Forschungstradition : „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften forscht seit über hundert Jahren über die Kulturregion „Naher Osten“. Von Bettina Mittelstrass

Bettina Mittelstrass
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Kaiser Wilhelm II. besuchte bei seiner großen Orientreise 1898 Jerusalem. Fotografie von Ch. Rade. -Foto: EMPORE-Kahl, Berlin

Im Frühjahr 1898 beginnt man am Hof in Berlin mit den Vorbereitungen für die Orientreise des Kaisers. Wilhelm II., im Volksmund auch „Reise-Kaiser“ genannt, will im Herbst mit seiner Frau Augusta Victoria über Konstantinopel nach Jerusalem und zurück über Beirut und Damaskus reisen.

Alle Städte lagen zu jener Zeit im Osmanischen Reich, zu dem das deutsche Kaiserreich vorwiegend aus wirtschaftlichem Interesse gute Beziehungen pflegte. Nicht nur im Berliner Schloss richtete man Ende des 19. Jahrhunderts das Augenmerk auf den so genannten Orient. Direkt gegenüber im bereits 1842-1855 erbauten Neuen Museum erblickte man ägyptische Kultur schon seit rund 50 Jahren.

Die Entzifferung altägyptischer Hieroglyphen im Jahr 1822 durch den Franzosen Jean-François Champollion hatte Okzident und Orient einander näher gebracht. Nach der Königlich-Preußischen Expedition nach Ägypten in den Jahren 1842–1845 begann man um die Jahrhundertwende an der Preußischen Akademie der Wissenschaften mit der lexikographischen Bearbeitung der altägyptischen Schriftdenkmäler.

1897 wurde das Projekt „Altägyptisches Wörterbuch“ aus der Taufe gehoben und als eines der großen Projekte der Berliner Akademie nach 60 Jahren fertig gestellt. Seit den 1990er Jahren wird das Wörterbuch der altägyptischen Sprache um neue Texte ergänzt und im Internet als lexikalische Datenbank geführt. Über 500.000 Textwörter und ihre Belegstellen sind derzeit abfragbar.

Als Wilhelm II. am 11. Oktober 1898 mit großem Gefolge nach Osten aufbricht, ist sein erstes Ziel ein Treffen mit Sultan Abdülhamid II. in der Hauptstadt des Osmanischen Reiches. Dass der Kaiser zur Einstimmung auf die Begegnung der Kulturen auch Goethes 1819 erschienenen Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“ im Gepäck hatte, darf stark bezweifelt werden. Als besonders belesen ist Wilhelm II. der Nachwelt nicht bekannt, und so wird ihm nicht nur die Beschäftigung Goethes mit dem Islam entgangen sein, sondern vermutlich auch die wissenschaftliche Erforschung seines Werkes, die in Berlin gerade neue methodische Wege einschlug.

Im Jahr der kaiserlichen Orientreise veröffentlichte der Berliner Germanist Otto Pniower im Goethe Jahrbuch einen programmatischen Aufsatz „Zu Goethes Wortgebrauch“, in dem er für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten eine systematische Erfassung und Erschließung der Sprachgewalt des Dichters - ein Wörterbuch – forderte. Es sollte noch dauern, bis Pniowers Projekt umgesetzt werden konnte, aber seine Materialsammlung gehört heute zum Besitz der Arbeitsstelle Goethe-Wörterbuch, die 1946 als Unternehmen der Berliner Akademie begründet und unter Beteiligung der Göttinger und Heidelberger Akademien fortgeführt wurde.

Das Vorhaben erfasst heute Goethes über 90 000 Wörter umfassenden Wortschatz auf der Grundlage von über drei Millionen Textbelegen vollständig – darunter seinen persönlichen interkulturellen Dialog mit dem Orient. Christa Dill von der Berliner Arbeitsstelle veröffentlichte 1987 aus dem Gesamtcorpus heraus sogar ein eigenständiges „Wörterbuch zu Goethes West-Östlichem Divan“.

„Wer sich selbst und andere kennt,
wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
sind nicht mehr zu trennen.“ (Goethe)

Heute erinnert in Istanbul der „Deutsche Brunnen“, ein Geschenk Kaiser Wilhelms II. an das türkische Volk, an jene mehr als 100 Jahre zurückliegende Begegnung zwischen den einstigen Repräsentanten von Orient und Okzident.

Wie vielschichtig verwoben die Kultur und Gesellschaft der Region tatsächlich immer schon gewesen ist, bringt ein anderes Akademienvorhaben zutage, das sich seit den 1950er Jahren mit der byzantinischen Geschichte in einer politischen und kulturellen Umbruchszeit beschäftigt. Die „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit“, ein „Who is Who“ am Bosporus zwischen dem 7. und dem 11. Jahrhundert, hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Individuen, die im byzantinischen Kulturkreis in der Zeit der Eroberungszüge der Araber und der Ausdehnung des Islam gelebt haben, zu identifizieren,

Entgegen der Ansicht, dass Christentum und Islam sich seit 630 in unversöhnlicher Frontstellung gegenüberstehen, offenbaren schon die bereits veröffentlichten Informationen über 11 000 Byzantiner und ihre Nachbarn zwischen 641 und 867, dass jenseits der realpolitischen Auseinandersetzung mit den Arabern von einer grundsätzlichen, religiös motivierten Feindschaft nicht die Rede sein kann. Die Auswertung der Quellen ergibt vielmehr das Bild eines faszinierenden Vielvölkerstaats, der sich über Jahrhunderte hinweg einen Großteil des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes der klassischen Antike bewahrte. Sie sammelten zahlreiche antike medizinische Schriften und übersetzten sie ins Syrische, Hebräische und Arabische. Einige für die Medizingeschichte bedeutende Werke des antiken Mediziners Galen von Pergamon sind überhaupt nur in arabischer Sprache erhalten.

Diese orientalischen Texttraditionen bilden einen Teil der Quellengrundlage für das „Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum“, ein Akademienvorhaben, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, sämtliche überlieferten antiken medizinischen Schriften umfassend zu entziffern, zu übersetzen, zu kommentieren und schließlich für die weitere Forschung bereitzustellen.

Während das Projekt eines Corpus antiker medizinischer Schriften – das dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feierte – an der einst Preußischen Akademie erst noch vorbereitet wurde, betrat der deutsche Kaiser das Heilige Land und nahm in Jerusalem an der feierlichen Einweihung der protestantischen Erlöserkirche teil. Kurz danach traf er sich mit einer zionistischen Gesandtschaft unter der Führung von Theodor Herzl, doch der Dialog über das Ziel einer Staatsgründung der Juden in Palästina blieb freundlich indifferent.

Der 20 Jahre junge jüdische Philosoph Martin Buber wird damals diese Begegnung wohl mit Interesse verfolgt haben, hatte er doch selbst 1898 in Leipzig einen zionistischen Zirkel gegründet und begonnen, sich mit Herzls Ideen auseinanderzusetzen. Heute dokumentiert die Martin Buber Werkausgabe nicht nur ein gemeinsames Editionsvorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie mit der Israel Academy of Sciences and Humanities, sondern auch eine lange von gegenseitiger Toleranz geprägte christlich-jüdisch-muslimische Verständigung.

Ein Beitrag zu solcher Verständigung kann auch ein jüngstes Unternehmen der Akademie sein. Unter dem Titel „Corpus Coranicum“ hat dieses Jahr die wissenschaftliche Arbeit an der Textgeschichte des Korans begonnen. Die Stiftungsurkunde für die neue Religionsgemeinde entstand als Text nicht in einem kulturellen Vakuum, sondern musste von Menschen des 7. Jahrhunderts verstanden werden, die bis dahin in christlichen oder jüdischen Traditionen gelebt hatten. Auf alte Themen wie zum Beispiel Endzeit- oder Heilserwartungen, sollten neue Antworten gegeben werden, und daher finden sich bei vergleichender Betrachtung der Texte von Bibel, Talmud und Koran strukturelle Ähnlichkeiten, die in der neuen Arbeitsstelle von nun an herausgearbeitet werden.

Drei Jahre nach der Rückkehr des Kaisers nach Berlin startete von dort aus die erste von insgesamt vier Orientexpeditionen, die sehr viel weiter nach Osten vordrangen als Wilhelm II., bis zur Turfan Oase in Ostturkistan. So erfolgreich war die erste, dass der Kaiser den folgenden drei Expeditionen seine Schirmherrschaft verlieh. 423 Kisten voller Kunstobjekte und rund 40 000 Textzeugnisse in mehr als 20 Sprachen wurden bis 1914 nach Berlin gebracht und bilden die Grundlage für die Erforschung der vielfältigen Kulturen der antiken Seidenstraßen. Die wissenschaftliche Erschließung dieser Zeugnisse ist eine noch lange unabgeschlossene, interkulturell relevante Aufgabe, an der die Arbeitsstelle „Turfanfoschung“ der Akademie maßgeblich beteiligt ist, die heute vor allem die etwa 13 000 iranischen und alttürkischen Fragmente ediert.

Wie sehr der deutsche „Reise-Kaiser“ vor rund 100 Jahren von gemeinsamen Traditionen überzeugt war, bleibt fraglich, aber dass die Verflechtungen von Europa und dem Nahen Osten so untrennbar sind, wie Goethe es angenommen hat, kann die geisteswissenschaftliche Forschungsarbeit der Berlin-Brandenburgischen Akademie gut begründen.

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