Forschung : Eine Allianz gegen Gleichstellung

Wie ernst ist es der deutschen Wissenschaft mit der Frauenförderung? Warum die Institute DFG-Standards ablehnen.

Amory Burchard

Die Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Fraunhofer-Gesellschaft haben bei der Jahresversammlung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) am Mittwoch wie berichtet gegen Standards zur Gleichstellung gestimmt. Ernst Theodor Rietschel, Chef der Leibniz-Gemeinschaft, verlas im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin eine entsprechende Stellungnahme der vier in der „Allianz“ der Wissenschaftsorganisationen vertretenen Forschungseinrichtungen.

Die Standards sehen im Kern vor, dass sich die DFG-Mitglieder selbst verpflichten, nach dem Kaskadenmodell den Frauenanteil unter Nachwuchswissenschaftlern und Professoren so zu erhöhen, dass er höher ist als auf der direkt darunter liegenden Stufe. Bisher hatten sich Rietschel und auch Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, für entschiedene Frauenfördermaßnahmen bis hin zu Quoten ausgesprochen. Am Donnerstag hieß es nun aus der Leibniz-Gemeinschaft, Rietschel habe „im Auftrag der Allianz“ gegen die Standards gestimmt. Zum anderen habe er noch nicht das Mandat der Leibniz-Einrichtungen, solchen Eingriffen in ihre Autonomie zuzustimmen, hieß es. Rietschel stehe weiterhin hinter den Gleichstellungsmaßnahmen der DFG und wolle bei der nächsten Leibniz-Mitgliederversammlung dafür werben.

DFG-Präsident Matthias Kleiner hofft denn auch, dass die Institutionen, „die nicht zugestimmt haben, noch den Standards beitreten“. Die Bedenken teile er nicht, sagte Kleiner am Donnerstag. Den Mitgliedern, die einen Eingriff in ihre Autonomie fürchteten, sei man entgegengekommen: Die Berichte über die Umsetzung der Standards werden jetzt einer ausschließlich mit Wissenschaftlern besetzten Arbeitsgruppe vorgelegt und nicht wie zunächst geplant dem Hauptausschuss, dem auch Politiker angehören.

Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) sei jedoch generell gegen eine Berichtspflicht gegenüber der DFG, sagte Enno Aufderheide, Leiter der Forschungspolitik, dem Tagesspiegel. Die Standards als solche lehne die MPG nicht ab, sie wolle allerdings ihren eigenen im Juni beschlossenen „Gleichstellungsgrundsätzen“ folgen. Diese sehen statt eines Kaskadenmodells vor, den Anteil von Frauen in Führungspositionen jährlich um einen Prozentpunkt zu erhöhen.

Was folgt aus der Weigerung, den DFG-Standards beizutreten? Wenn eine Einrichtung keine Selbstverpflichtung abgibt, wird sie nicht benachteiligt, betonte Kleiner. Wie bisher aber würden die Gutachter fragen, welche Gleichstellungskonzepte das jeweilige Institut habe. Kleiner wünscht sich, dass sich die Mitgliedseinrichtungen eine Steigerung des Frauenanteils von einer Qualifikationsstufe zur nächsten um 30 bis 50 Prozent vornehmen. Amory Burchard

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