Forschung : Prost, Spitzhörnchen!

Beneidenswert: Ein Spitzhörnchen im Regenwald Malaysias trinkt regelmäßig Palmbier in großen Mengen - und hat trotz der Trinkgelage niemals einen Kater.

Spitzhörnchen
Beneidenswert: Ein Spitzhörnchen im Regenwald Malaysias trinkt regelmäßig Palmbier in großen Mengen - und hat trotz der...Foto: dpa

Bayreuth/WashingtonJede Nacht 3,8-prozentiges Bier trinken ohne betrunken zu werden? Was für menschliche Biertrinker ein Wunschtraum bleiben wird, ist für den kleinen nachtaktiven Kletterspezialist Alltag: Das Spitzhörnchen kann Alkohol offensichtlich besser verarbeiten als der Mensch, berichtet der Bayreuther Tierphysiologe Frank Wiens. Die unerwartete Beobachtung werfe auch ein neues Licht auf die Entwicklung des Alkoholkonsums unter den Vorfahren der Primaten - und damit auch des Menschen.

Wiens, der als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Tierphysiologie der Universität Bayreuth arbeitet, hat gemeinsam mit der Bayreuther Wissenschaftlerin Annette Zitzmann und internationalen Kollegen über viele Jahre das Ernährungsverhalten der Federschwanz-Spitzhörnchen (Ptilocercus lowii) untersucht und dabei die erstaunliche Entdeckung gemacht. Das in Südthailand und Malaysia beheimatete Tier hat etwa die doppelte Größe einer Maus und ist mit den Primaten verwandt.

"Die Tiere müssten jede dritte Nacht betrunken sein"

Wiens und Zitzmann hatten bei der Beobachtung des Spitzhörnchens festgestellt, dass der zu Alkohol fermentierte Blütennektar der Bertam-Palme Hauptnahrungsbestandteil des nachtaktiven Säugers ist. Der Saft der Palme werde dabei in den Blütenknospen wie in einer Gärkammer in Alkohol verwandelt. Der zu einer Art Palmbier vergorene Nektar enthalte bis zu 3,8 Prozent Alkohol, so Wiens.

Videoaufnahmen hätten ergeben, dass jedes Tier mehr als zwei Stunden pro Nacht den alkoholhaltigen Nektar trinkt. "Das war mehr Zeit als für irgendeine andere Nahrung aufgewendet wurde", sagte Wiens. "Gemessen an dem aufgenommenen Alkohol müssten sie eigentlich jede dritte Nacht betrunken sein", betonte der Wissenschaftler. "Sie sind es aber nicht." Alle beobachteten Federschwanzhörnchen zeigten auch nach dem nächtlichen "Trinkgelage" keinerlei Anzeichen von Trunkenheit.

Den hohen und dennoch folgenlosen Alkoholkonsum der Tiere bestätigte auch eine Analyse von Haaren der Federschwanzhörnchen. Bei allen untersuchten Haaren seien extrem hohe Werte sogenannter Biomarker für Alkohol festgestellt worden. Anhand dieser Biomarker lässt sich ermitteln, ob jemand über einen langen Zeitraum hinweg große Mengen Alkohol zu sich genommen hat.

Schon früh gab es regelmäßigen Alkoholkonsum

Wiens vermutet, dass der Stoffwechsel der untersuchten Tiere in Bezug auf Alkohol weitaus effektiver ist als der von Menschen. "Das Federschwanzhörnchen kann seinen Organismus nach dem Konsum von Alkohol offenbar schneller entgiften, als dies bei Menschen der Fall ist", unterstrich der Wissenschaftler. Ähnliche Beobachtungen habe sein Team auch bei fünf anderen, im malaysischen Regenwald verbreiteten Arten gemacht.

Nach Wiens Einschätzung müssen möglicherweise Theorien zum Alkoholkonsum verändert werden. Bislang sei man davon ausgegangen, dass die Menschheit und ihre Ahnen vor der Erfindung des Bieres vor etwa 9000 Jahren entweder gar nicht an Alkohol gewöhnt waren oder nur an sehr geringe Dosen in überreifen Früchten. Die Untersuchung zeige hingegen, dass ein regelmäßiger hoher Alkoholkonsum schon sehr früh in der Evolution der Primaten vorkam. (sba/dpa)

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