Forschung : Mehr Gender macht mehr Qualität.

Die Freie Universität bündelt ihre Kräfte in der Geschlechterforschung. "Ohne die Reflexion der Kategorie Geschlecht wäre seriöse Forschung in zahlreichen Fächern kaum möglich“, sagt Präsident Peter-André Alt.

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Wer erforscht, wie Hyänen sich paaren, ist selbstverständlich ein Geschlechterforscher. Ein besserer Geschlechterforscher ist er aber, wenn er dabei reflektiert, durch welche Brille er die Hyänen beobachtet. Das Geschlecht des Wissenschaftlers und generell sein sozialer Hintergrund beeinflussen, welches Thema er sich sucht, wie er es methodisch angeht und wie er seine Ergebnisse schließlich bewertet. So sieht es Heribert Hofer. Der Professor für Interdisziplinäre Zoo- und Wildtierkunde an der Freien Universität ist darum überzeugt, dass wer diesen Umstand reflektiert, „die Qualität der eigenen Forschung verbessert“.

Hofer gehört zu jenen Professoren, die von dem neuen Interdisziplinären Zentrum Geschlechterforschung der FU profitieren werden. Jahrelang hat die FU daran gearbeitet, die Genderforschung mit ihrer Berufungspolitik in den meisten Disziplinen zu verankern, von der Archäologie über die Geografie bis zur Physik. Die etwa 80 FU-Professoren, die (keineswegs nur, aber immer wieder auch) Geschlechterfragen aufgreifen, bekommen nun eine Anlaufstelle. Das Zentrum wird den Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen anderer Disziplinen erleichtern, Colloquien organisieren oder Anschubfinanzierungen für DFG-Anträge geben. An der FU hofft man, dass die für erfolgreiche Anträge bislang hinderliche „Altherrenbegutachtung“ der DFG bald ins Museum kommt und sich ein Sonderforschungsbereich mit Schwerpunkt Genderforschung einwerben lässt.

Die Theaterwissenschaftlerin Doris Kolesch, die die erste Sprecherin des Zentrums werden soll, sieht noch große weiße Flecken auf der Forschungslandkarte, nicht zuletzt, weil zunehmend auch Naturwissenschaftler Geschlechterforschung betreiben: „Dadurch haben sich neue Fragen und ein erheblicher Forschungsbedarf ergeben. Auch die transdisziplinäre Neugierde ist gewachsen.“

FU-Präsident Peter-André Alt, der das Zentrum heute eröffnen will, sagt, „ohne die Reflexion der Kategorie Geschlecht wäre seriöse Forschung in zahlreichen Fächern kaum möglich“. Trotzdem überwinden viele seiner männlichen Kollegen ihre Abwehr gegen die überwiegend von Frauen betriebene Geschlechterforschung erst langsam. Vermutlich aus Kastrationsangst. Wer wie Alt davon ausgeht, dass Geschlecht ebenso wie Identität oder Wissen eine historisch variable Kategorie darstellt, rüttelt damit auch an den Machtverhältnissen. Unter welchen Bedingungen bringen mehr männliche Wissenschaftler die Souveränität dazu auf, dies zu tun? Auch das eine Frage der Genderforschung.

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