Forschungsallianz : Gemeinsam gegen Krebs

Bayer Healthcare verkündet Forschungsallianz mit dem Broad-Institut. Zunächst fünf Jahre lang suchen sie nun gemeinsam nach neuen, zielgerichteten Wirstoffen gegen Krebs.

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Stuart Schreiber
Stuart SchreiberFoto: Maria Nemchuk/Broad-Institut

Wieder so ein Treffen, dachte Stuart Schreiber, als eine Delegation von Bayer Healthcare im Oktober 2012 im amerikanischen Cambridge ankam. Der Chemiker ist dafür bekannt, dass er kleine Moleküle findet, die auch schwer angreifbare Ziele erreichen. Am Broad-Institut, das er mitgegründet hat und das von den Universitäten Harvard und MIT gemeinsam betrieben wird, klopfen ständig Pharmafirmen an. Meist wollen sie Hilfe bei Details.

Die Bayer-Krebsforscher um Karl Ziegelbauer waren anders. „Er sagte: Wir wollen Krebs besiegen. Seid ihr dabei?“, erinnert sich Schreiber. „Das war beeindruckend unerschrocken.“ Seine Arbeitsgruppe und die des angesehenen Krebsgenomforschers Matthew Meyerson suchten gerade nach Partnern aus der Industrie. Allerdings kamen nur Firmen infrage, die nicht nur den ausgetretenen Pfaden folgen. „Wer das Leiden der Patienten lindern will, muss tun, was die Tumorbiologie verlangt“, sagt Schreiber. „Auch wenn das kompliziert ist und für Unternehmen Risiken birgt.“

Ziegelbauer verkündete, er wolle mit den Experten vom Broad-Institut innerhalb von fünf Jahren drei neue Wirkstoffe gegen Krebs entdecken und diese für den Übergang aus der Grundlagenforschung in klinische Studien vorbereiten. „Das ist atemberaubend ehrgeizig“, sagt Meyerson. Er hatte das deutsch-amerikanische Treffen eingefädelt, nachdem er am Rande einer Krebskonferenz in Neu Delhi mit Chandra Ramanathan von Bayer ins Gespräch gekommen war. Man verstand sich sofort. Gestern besiegelten die Partner in Berlin eine strategische Forschungsallianz – ähnlich wie bereits 2008 mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, mit dem Bayer unter anderem Immuntherapien gegen Krebs erprobt.

Die Suche nach der Achillesferse von Tumoren

Zunächst fünf Jahre lang teilen sie nun ihre Erfahrungen mit Technologieplattformen und Wirkstoffbibliotheken, aber auch Daten. Bayer- und Broad-Forscher arbeiten bei den Projekten zusammen; ein gemeinsames Komitee berät die Teams. Beide Partner entscheiden gleichberechtigt, wie es mit einzelnen Ideen weitergehen soll und welche Mittel sie bekommen. Bayer erhält dafür die Option für exklusive Lizenzen auf Arzneimittelkandidaten, die dann in präklinischen und klinischen Studien getestet werden.

Matthew Meyerson
Matthew MeyersonFoto: Broad Institute

Daten zu Wirkstoffen, die theoretisch sehr gut sind, aber in ersten Experimenten nicht so funktionierten wie erhofft, wird das Broad-Institut in seinem Cancer Therapeutics Response Portal öffentlich zugänglich machen. „Das ist nicht selbstverständlich. Weder bei Pharmafirmen noch in der Wissenschaft“, sagt Schreiber. „Aber wenn man sich nicht hinter Mauern verbarrikadiert, wird die ganze Welt zum eigenen Labor.“ Bei einem Gegner, der so trickreich und komplex ist wie Krebs, ist das auch nötig. Traditionelle Chemotherapeutika helfen nur 20 bis 30 Prozent der Patienten. Alle anderen erleiden nur die Nebenwirkungen, ohne jeden Vorteil. „Das ist nicht akzeptabel“, sagt Meyerson.

Sein Team entschlüsselt die Erbanlagen unterschiedlichster Krebsgeschwulste, sucht nach den krank machenden Veränderungen und klärt auf, welche verhängnisvollen Kettenreaktionen sie anstoßen, so dass ein Tumor entsteht und immer weiter wächst. „Krebs ist eine Krankheit der Gene“, sagt Meyerson. „Die Einteilung nach Organen ist deshalb nicht immer sinnvoll. Wir wollen wissen, an welcher Stelle der Krebs verwundbar ist.“ Ist eine Achillesferse gefunden, sucht sein Kollege Schreiber nach kleinen Molekülen, die genau dort ansetzen.

Trotz einer solch zielgerichteten Therapie wird vielen Patienten ein Wirkstoff allein nicht dauerhaft helfen – denn ähnlich wie beim Immunschwächevirus HIV mutieren die Zellen im Tumor immer weiter. Wenn ein Signalweg nicht mehr funktioniert, findet der Tumor mitunter einen anderen und wird resistent. „Theoretisch sollten wir mit neuen Wirkstoffkombinationen Krebs zumindest dauerhaft in Schach halten können“, sagt Meyerson. Getestet hat das noch niemand. „Wir stehen ganz am Anfang.“

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