Forschung : Grüne Zuwanderer

Viele Pflanzen aus tropischen Ländern finden mitten in Berlin hervorragende Lebensbedingungen vor.

Rosemarie Stein

"Ein Veilchen auf der Wiese stand." Da denkt man gleich: Goethe, dann Mozart. Die kleine Symbolblume deutscher Poesie ist allerdings ursprünglich in Südwestasien und am Mittelmeer zu Hause.

Unser Veilchen ist ein Neubürger mit Migrationshintergrund und gehört zu den 13 Prozent eingewanderten Pflanzen, die heute in Deutschland leben. Von insgesamt 3028 Pflanzensippen - eine Bezeichnung, unter der sowohl Arten, Unterarten als auch Varietäten zusammengefasst werden - sind 405 solche Einwanderer. Alle neuen Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 nach Europa eingeführt oder unfreiwillig eingeschleppt wurden, nennen die Botaniker "Neophyten". Pflanzen, die noch früher dazukamen, heißen "Archäophyten", erläuterte der Botaniker und Ökologe Herbert Sukopp in einem Vortrag in der Humboldt-Universität. Der emeritierte TU-Professor ist Pionier der stadtökologischen Forschung.

Nicht nur menschliche Einwanderer, sondern auch zugewanderte Pflanzen siedeln sich gerne in Ballungsräumen an. Das ist erst seit kurzem bekannt, denn das multidisziplinäre Forschungsfeld Stadtökologie ist noch sehr jung. DieTiere und Pflanzen in den Städten haben Biologen lange nicht beachtet. Die Berliner unter ihnen fuhren zu Feldforschungen lieber an die Ostsee oder in den Harz, sagte Sukopp. Als sie dann nach dem Mauerbau auch Berlins Flora eher unfreiwillig systematisch untersuchten, staunten sie über die Artenvielfalt in der Steinwüste der Stadt. Nach Sukopp ist sie deshalb so enorm groß, weil Metropolen aus einem Mosaik von Biotopen bestehen, vom trockenen Straßenrand bis zum Waldsee. Dagegen ist unser Umland mit seinen Kiefer-, Raps- oder Roggenmonokulturen eher "einfältig".

Städte sind Inseln mit erhöhter Wärme und Trockenheit. Das ermöglicht Pflanzen aus wärmeren Regionen hier das Überleben. Viele wärmebedürftige Neophyten werden auch in den Gärten geschützt kultiviert, wo man zum Beispiel Dahlienknollen im Herbst aus der frostgefährdeten Erde nimmt. Alles, was man hier erst nach den Eisheiligen Mitte Mai ins Freie setzen darf, ob Tomaten, ob Begonien, gehört zu den Neophyten.

In freier Wildbahn überleben viele davon den ersten harten Winter nicht, außer vielleicht in der Stadt. Mitten in Berlin zum Beispiel, bei geschlossener Bebauung, beträgt die Lufttemperatur im Jahresmittel mehr als 10,5 Grad Celsius, am äußeren Stadtrand 8,5 bis 9,5 Grad und in naturnahen Gebieten Brandenburgs sogar nur acht bis neun Grad. Und je wärmer ein Biotop ist, desto mehr grüne Zuwanderer siedeln sich auf Dauer an. Wem ist nicht schon mal ein Götterbaum mit seinen großen Fiederblättern aufgefallen, der aus einer Pflasterfuge oder einem Kellerschacht wuchs?

Ständig wandern zahllose Pflanzen ein, die wenigsten aber finden so gute Lebensbedingungen vor, dass sie auf Dauer bleiben und sich ausbreiten können, wie etwa die kanadische Goldrute oder der Topinambur. Solche Neophyten kommen in der Regel aus Gegenden mit gemäßigtem, dem unseren vergleichbaren Klima: aus Nordamerika oder Ostasien. Und meist kommen sie ohne ihre natürlichen Feinde. Den allergrößten Teil der grünen Neubürger betrachtet Sukopp als Bereicherung, weil sie die Artenvielfalt vergrößern. Nur wenige gefährden diese Vielfalt durch Verdrängung anderer Arten.

Manche werden lästig, wie die Traubenkirsche, die vor 100 Jahren mit einem Riesenaufwand in Kiefernforsten zur Bodenverbesserung angesiedelt wurde. Jetzt versuchen die Förster, sie mit dem gleichen Aufwand wieder auszurotten, weil sie die einheimische Waldbodenflora verdrängt, darunter auch die Kräuter der "Hasenapotheke". Die meisten Neophyten kamen aber per Zufall nach Berlin; vor allem im 19. Jahrhundert und oft mit der Bahn, genau wie die zweibeinigen Neuberliner. "Und der Zustrom ist ungebremst", sagte Sukopp.

Nur ganz wenige der neuen Pflanzen können die Gesundheit gefährden, wie der aus dem Kaukasus stammende imposante Riesen-Bärenklau. Kommt die Haut erst mit dem Pflanzensaft in Kontakt und wird dann der Sonne ausgesetzt, entzündet sie sich, weil die Furocumarine im Saft der Herkulesstaude - genau wie auch einige einheimische Doldenblütler - gegen Sonnenlicht empfindlich machen. Deshalb wird der Riesen-Bärenklau bekämpft - allerdings mit wenig Erfolg.

Ganz aktuell ist Sukopps Warnung vor dem beifußblättrigen Traubenkraut (Ambrosia artemisifolia), das mit verunreinigtem Vogelfutter eingeschleppt wurde. Ambrosiapollen ist ein starkes Allergen. "Aber so etwas sind Ausnahmen", betonte der Ökologe. Auch in der Botanik besteht also kein Grund zur Fremdenfeindlichkeit.

Ein von Sukopp zitierter Text, den der Dichter Adelbert von Chamisso (1781-1838), Kustos am Berliner Botanischen Garten, nach seiner botanischen Weltreise schrieb, schildert schon 1827, wie der Mensch die Natur verändert: "Wo der gesittete Mensch einwandert, verändert sich vor ihm die Ansicht der Natur. Ihm folgen seine Hausthiere und nutzbaren Gewächse, die Wälder lichten sich … In seinen Gärten und Feldern wuchern unter den Gewächsen, die er anbaut, eine Menge anderer Pflanzen, die sich freiwillig denselben zugesellen und gleiches Loos mit ihnen theilen; wo er endlich den ganzen Flächenraum nicht eingenommen, entfremden sich seine Hörigen von ihm, und selbst die Wildnis, die sein Fuß noch nicht betreten hat, verändert die Gestalt."

Am 5. und 6. Juli lädt die Stiftung Naturschutz Berlin ein zum "Langen Tag der Stadtnatur" mit mehr als 450 Veranstaltungen. Programm im Internet: www.langertagderstadtnatur.de.

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