Forschung in Österreich : „Erfolge versickern im Sand“

Österreichs Forschungsgemeinschaft bekommt weniger Geld, die Universitäten dafür mehr. Kritiker sehen die Grundlagenforschung bedroht.

Leonard Novy

Als die neue österreichische Regierung im letzten Herbst antrat, hatte sie für Studierende und Wissenschaftler Großes versprochen. Ein Schwerpunkt seiner Regierung werde der Bildungsbereich, hatte der neue Kanzler Werner Faymann (SPÖ) angekündigt. Nach Jahren der Entfremdung, Enttäuschungen und Irritationen sah alles nach einem Neuanfang im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Sozialdemokratie aus. Schon vor dem Antritt der Faymann-Regierung, im September 2008, waren die 2001 von der Regierung Wolfgang Schüssels (ÖVP) eingeführten Studiengebühren praktisch abgeschafft worden. Eine Ad-hoc-Koalition aus SPÖ, Grünen und der rechtslastigen FPÖ hatte das Machtvakuum nach dem Zusammenbruch der großen Koalition von Kanzler Alfred Gusenbauer dafür genutzt, einen Antrag auf weitgehende Abschaffung der Studiengebühren durchzusetzen. Zwar gilt die grundsätzliche Beitragspflicht, doch können sich die meisten Studenten seitdem dank umfassender Ausnahmeregeln davon befreien lassen.

Die Universitäten sind der klare Gewinner des vor drei Wochen nach langen Verhandlungen vorgestellten Haushalts. Mit 3,4 Milliarden Euro im Jahr 2009 und 3,7 Milliarden Euro für 2010 kann Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) über rund 1,2 Milliarden Euro zusätzlich verfügen. Die Universitäten erhalten für das Jahr 2010 nun 355 Millionen Euro mehr, bis 2012 steigt die Summe auf 391 Millionen Euro. Dies gilt in der aktuellen Krise als Erfolg – obwohl die Universitäten 2008 noch eine Aufstockung von jährlich 600 Millionen Euro verlangt hatten und ein Großteil der zusätzlichen Mittel, 157 Millionen Euro pro Jahr, dafür eingesetzt werden muss, den Entfall der Studiengebühren zu ersetzen.

Weniger prioritär behandelt die Koalition offenbar die Grundlagenforschung. Deren wichtigste Förderinstitution, der Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), saß bis zur Vorstellung des Haushalts ein halbes Jahr auf dem Trockenen. Und mit ihm der gesamte Forschungsstandort Österreich. Ursache war die monatelang unklare Finanzsituation des der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) ähnelnden Fonds. Spekulationen über drastische Kürzungen bei der Forschung machten während der Budgetverhandlungen die Runde – vor allem beim FWF. Diesem blieb nichts anderes übrig, als Vergabesitzungen für positiv begutachtete Projekte auszusetzen. Die Antragsteller hingen in der Luft, die wissenschaftliche Community war verunsichert. Nun liegen die Zahlen vor, und der FWF wird den Gürtel enger schnallen müssen. Für die Jahre 2009 bis 2013 gibt es jährlich 160 Millionen Euro. Gegenüber 2008 bedeutet dies ein Minus von rund 20 Prozent. Vorgriffe auf die nächsten Jahre, welche ihm in den letzten Jahren gewährt wurden, muss der FWF selbst bezahlen.

Komplett eingestellt werden muss die erst 2007 eingeführte Zahlung von Overhead-Kosten. Damit sollten jene Kosten abgegolten werden, die Universitäten durch ein FWF-Projekt eines ihrer Mitarbeiter entstehen – ein Rückschlag auf dem Weg zum Fernziel des sogenannten Vollkostenmodells. Die Unis reagierten verschnupft, denn die meisten haben diese Overheadkosten schon verplant. Eine rückwirkende Aussetzung würde für laufende Projekte „in höchstem Maße demotivierend wirken und unsere ersten Erfolge in dieser Richtung im Sand versickern lassen“, erklärte das Rektorat der Uni Linz.

Prominente Wissenschaftler werfen der Regierung vor, die angewandte Forschung gegen die Grundlagenforschung auszuspielen. „Der FWF garantiert eine ausgezeichnete Qualitätskontrolle der Forschungsprojekte“, sagte die Mikrobiologin Renee Schroeder (Universität Wien) dem Wiener „Standard“. Mehr Geld für die Unis und weniger für den FWF würde daher wieder einen Schritt in Richtung Gießkannenprinzip bedeuten. Fest steht, dass der FWF wesentlich dazu beigetragen hat, dass die universitäre Forschung in Österreich in einigen Bereichen auch ohne Eliteuniversitäten zur Weltspitze aufsteigen konnte. Wie die positive Entwicklung der Wissenschaften sind auch die Karrieren vieler österreichischer Wissenschafter eng mit dem FWF verknüpft. Für Antragsteller wird der Wettbewerb um die begehrte FWF-Förderung nun noch härter werden. Man werde nun bei der wichtigsten Förderkategorie, den Einzelprojekten, noch strengere Maßstäbe anlegen müssen, so Kratky. Bisher wurden rund 50 Prozent der beim FWF eingereichten Projekte im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften genehmigt.

Auch wenn das Schlimmste abgewendet scheint, bleiben sechs Monate ohne finanzielle Mittel und die damit verbundenen Verzögerungen nicht folgenlos. „Wenn in der äußerst kompetitiven Grundlagenforschung aktuell geplante Projekte nicht sofort gestartet werden können, kann man sie gleich bleiben lassen“, so Kurt Grünewald, der Wissenschaftssprecher der Grünen.

Für den wieder handlungsfähigen Fonds gibt es also viel aufzuholen. Die nächste Kuratoriumssitzung findet in diesen Tagen statt. Sie wird vier und nicht wie üblich zwei Tage dauern, um den Berg von rund 550 Projektanträgen abzuarbeiten.

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