Forschung : Menschlicher Embryo – mit einem Quäntchen Kuh

Sie sind kleiner als ein Sandkorn, mit bloßem Auge kaum erkennbar. Und doch sind die Embryonen, die Lyle Armstrong und sein Team von der Universität Newcastle geschaffen haben, etwas ganz Besonderes. Es sind Mischwesen aus Mensch und Tier.

Hartmut Wewetzer

Wie die Universität am Mittwoch mitteilte, haben die Forscher Embryonen aus menschlichen Hautzellen und Eizellen von der Kuh erzeugt. In Deutschland ist diese Art von Forschung verboten, in Großbritannien zumindest heftig umstritten (siehe Kasten).

Die britischen Wissenschaftler benutzten Eizellen von geschlachteten Kühen. Zunächst wurde der Zellkern mit dem Erbmaterial der Rindereizelle entfernt. Dann wurde der Zellkern einer Hautzelle, in dem die Erbinformation eines Menschen enthalten war, hinzugefügt und durch einen winzigen elektrischen Schock mit der Eizelle verschmolzen.

Die Embryonen besitzen zu 99,9 Prozent menschliches und lediglich zu 0,1 Prozent tierisches Erbmaterial. Der Ausdruck „Chimäre“ ist deshalb eher irreführend. Dieses Ungeheuer aus der griechischen Mythologie hatte das Haupt und den Körper eines Löwen, den Kopf einer Ziege an der Seite und eine Schlange als Schwanz. Die Forscher sprechen bei ihren Geschöpfen von Hybrid-Embryonen.

Nach Informationen der Zeitung „The Guardian“ wuchsen die Embryonen über drei Tage bis zu einem 32-Zellstadium heran. Laut britischem Recht, nach dem anders als in Deutschland die Forschung an menschlichen Embryonen erlaubt ist, müssen Hybrid-Embryonen spätestens am 14. Tag nach ihrer Entstehung zerstört werden.

Ziel der Forscher ist die Gewinnung embryonaler Stammzellen. Diese Zellen können sich in jede Art von spezialisiertem Körpergewebe verwandeln und sind daher für die Forschung begehrt. Man kann anhand dieser Zellen die Entstehung des Organismus und den Ursprung von Krankheiten besser verstehen. Zudem hoffen Mediziner, eines Tages aus Stammzellen Ersatzgewebe für Menschen mit Diabetes (Zuckerkrankheit), Parkinson (Schüttellähmung) und etliche andere Leiden zu gewinnen. Bei diesen Krankheiten sterben Zellen unwiederbringlich ab.

Das Verfahren zur Stammzellgewinnung gleicht dem, das beim Erzeugen des Klonschafs „Dolly“ vor zwölf Jahren erstmals erfolgreich war. Der Nachteil besteht vor allem darin, dass sehr viele Eizellen zum Erzeugen weniger Klone benötigt werden. Um geklonte Stammzellen herzustellen, mussten die Forscher sich bisher überzählige Eizellen aus Fortpflanzungskliniken beschaffen. Dieses Problem haben die britischen Wissenschaftler umgangen, indem sie aufs Tier auswichen.

Die Briten sind nicht die ersten, die Hybrid-Embryonen aus Mensch und Rind erschufen. 1998 erzeugten Forscher der Biotechnik-Firma ACT in Worcester (USA) Hybrid-Embryonen als Quelle für Stammzellen. Allerdings verfolgten die Amerikaner diese Forschung nicht weiter.

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