatte sich ein dicker Eispanzer gelegt. Wo heute die Wellen der mittleren und nördlichen Nordsee schwappen, verschmolzen damals die Eispanzer über Großbritannien und Skandinavien zu einem gigantischen Damm, der dem Schmelzwasser der Gletscher den Weg nach Norden versperrte.

Im Osten reichten die Eismassen bis in die Gegend der heutigen Städte Hamburg und Berlin. Sie bedeckten Teile des heutigen Polen. Bereits auf dem Höhepunkt der Eiszeit taute aber die Sommersonne vor allem im Süden das Eis kräftig ab.

In der norddeutschen Tiefebene sammelte sich das Schmelzwasser der Gletscher Skandinaviens. Die Wassermassen wälzten sich in einem riesigen Tal auf die heutige Nordsee zu nach Westen. Auch im Süden Englands folgte das Schmelzwasser dem Tal der heutigen Themse und erreichte das gleiche Gebiet. Als dritter Strom trug auch der Rhein einen Teil der Schmelzwasser vom riesigen Eisfeld über den Alpen in diese Region.

So entstand ein riesiger See, dessen Ufer im Westen, Norden und Osten von den Eismassen zwischen Skandinavien und den heutigen Britischen Inseln gebildet wurden. Im Süden lag die eisfreie norddeutsche Tiefebene. Und im Südwesten blockierte dem Süßwasser ein lang gestreckter Rücken aus Kalkgestein den Weg. Dieser flache Bergrücken zieht sich noch heute von Dover in Richtung London. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals verläuft der gleiche Kalkrücken südlich von Calais parallel zur heutigen Grenze zwischen Belgien und Frankreich nach Südosten.

Hinter diesem damals noch durchgehenden Kalkrücken bildete das heutige Großbritannien eine große Halbinsel im Nordwesten Europas. Auf dem Kalkrücken lastete der gewaltige Druck des Schmelzwassersees, der die heutige Deutsche Bucht bedeckte. Als während einer wärmeren Phase immer mehr Schmelzwasser in den See floss, stieg der Wasserspiegel. Das erhöhte den Druck auf den Kalkrücken, bis die Wassermassen durchbrachen. Jede Sekunde schoss mit etwa einer Million Kubikmeter fünf Mal mehr Wasser, als der Amazonas heute zum Atlantik trägt, durch den geborstenen Kalkrücken. Die Wassermassen gruben auf einer Breite von zehn Kilometern fünfzig Meter tiefe Schluchten in den Untergrund und teilten sich in mehrere Ströme, nur um wenige Kilometer weiter wieder zusammenzufließen. Genau diese Schluchten und die damaligen Inseln zwischen den Strömen entdeckten Gupta und Kollegen, als sie mit ihren Sonar genannten hochauflösenden Unterwasserschall-Detektoren den Ärmelkanal südwestlich von Dover untersuchten.

Als Folge dieser Flutwelle, die vor ungefähr 450.000 bis 200.000 Jahren zwischen dem heutigen Dover und Calais zum Atlantik rauschte, kam es zur Trennung Großbritanniens vom Kontinent. In den Eiszeiten schoss ein gewaltiger Strom aus den Schmelzwassern von Themse, Elbe und Rhein zwischen Frankreich und England nach Südwesten. Als in wärmeren Perioden die Eismassen schmolzen, stiegen die Spiegel der Weltmeere und fluteten die neu entstandene Schlucht – so entstand der Ärmelkanal.

Die Vorfahren des Menschen schafften es wohl manchmal über den Strom, aber nicht immer: Vor 100.000 Jahren gab es zum Beispiel im heutigen Großbritannien keine Menschen. Die Kreidefelsen von Dover sind tatsächlich ein gutes Symbol: Sie sind die Reste des Naturdamms aus Kalkgestein, der wohl genau an dieser Stelle brach und so den Ärmelkanal entstehen ließ, der Großbritannien vom Rest Europas trennt.

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