Forschung : Wissenschaftler protestieren gegen die Vernichtung von Erreger-Kulturen

Unterzeichner einer Petition fordern Untersuchung, nachdem Klinik nahezu 10.000 Proben vernichtete.

Heidi Ledford

Eine Gruppe von nahezu 250 Wissenschaftlern fordert eine Untersuchung der Vernichtung von tausenden Proben in einem Labor für Infektionskrankheiten am Veterans Affairs Medical Center in Pittsburgh, Pennsylvania. Die Sammlung - die beinahe 10.000 Proben umfasste - war das Ergebnis von 20 Jahren Arbeit und enthielt viele verschiedene Erreger von Infektionskrankheiten, von denen einige sehr selten waren.

"Sie waren unbezahlbar", sagt David Snydman, Experte für Infektionskrankheiten am Tufts Medical Center in Boston. Snydman hatte bei diversen Projekten mit den Kuratoren der Sammlung zusammengearbeitet und verlor Proben von Patienten mit Pneumokokken-Meningitis, die auf der ganzen Welt gesammelt worden waren. "Es ist wie eine Bücherverbrennung", sagt er.

Die Kulturen wurden vernichtet, nachdem das Medical Center das Special Pathogens Laboratory, das von Victor Yu geleitet wurde, im Juli 2006 geschlossen hatte. Yu und seine Kollegen planten, die Proben andernorts unterzubringen, doch in der Zwischenzeit wurden sie als Teil der Schließung vernichtet.

Snydman und 242 andere haben nun eine Petition unterschrieben, die in der April-Ausgabe von Clinical Infectiuos Diseases (1) abgedruckt ist und in der sie die Untersuchung der Vorgänge, die zur Vernichtung der Proben führten, durch ein unabhängiges Komitee fordern.

Unbekanntes Fieber

Das Labor war spezialisiert auf die Untersuchung von Legionella-Bakterien, Erreger, die eine tödliche Variante der Pneumonie, die Legionärskrankheit, verursachen.

Im Laufe der Jahre ist es darüber hinaus zu einem Hort für Proben von Patienten mit Infektionskrankheiten unterschiedlicher Genese geworden. Die Sammlung enthielt einen Klebsiella-Strang, der ebenfalls Pneumonie verursacht und ursprünglich in Asien entdeckt wurde, sich seitdem aber weltweit ausgebreitet hat. Proben von Patienten, deren Diagnose "Fieber unbekannter Ursache" lautete, wurden ebenfalls aufbewahrt. Diese Proben hätten eines Tages dazu genutzt werden können, den Ursprung neuer Infektionskrankheiten ausfindig zu machen, sagt Yu.

Yu und seine Kollegin Janet Stout haben mittlerweile das Special Pathogens Laboratory an der nahe gelegenen University of Pittsburgh wiedereröffnet, eine Möglichkeit, den Inhalt ihres Archivs zu ersetzen, gibt es jedoch nicht.

Mysteriöse Vernichtung

Warum genau die Klinik entschied, die Proben zu vernichten, bleibt ein Geheimnis. Vertreter der Klinik wollten gegenüber Nature News nicht Stellung dazu nehmen, sagten jedoch dem lokalen Fernsehsender WTAE, die Klinik habe Proben vernichtet, die nicht klar beschriftet waren, um die Sicherheit von Personal und Patienten zu gewährleisten.

Stout und Yu weisen diese Erklärung zurück. Stout sagt, die Proben waren "sorgfältig katalogisiert", obwohl die Infektionserreger in manchen Fällen unbekannt gewesen seien. Sie erklärt, sie war dabei, den Transfer der Proben zur University of Pittsburgh mit Vertretern der Klinik zu koordinieren.

Beide Wissenschaftler waren nicht beunruhigt, dass die Kulturen gefährdet sein könnten. "Niemand hat je mit Yu oder mir darüber gesprochen", erklärt Stout. Es gab keine Beschwerden darüber, dass die Proben immer noch im Medical Center gelagert wurden, fügt sie hinzu. Stout erfuhr erst von der Vernichtung, als sie einen Anwalt konsultierte, um die Modalitäten, unter denen sie nach Schließung des Labors die Klinik verlassen könnte, zu klären. Sie wollte sicher sein, dass sie die Proben mitnehmen könnte und ihr Anwalt kontaktierte die Anwälte der Klinik. "Sie sagten ihm, wir könnten die Proben nicht mitnehmen, da sie bereits vernichtet worden seien. So erfuhren wir davon", erklärt sie.

Schnelles Ende

Diskussionen über die Schließung des Labors gipfelten in einer Entscheidung, die Yu lediglich 48 Stunden Zeit ließ, das Labor zu schließen. "Am Mittwoch erfuhr ich von der Entscheidung", so Yu. "Am Freitag wurde das Labor verriegelt."

Yu wandte ein, dass sich Proben im Labor befänden, die getestet werden müssten, damit seine Klienten sicher sein könnten, ob ihr Wasser kontaminiert sei oder nicht. Er bat Vertreter der Klinik und Kongressabgeordnete um mehr Zeit. Das verschaffte ihm zwei Wochen, um die Laborarbeiten zu beenden, brachte ihm jedoch keine Freunde in der Klinikleitung, sagt er.

Yus Kollegen merken an, dass er bei Kontroversen kein Unbekannter sei. Mit dem US Center for Disease Control an Prevention geriet er in der Vergangenheit über Standards zur Testung auf Legionella-Erreger aneinander. Die Organisation rät Kliniken, ihr Wasser nur dann zu untersuchen, wenn bei einem Patienten die Legionärskrankheit diagnostiziert wurde; Yu ist der Ansicht, das Wasser sollte einmal jährlich untersucht werden, um Infektionen im Vorfeld zu verhindern.

Unabhängig davon ist der Schaden bereits angerichtet, sagt Stout. "Was mir und Yu passiert ist, ist eine Sache. Aber der Angriff auf die Wissenschaft ist verwerflich", sagt sie. "Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden, damit so etwas nie wieder passieren kann."

(1) Snydman, D. R. , Anaissie, E. J. , and Sarosi, G. A. Clinical Infectious Diseases 46, 1053-1059 (2008).

Dieser Artikel wurde erstmals am 20.3.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.682. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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