Forschungsausrichtung : Ohne Legitimation?

Was will die Bevölkerung wirklich? Wissenschaftler fordern, dass über Forschungsziele öffentlich diskutiert und entschieden wird.

Ralf Nestler

Die Ausrichtung der deutschen Forschung wird zu großen Teilen in Hinterzimmern festgelegt und hat keine demokratische Legitimierung. So sieht es zumindest der Klimaforscher Hartmut Graßl von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). „Der Staat investiert Millionenbeträge in die Fusionsforschung oder die bemannte Raumfahrt – aber will das die Bevölkerung wirklich?“, fragte er am gestrigen Dienstag bei einem Pressegespräch in Berlin.

Deshalb möchte die VDW noch in dieser Woche ein Papier verabschieden, in dem der Verband mehr Demokratie in der Forschungspolitik fordert. „Bisher gibt es in Deutschland keine wirkliche parlamentarische Mitbestimmung bei den Forschungszielen“, fügte der VDW-Vorsitzende Stephan Albrecht hinzu. Die großen Forschungsprogramme würden etwa im Bundesforschungsministerium erarbeitet und als fertiges Konzept präsentiert. „Ohne dass vorher eine Diskussion im Bundestag darüber stattfindet, ob das wirklich die wichtigen Themen für unsere Gesellschaft sind.“

Dazu zählt aus seiner Sicht etwa der Verlust der Bodenfruchtbarkeit, der weltweit besorgniserregend zugenommen habe. „Selbst hier in Deutschland geht jährlich dreimal so viel fruchtbarer Boden verloren wie neuer entsteht“, fügte Graßl hinzu. Aber noch immer folge die hiesige Landwirtschaft der Devise: „Maximale Ruinierung dessen, was unsere Lebensgrundlage ist.“ Aus seiner Sicht muss mehr Geld in Forschungsprojekte investiert werden, die dabei helfen, eine Wende in der Landwirtschaft zu ermöglichen.

„Aber gerade die Grundlagenforschung ist im Wesentlichen bei der Max-Planck-Gesellschaft konzentriert, die von ihrem Senat kontrolliert wird“, monierte Graßl. Eine öffentliche Diskussion oder gar Steuerung der Forschungsthemen sei nahezu unmöglich. „Wir werden sicher nicht vorschlagen, Volksabstimmungen über Wissenschaftsthemen abzuhalten“, sagte Albrecht. „Aber wir fordern, dass der Bundestag stärker in die Entscheidungen einbezogen wird.“

Die Forschungspolitik ist nur eines von mehreren Themen, mit dem sich die 400 Mitglieder der VDW – von Chemienobelpreisträger Paul Crutzen bis zum Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber – befassen. Als der Verband vor 50 Jahren in Berlin gegründet wurde, war das anders. Damals wollte eine Gruppe prominenter Kernforscher, darunter Max Born, Otto Hahn und Werner Heisenberg, gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr vorgehen.

Dass die Gesellschaft heute nicht mehr die bedeutende Rolle spielt wie in den 50er- und 60er-Jahren, gibt auch Ernst Ulrich von Weizsäcker zu, dessen Vater zu den Gründungsmitgliedern des VDW gehörte. „Das liegt auch daran, dass wir nicht mehr allein auf weiter Flur stehen“, sagt der Forscher und Regierungsberater. „Das Umweltbewusstsein ist inzwischen so geschärft, dass beispielsweise das Umweltbundesamt gegründet wurde.“

Auch vom ursprünglich favorisierten Konzept der friedlichen Nutzung der Kernenergie ist der VDW inzwischen abgekommen, fügt Graßl hinzu. Die Mehrheit der Mitglieder sei gegen diese Technik. „Weltweit werden damit nur zwei Prozent des Primärenergiebedarfs gedeckt“, sagt er. „Wie will man damit den 80-Prozent-Anteil der fossilen Energieträger ersetzen? Das ist lächerlich.“

Bei der Konferenz zur „Verantwortung von Wissenschaft und Forschung in einer globalisierten Welt“, die die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) gemeinsam mit der VDW an diesem Wochenende in der Berliner Urania veranstaltet, dürfte diese Äußerung heftigen Widerspruch hervorrufen. In der DPG sei die Stimmungslage zu diesem Thema „spiegelbildlich“, wie es Albrecht formulierte. 

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