Forschung : Pille gegen Übergewicht

Ein neuer Wirkstoff lässt Fettpolster schmelzen - bisher ist er aber nur im Tierversuch erfolgreich.

Michael Simm

Stress im Alltag kann dick machen, berichten Wissenschaftler der Universität Georgetown in Washington. Die Forscher um Zofia Zukowska liefern wichtige Hinweise auf mögliche Ursachen für die ständig wachsende Zahl übergewichtiger und fettleibiger Menschen. Darüber hinaus könnte die in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlichte Arbeit den Weg für neue Behandlungsformen ebnen, bei denen Ärzte Fettpolster wegschmelzen.

In ihren Experimenten hatten die Forscher um Zukowska vier Gruppen von Mäusen gestresst. Die Tiere mussten täglich eine Stunde in kaltem Wasser stehen, oder man setzte ihnen für jeweils zehn Minuten ein aggressives Männchen in den Käfig. Außerdem bekam eine Hälfte der Versuchstiere eine ganz normale Mäusekost, während die andere Hälfte fett- und zuckerreiche Nahrung erhielt. Eine ungesunde Mischung also, von der man weiß, dass sie auch beim Menschen Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck fördert.

Obwohl alle Mäuse unter Stress standen, nahmen nur diejenigen zu, die die ungesunde Nahrung bekamen. In nur zwei Wochen hatte sich bei ihnen die Menge an Hüftspeck gegenüber den Mäusen mit Normalkost verdoppelt, nach drei Monaten ungesunder Ernährung waren sie enorm fett geworden. „Das sagt mir, dass der Stress alleine nicht so gefährlich ist, sondern vielmehr die Kombination aus Stress und einer fett- und zuckerreichen Ernährung“, erklärte Zukowska.

Als die Wissenschaftlerin die Fettpolster der Versuchstiere näher untersuchte, fand sie darin bei den dicken Mäusen stark erhöhte Mengen von Neuropeptid Y (NPY), einem Hormon, das im Gehirn den Appetit anregt. NPY kann aber auch von Nervenzellen im Körper gebildet werden. Dort führt es dann zur Vermehrung und zur Vergrößerung von Fettzellen – und zu Fettwülsten.

Den gleichen Effekt konnten die Forscher bei Mäusen und Affen mit Tabletten anregen, die sie unter der Haut einsetzten und die regelmäßig NPY freisetzten. Als Nächstes setzte Zukowska bei dicken Tieren Tabletten ein, die einen von der deutschen Firma Boehringer Ingelheim entwickelten Hemmstoff abgeben, der die Empfängermoleküle (Rezeptoren) für NPY auf den Fettzellen verstopfen kann. Dadurch sollte die Signalwirkung des Hormons blockiert und die Fettbildung vermindert werden.

„Es war unglaublich“, sagt Zukowska. „Die Fettpolster schmolzen dahin, binnen zwei Wochen waren sie nur noch halb so groß.“ Zudem konnten die gleichen Tabletten bei gestressten Junk- Food-Mäusen Übergewicht und Fettleibigkeit verhindern.

Weil sowohl NPY als auch dessen Empfängermolekül bei Mäusen, Affen und Menschen fast identisch ist, sind die Forscher optimistisch, dass ihre Methode auch beim Menschen funktionieren könnte. Studien mit Freiwilligen sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre beginnen.

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