Forschungsstandort : Dahlems bewegte Geschichte

"Götterhimmel der Wissenschaft" wurde Dahlem einst genannt. Die Max-Planck-Gesellschaft bietet nun einen Rundgang durch die Geschichte des Dahlemer Campus an.

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Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie, die Bauten für Biologie und Zellphysiologie – der Villenvorort Dahlem wurde ab 1912 auch zum Wissenschaftsquartier. Ein „deutsches Oxford“ versprach Friedrich Althoff, Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium. Und Adolf Butenandt, ab 1936 Direktor am Dahlemer Institut für Biochemie, nannte den Vorort „Götterhimmel der Wissenschaft“. Damals gab es schon die bis heute erhaltenen Tennisplätze und das längst zugeschüttete Schwimmbad der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG).

An die Schaffung dieser ersten außeruniversitären Forschungsorganisation im Januar 1911 und die damit einsetzende architektonisch-wissenschaftliche Gründerzeit erinnert jetzt ein Stadtrundgang, den die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) als Nachfolgerin der KWG bis Oktober anbietet. Zwei Stunden lang geht es durch die Geschichte des Dahlemer Campus vom Anfang des 20. Jahrhunderts über die Nazizeit und das Jahr 1948, als dort die Freie Universität gegründet wurde. Die MPG ist eine der Institutionen, die im Wissenschaftsjahr 2010 runde Jubiläen feiern.

Zwischen Ihnestraße und Thielallee liegen die meisten Stationen des Rundgangs: Am KWI für Chemie erforschten Otto Hahn und Lise Meitner seit 1912 das Verhalten radioaktiver Stoffe, was 1938 zur Entdeckung der Kernspaltung führte. Das 1917 gegründete KWI für Physik war zunächst in der Privatwohnung seines Direktors Albert Einstein in Schöneberg untergebracht. Erst 1937, als Einstein schon zur Emigration gezwungen worden war, erhielt es einen Neubau in Dahlem – finanziert von der Rockefeller Foundation. Im dazugehörigen „Turm der Blitze“, der Hochspannungsversuchen diente, lagert heute Archivmaterial der MPG. Als die FU 1948 als Reaktion auf die Sowjetisierung der Humboldt-Uni gegründet wurde, halfen wieder die Amerikaner, etwa bei der Finanzierung des Henry-Ford-Baus.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie geschichtsträchtig der Rundgang ist: Im Altbau des politikwissenschaftlichen Otto-Suhr-Instituts der FU war 1927 das KWI für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik eröffnet worden. In der NS-Zeit wirkte es an Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit, das OSI wurde seit den 1960er Jahren Schauplatz der Studentenproteste.

Bis Oktober an jedem ersten Sonntag im Monat, Zusatztermine am Sa., 22. und 29. Mai, und So., 23. und 30. Mai (ohne Voranmeldung). Treffpunkt: jeweils um 11 Uhr am Harnack-Haus, Ihnestraße 16 (Dahlem). Kosten: 5 €, erm. 3 €. Infos im Internet: www.kulturprojekte-berlin.de

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