Forschung : Jenseits des lokalen Wissens

Hans Belting kritisiert die Geisteswissenschaften. Die "kollektive Projektforschung" habe die Einzelforschung verdrängt.

Amory Burchard

Wenn Sigrid Weigel über die Lage der Geisteswissenschaften spricht, geht vielen ihrer Kollegen das Herz auf. „Die Gesellschaft hat gemerkt, was sie gewinnen kann durch die Arbeit der Geisteswissenschaftler“, sagt die Direktorin des Berliner Zentrums für Literaturforschung. Geisteswissenschaftler wendeten das Erfahrungswissen der Geschichte auf gegenwärtige Probleme an. „Und das erkennen die Naturwissenschaftler auch an“, ergänzt Luise Schorn-Schütte, Historikerin an der Uni Frankfurt am Main und DFG-Vizepräsidentin. Geht es den Geisteswissenschaften wirklich so gut?

In diesen Tagen bespiegeln sie sich in der Berlin-Brandenburgischen Akademie mit einer Bestandsaufnahme der „Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften“, von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsverbünden. Das Bild, das Philologen und Historiker von sich entwerfen, ist weitaus positiver als bei der ersten Tagung 2003. Das gilt zumindest für jene, die Forderungen wie „mehr Geld“ oder „mehr Zeit zum Forschen“ wenn nicht erfüllt, so doch angepackt sehen.

Die aktuellen „Schlüsselthemen“ – darunter Weigels Forschungsprojekt zu „Erbe, Erbschaft, Vererbung“ – liefern „Expertisen für das 21. Jahrhundert“. Die Formel steht für das Selbstbewusstsein im Wissenschaftsbetrieb erfolgreicher Forscher. Gestärkt wurde es im Jahr der Geisteswissenschaften 2007 und auch durch einige Leuchtturmprojekte in der Exzellenzinitiative. Was Geisteswissenschaften in der Gegenwartsanalyse nun tatsächlich leisten, sollte ein Podium diskutieren.

Impulsgeber Hans Belting, Bildwissenschaftler am Karlsruher Institut für Kunstwissenschaft, ist ausgerechnet einer, der die Wettbewerbe und Reformen ablehnt, von denen die Geisteswissenschaften profitieren. Der Geldsegen erzeuge Anpassungsdruck, nur noch mehrheitsfähige Themen zu bearbeiten, in Graduiertenkollegs könne man „ohne originelle Themen“ Karriere machen. Insgesamt habe die „kollektive Projektforschung“ die Einzelforschung verdrängt. Für dieses Lamento wurde Belting applaudiert. Offensichtlich aber ist er schlecht informiert über Großprojekte in den Geisteswissenschaften, denn unter ihren Dächern werden durchaus eigenwillige Themen erforscht.

Auf dem Podium regte sich Widerspruch zu Beltings Thesen zum Umgang der deutschen Geisteswissenschaftler mit der Globalisierung. Man richte den Blick nach innen, anstatt einen Blickwechsel zu vollziehen, beklagte Belting. Von der eurozentristischen „Zentralperspektive“ geprägt, habe man nicht die kulturelle Kompetenz entwickelt, „die Umwelt im Spiegel anderer Kulturen zu sehen“. Ein Blickwechsel würde die eigene Kultur als „lokales Wissen“ entlarven.

Dabei hat Belting wiederum bekannte Entwicklungen übersehen. Ihr Kolleg zu „Verflechtungen von Theaterkulturen“ basiere auf dem Perspektivwechsel, sagte etwa Erika Fischer-Lichte von der Freien Universität. Mit internationalen Fellows verständige man sich über unterschiedliche Traditionen und Innovationen. Und Schorn-Schütte ist sicher, dass die gute Ausstattung der Geisteswissenschaften künftig auch die von Belting vermissten internationalen Studierenden ins Land locken wird: „Wenn in den USA alles wegbricht, kommen sie zu uns.“ So stellte sich die Welt der deutschen Geisteswissenschaftler als geteilt da – zwischen Optimisten und Pessimisten.

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