Forschungspolitik : Exzellenz für Europa

Kleinstaaterei in der Wissenschaft: Wie die EU um eine einheitliche Forschungspolitik ringt.

Tilmann Warnecke

Wie europäische Forschungspolitik funktioniert, zeigte sich nach dem Ausbruch der Vogelgrippe. Um sich über die Gefahren der Epidemie zu informieren, schickte jedes EU-Land Wissenschaftler in die Krisenregion Asien: Erst kamen die Deutschen, dann die Engländer und Franzosen, gefolgt von den Forschern der anderen Länder. Aus jedem der 27 Mitgliedsstaaten eine Delegation, und dazu eine, die im Namen der EU sprach. „Total verwirrend“ sei das für die Asiaten gewesen, heißt es in der EU-Forschungsdirektion in Brüssel. „Die wussten überhaupt nicht, wer ihr Ansprechpartner war.“ Für Europa wäre ein einheitliches, konzertiertes Vorgehen effektiver gewesen – und zudem deutlich billiger.

Viele Grenzen mögen in der Europäischen Union gefallen sein: Die meisten EU-Bürger bezahlen mit der gleichen Währung, Unternehmen operieren dank des europäischen Binnenmarkts zu den gleichen Bedingungen. Doch in der Forschung, die wie die Wirtschaft längst globalisiert ist, handeln die EU-Mitgliedsstaaten immer noch weitgehend „nationalistisch“, wie es in Brüssel heißt. Mit schwerwiegenden Folgen, sagt Robert Jan Smits aus der EU-Generaldirektion Forschung: Im weltweiten Wettbewerb um die besten Forscher – in dem neben den USA auch viele asiatische Staaten mit Europa konkurrieren – hätten die EU-Länder oft das Nachsehen. Die kritische Masse für eine weltweit gewichtige Forschung werde zu selten erreicht. So fehle es oft schlicht an genügend Geld.

Doch jetzt will Brüssel den gemeinsamen Europäischen Forschungsraum – die „European Research Area“ besteht auf dem Papier seit dem Jahr 2000 – besser ausgestalten. „Die EU, die in der Wissenschaft von den Mitgliedsstaaten bisher vor allem als Geldverteilungsagentur benutzt wurde, muss Forschungspolitik endlich auch gestalten“, fordert EU-Forschungskommissar Janez Potocnik.

Beispiele, wie sich Europa durch die Kleinstaaterei in der Wissenschaft schwächt, gibt es aus Brüsseler Sicht genug. Etwa in der Medizin: In 2000 nationalen Programmen versuchen Wissenschaftler in den EU-Mitgliedsstaaten zu erkunden, wie man genetisch bedingte, seltene Krankheiten besser therapieren könnte. Eine „absurde Vielfalt“, heißt es in Brüssel. Denn für so viele Programme gebe es gar nicht genug Patienten, die an diesen seltenen Krankheiten leiden. Ein anderes Beispiel ist die große Flotte von Forschungsschiffen: Gut 200 Schiffe fahren unter der Flagge verschiedener EU-Länder – „statt weniger neuer, exzellent ausgerüsteter Schiffen leistet man sich viele ältere, die mit denen der Amerikaner nicht mithalten können.“

Letzteres soll sich ändern: Die Nordseeanrainer bauen derzeit gemeinsam das Polarschiff „Aurora Borealis“, das das modernste seiner Art werden soll. Die Aurora gehört zu 35 Forschungsinfrastruktur-Projekten, bei denen sich die Europäer zusammen tun, um an der Weltspitze mitspielen zu können. Als Vorbild dient das „Cern“ in Genf, das größte Zentrum für Teilchenphysik der Welt, das 20 europäische Staaten betreiben. So sollen Forschungsflugzeuge konstruiert werden, oder ein Riesenteleskop (European Extremely Large Teleskop), mit dem man schwarze Löcher erkunden will. Der Aufbau von Datenbanken ist geplant, die Forscher in den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehen. Knapp 14 Milliarden Euro sind für die Vorhaben veranschlagt.

Die Wissenschaftler monieren derweil immer noch große Mobilitätshindernisse. So beklagen sie, dass sie ihre Pensionsrechte und Sozialversicherungen nicht von einem Land ins andere mitnehmen können. Das will die EU bald vereinfachen, heißt es bei der Forschungsdirektion. Auch soll ein einheitliches Auftreten gegenüber anderen Ländern intensiviert werden. Gemeinsame Forschungsprogramme will die EU ebenso vorantreiben.

Wäre in diesem Rahmen eine aus EU-Mitteln finanzierte Spitzenuni möglich, die auch in finanzieller Hinsicht den US-Eliteunis das Wasser reichen kann? Dass die Mitgliedsstaaten gegen eine radikale Konzentration der Kräfte rebellieren, zeigt das Beispiel des European Institute of Technology (EIT). Das sollte nach dem Wunsch von EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso als Konkurrenz zum weltberühmten MIT entstehen: Ein Ort, an dem die besten Forscher aus Europa zusammengezogen werden. Doch das war nicht durchsetzbar, jetzt soll das EIT soll nur als Netzwerk bestehender Institute fungieren.

Leichter einigen konnte man sich dagegen auf den Europäischen Forschungsrat (ERC), der nach dem Vorbild der Deutschen Forschungsgemeinschaft Mittel an ausgewählte Vorhaben verteilt. Er ist zum Vorzeigeprojekt einer neuen EU-Forschungspolitik avanciert und habe „eine große Zukunft“ vor sich, lobt EU-Kommissar Potocnik. Das liegt wohl auch daran, dass sich prinzipiell alle EU-Mitglieder Geld vom ERC erhoffen können – auch wenn die Mittel allein nach Exzellenzkriterien vergeben werden, wie der deutsche Generalsekretär Ernst-Ludwig Winnacker betont. Die Wende weg vom Proporz- und hin zum Leistungsgedanken sei geschafft. Dass die EU es ernst meine, zeige sich für ihn auch darin, dass die Mitgliedsstaaten ohne Murren das Ergebnis der ersten Vergaberunde vor einigen Monaten schluckten. Denn sechs Ländern sind dabei ganz leer ausgegangen. In einigen Staaten wie Deutschland werden weniger Vorhaben finanziert, als ihnen bei einer Verteilung nach Proporz zugestanden hätte, in anderen wie Großbritannien mehr.

Könnte nach und nach das gesamte EU-Forschungsbudget allein nach Leistungskriterien verteilt und der Forschungsrat deutlich gestärkt werden? Kommissar Potocnik wiegelt ab. Man dürfe bei aller Begeisterung nicht vergessen, dass der ERC eine „besondere Aufgabe“ habe. Der große Rest der Gelder solle wie bisher unter der Voraussetzung verteilt werden, dass mehrere Länder bei Forschungsprojekten kooperieren.

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