Forschung : Ein Jahrzehnt geballte Manneskraft

Am 27. März 1998 kam die erste Potenzpille auf den Markt. Heute suchen Pharmaforscher nach dem weiblichen „Viagra“.

Justin Westhoff
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-Foto: Laif

Ethoxydihydromethyloxopropylpyrazolopyrimidin-phenylsulfonylmethylpiperazincitrat – dass aus dieser chemischen Verbindung, Substanzname „Sildenafil“, ein Kassenschlager wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer hatte Sildenafil als Mittel gegen Bluthochdruck getestet, jedoch mit mäßigem Erfolg. Erstaunt aber waren die Forscher darüber, dass sich nach Beendigung der Studie einige Patienten weigerten, das Präparat zurückzugeben und zudem ein paar Pillen aus dem Labor geklaut worden waren.

Dadurch wurde man auf eine „Nebenwirkung“ aufmerksam, nämlich die Verbesserung und Verlängerung der Erektion. So entstand ein Medikament unter dem Handelsnamen „Viagra“, das Pfizer zu einem der weltweit umsatzstärksten pharmazeutischen Unternehmen machte.

Viagra wurde vor genau zehn Jahren, am 27. März 1998, in den USA und am 15. September in der Europäischen Union zugelassen. Mittlerweile gibt es zwei Viagra-Konkurrenzpräparate, „Cialis“ von Bayer und „Levitra“ von Lilly. Alle drei Substanzen wirken chemisch gesehen als „Phosphodietsterase-5-Hemmer“. Da der Patentschutz für Sildenafil demnächst ausläuft, ist mit preiswerteren Nachahmer-Präparaten zu rechnen. Zudem sind weitere Medikamente gegen alle möglichen Sexualprobleme in der Entwicklung.

Viagra hat also mehr als die Behebung eines Potenzproblems bewirkt, es wurde zur Metapher. Die Potenzpille hat gesellschaftliche Einstellungen verändert, teils als „Zweite Sexuelle Revolution“ begrüßt, teils als Mechanisierung und Medikalisierung der Liebe kritisiert.

Das Mittel war insofern etwas vollkommen Neues, als es weder Hormone enthält noch sexuell stimulierend wirkt. Jahrtausendelang hatte es nichts anderes als – teils gefährliche, teils nutzlose – Aphrodisiaka gegeben, von Strychnin oder Amphetaminen über „Naturstoffe“ wie Yohimbin, Nashornpulver und Alraunenwurzel bis zum „Tonikum“ Okasa.

Handfester wurden die Hilfsmittel, als Ärzte Männern Silikon in die Schwellkörper pflanzten, um diese mechanisch erigieren zu lassen. Dass solche Apparaturen, ebenso wie Vakuumpumpen, wenig Erotisches an sich haben und dennoch verwendet wurden, sagt viel über die Verzweiflung, die mit dem Verlust der Penetrationsfähigkeit einhergehen kann.

Kaum weniger unangenehm war die Injektion mit gefäßerweiternden Papaverin. Die von dem britischen Arzt Giles Bradley 1983 bei einem Urologenkongress in Las Vegas erstmals vorgeführte „Schwellkörper-Autoinjektionstherapie“ (abgekürzt SKAT) läutete das Ende der Vorstellung ein, Erektionsstörungen seien fast immer rein seelisch bedingt.

Während die Psychotherapeutengilde fortan auf einen Teil ihrer männlichen Klientel verzichten musste, dürfte SKAT auch Pharmaforschern klargemacht haben, dass sich die Erektile Dysfunktion medikamentös behandeln lässt. Sie mussten nur noch nach einer angenehmeren Anwendungsform suchen.

Inzwischen ist unbestritten, dass, was früher Impotenz hieß, nicht nur Folge bestimmter Grunderkrankungen sein kann, sondern vor allem auch Vorbote von Diabetes Typ II (Altersdiabetes), Fettstoffwechselstörungen, Gefäßverengungen und weiteren Krankheiten. Die Einführung von Viagra hat eine verschämt verschwiegene, früher kaum behandelbare Störung der Lebensqualität in eine gesellschaftsfähige Krankheit gewandelt, über die Mann sprechen darf.

Hilfreich waren dazu entsprechende Kampagnen. Ein „Pionier“ war der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Bob Dole. Im Frühsommer 1998 trat er in Larry Kings TV-Show auf, berichtete über seine Prostataoperation mit der Folge von Impotenz und bekannte, ein neues Medikament dagegen auszuprobieren, das „Wunder“ bewirke. Fortan sprachen Sportstars und Schauspieler aus aller Welt über „ED“, Erektile Dysfunktion, und warben dafür, bei mangelnder Standfestigkeit zum Arzt zu gehen.

Pfizer selbst umging das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Medikamente in Publikumsmedien, indem die Firma zwar keinen Produktnamen nannte, aber sich als Aufklärerin für die gute Sache gerierte und das berühmt werdende Blau der rhombenförmigen Pille verwandte.

Der Versuch, die Vermarktung der Phosphodiesterase-Hemmer auf Frauen mit sexuellen Funktionsstörungen auszudehnen, hat so gut wie nichts gebracht. Zum einen ist die körperliche Liebe für Frauen meist weniger von organischen als von seelischen Faktoren, anregenden Umständen sowie Beziehungsfragen bestimmt. Zum anderen sind bei Frauen die Ursachen auch rein körperlich bedingter Defizite komplexer. Überhaupt schenkt die Biomedizin (anders als die Sexualwissenschaft) erst seit wenigen Jahren solchen somatischen Sexualstörungen beim weiblichen Geschlecht Aufmerksamkeit und entdeckt weitere anatomische Details.

Weit mehr als beim männlichen Geschlecht müsste es bei Frauen um die Anregung der Lust gehen, will man überhaupt auf biochemische Weise eingreifen. Der „heißeste“ Kandidat für ein „weibliches Viagra“ ist derzeit die Substanz PT-141, die – als Nasenspray verabreicht – das sexuelle Verlangen der Frau steigern könnte. Auch hier half ein Zufall: Der Inhaltsstoff Bremelanotid hat sich bei der Entwicklung einer Sonnenmilch als aphrodisierend herausgestellt. Wenn es stimmt, dass für Frauen nicht der Unterleib, sondern das Gehirn die wichtigste erogene Zone ist, werden womöglich ebenfalls in diesem Zusammenhang zur Zeit getestete Pharmaka, die in den Glücks- und Botenstoffwechsel eingreifen, helfen können.

Nicht wenige Mediziner und auch Sexualwissenschaftler riefen vor zehn Jahren die „zweite sexuelle Revolution“ aus, weil Viagra Männer von Störungen und Ängsten befreite. Schon über die Zählweise kann man streiten. Löste die „Antibabypille“ in den sechziger Jahren tatsächlich die erste sexuelle Revolution aus, weil sie Frauen die Angst vor unerwünschter Schwangerschaft nahm? Oder geschah dies zuvor schon durch akribische Schlafzimmerbeobachter wie Masters und Johnson, Kinsey oder Kolle? Oder noch grundsätzlicher durch Sigmund Freud und Wilhelm Reich?

Mit der Einführung von Viagra traten auch Kritiker auf den Plan. Die Selbstverständlichkeit, dass die männliche Potenz mit dem Alter abnimmt, werde zur Krankheit umdefiniert, und der Druck auf Männer steige enorm. Der wohl bekannteste, mittlerweile emeritierte deutsche Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch aus Frankfurt am Main prangerte damals die „Biochemisierung“ der Sexualität an. In seinem jüngsten Buch „Neosexualitäten“ spricht er von der „Verramschung des Körpers“. Alice Schwarzer empörte sich im Spätsommer 1998, guter Sex habe wenig mit Schwellkörpern zu tun, Frauen hielten überhaupt nichts vom „Gerammel um jeden Preis“, Viagra sei für sie eher ein „Erotikkiller“. Dass die katholische Kirche Viagra als „höchst fragwürdigen Fortschritt“ bezeichnete, der allenfalls Ehepaaren zugutekommen dürfe, versteht sich – auch wenn ein pfiffiger Erfinder das Mittel schon mal als Oblate verabreichen wollte.

Die Wirksamkeit der Phosphodiesterase-Hemmer ist jedenfalls unbestreitbar, ebenso wie die Tatsache, dass sie vielen Paaren ein großes Stück vom Glück zurückgegeben haben. Dutzende weitere Substanzen für Frau und Mann befinden sich in der Testphase. Andererseits hat die Sexualität durch Viagra und Nachfolger ein weiteres Stück vom Mystischen und vom spannend Verbotenen verloren. Und in einer extremen Leistungsgesellschaft dürfen auch sexuell gesunde Männer offenbar niemals „versagen“, und so dient Viagra in manchen Kreisen als Partydroge.

Zu Beginn wurde viel über den Missbrauch als Lifestyle-Produkt debattiert, vergleichbar etwa mit Haarwuchsmitteln. Es gab Auseinandersetzungen über eine Erstattungspflicht der Krankenversicherungen und die Zahl der Pillen, die ein Hartz-IV-Empfänger von der Solidargemeinschaft pro Monat bezahlt bekommen dürfe. Mittlerweile haben Gerichte entschieden, dass gesetzliche Krankenkassen und Beihilfestellen für Beamte bei eindeutig medizinisch bedingter Erektiler Dysfunktion zahlen müssen.

Bis heute ist aber für viele Paare das Hauptproblem an pharmakologischen Potenzhelfern, dass die Romantik auf der Strecke bleiben könnte. Schon im August 1998 bot ein Gastronom aus Grenoble ein Viagra-Menü bei Kerzenlicht an, das neben altbekannten (angeblichen) Aphrodisiaka wie Ingwer, rotem Pfeffer oder Feigen in Saucen aufgelöstes Viagra enthält. Und seit 2007 verkauft ein australischer Unternehmer Austern, die ungewöhnlich gefüttert wurden – mit Ethoxydihydromethyloxopropylpyrazolopyrimidin-phenylsulfonylmethylpiperazincitrat.

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