Fortsetzung der Exzellenzinitiative : Exzellente Universität Berlin

Berlins Universitäten erwägen, im nächsten Exzellenzwettbewerb gemeinsam anzutreten. Das birgt Chancen und Risiken.

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Gemeinsam stärker? Eine „Super-Uni durch die Hintertür“ darf der neue Exzellenz-Verbund nicht werden, sagt FU-Präsident Peter-André Alt. Die Unis wollen die eigene Identität, Sichtbarkeit und Autonomie behalten, auch wenn sie noch enger kooperieren.
Gemeinsam stärker? Eine „Super-Uni durch die Hintertür“ darf der neue Exzellenz-Verbund nicht werden, sagt FU-Präsident...Foto: Nitfeld/dpa/p-a

Berlins drei große Universitäten könnten in der nächsten Runde der Exzellenzinitiative gemeinsam nach der Exzellenzkrone greifen. Die Uni-Präsidenten haben sich vor einer Woche darauf geeinigt, „intensiv zu prüfen“, ob sie mit einem Antrag im Verbund in die nächste Exzellenzinitiative starten wollen, berichtet Christian Thomsen, Präsident der TU Berlin. Sogar einen Arbeitstitel für den neuen Verbund haben die Präsidenten schon erfunden: „Berlin University Alliance“. Berlins Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will bei der Entscheidung keinen Druck ausüben. „Mir war bei den Verhandlungen über die Exzellenzinitiative die Option wichtig, sich auch als Verbund bewerben zu können. Aber ich würde in einer gemeinsamen Bewerbung der Universitäten große Vorteile für die Strahlkraft sehen.“

Allerdings scheint die Begeisterung für einen gemeinsamen Antrag unter den Präsidenten bislang noch unterschiedlich stark ausgeprägt zu sein. Thomsen, dessen TU es in den ersten beiden Durchgängen der Exzellenzinitiative nicht unter die Exzellenzunis geschafft hat, malt sich bei einer gemeinsamen Bewerbung neue Chancen aus: „Ich würde das sehr begrüßen“, sagt er.

Die Freie Universität und die Humboldt-Universität müssen jedoch abwägen, ob eine Bewerbung im Verbund für sie besser ist als ein Alleingang. Weil sie den Exzellenztitel bereits alleine errungen haben (die FU sogar zwei Mal), können sie sich prinzipiell zutrauen, ein weiteres Mal alleine zu siegen – und dann als umso stärkere Marke aus dem Wettbewerb hervorzugehen. So klingt Sabine Kunst, die am Mittwoch ihr Amt als Präsidentin der Humboldt-Universität antritt, etwas verhaltener als Thomsen: „Ich finde das schon gut.“

FU-Präsident Alt steht der Sache "grundsätzlich positiv" gegenüber

Auch FU-Präsident Peter-André Alt sagt nur, dass er der Sache „grundsätzlich positiv“ gegenübersteht. Die FU hätte unter den Berliner Universitäten die höchsten Chancen auch im Alleingang, wie ein Kenner meint. Denn sie habe ihre inneren Abläufe anders als die HU bereits durchgängig exzellenztauglich organisiert. Könnte eine gemeinsame Bewerbung angesichts der aktuellen FU-Stärke im Innern der FU darum auf Widerstand stoßen? Alt sagt: „Es ist ein scharfer Wettbewerb. Im Verbund sind die Risiken geringer.“

Tatsächlich haben Bund und Länder in der kommenden Exzellenzinitiative für Verbünde eine etwas niedrigere Hürde vereinbart. Bewirbt sich eine Uni alleine um den Status der „Exzellenzuni“, muss sie im Vorfeld zwei Cluster eingeworben haben (bisher reichte eins). Tun sich aber zwei oder mehrere Unis im Verbund zusammen, muss jede beteiligte Uni nur ein Cluster einwerben, zusammen müssen es mindestens drei sein.

Das ist auch mit Blick auf die nächsten Jahre und gar Jahrzehnte ein wichtiger Punkt. Denn die gekürten Unis sollen alle sieben Jahre daraufhin evaluiert werden, ob sie weiterhin als „Exzellenzunis“ gefördert werden. Sollte es dann bereits an der Fördervoraussetzung mangeln – eben zwei respektive drei Cluster –, wäre es mit den Privilegien vorbei. Ein starker Verbund könnte aber gleich fünf Cluster einwerben. Sollten beim nächsten Clusterwettbewerb sieben Jahre später zwei wegbrechen, blieben immer noch genug, um sich auf dem Eliteolymp halten zu können.

Entsteht die "Superuni" durch die Hintertür?

Neben solchen strategischen Vorteilen einer gemeinsamen Bewerbung sind aber auch Risiken zu diskutieren. Kann eine gemeinsame Bewerbung die einzelne Uni etwa Sichtbarkeit, Profil und Autonomie kosten? Entsteht vielleicht genau jene Berliner „Superuni“, gegen die sich Berlins Uni-Präsidenten vor neun Jahren so leidenschaftlich gewehrt haben? „Heute denkt niemand mehr an eine Fusion“, sagt FU-Präsident Alt. „Aber klar, man muss vermeiden, dass die Superuni durch die Hintertür eingeführt wird. Das ist das Risiko eines Verbundantrags.“

Im Jahr 2007 hatte Berlins damaliger Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) einen schweren Streit entfacht. Kaum hatte die FU ihren unerwarteten Exzellenzsieg errungen, hatte Zöllner seinen Plan zur Gründung einer „internationalen Einrichtung neuen Typs“ bekannt gegeben, mit der Berlins Forschung sichtbar in die Weltspitze vorstoßen sollte. In dieses „Berlin International Forum of Excellence“ sollten 100 renommierte Wissenschaftler aus Berlin und dem Ausland mit hohen Anreizen gelockt werden, zugleich aber ihrer Heimatinstitution verbunden bleiben. Die neue „Tochterinstitution“ der Berliner Unis sollte selbst „handlungsfähig“ sein und über ein eigenes Budget verfügen. 500 Master-Studierende und Doktoranden sollten dort betreut werden.

Während Zöllners Plan von manchen Wissenschaftlern begrüßt wurde, entfachte er zugleich einen Sturm der Entrüstung. Nicht nur die Uni-Präsidenten, sondern auch die DFG, die Hochschulrektorenkonferenz sowie die Berliner CDU kritisierten, Zöllner versuche, aus Filetstücken der Unis eine neue Hochschule zu gründen, während die Mutter-Unis „ausgeblutet“ zurückbleiben würden. Das Forum wurde nicht gegründet, als Kompromiss entstand die Einstein-Stiftung.

Für Jürgen Zöllner ist eine gemeinsame Bewerbung "ein Traum"

Dem Eindruck, er wolle die besten Bereiche der Berliner Unis aus ihnen herauslösen, hat Zöllner schon damals heftig widersprochen, und er sagt noch jetzt auf Anfrage: „Ich wollte nie die guten Teile aus den Unis rauslösen, das wäre auch töricht gewesen. Aber sie gemeinsam sichtbar und unter Umständen zielgerichtet handlungsfähig zu machen, macht schon Sinn.“ Zu der nun möglichen Bewerbung im Verbund sagt Zöllner: „Für Berlin wäre das ein Traum.“

Berlins Wissenschaft als dauerhaft vom Bund geförderter Verbund – das hat Zöllner sich schon vor Jahren gewünscht. Als die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) im Jahr 2011 ihre Idee von „Bundesunis“ in Umlauf brachte, erklärte er „Bundesunis“ für „zweitrangig“ gegenüber der Bundes-Förderung eines Verbundes. „Ganz Berlin als Bundesuni“, titelte damals der Tagesspiegel. So ähnlich könnte es nun kommen.

Was könnte ein Verbund der Berliner Wissenschaft aber an Mehrwert bringen? In dem zu schreibenden Zukunftskonzept soll es ja gerade nicht um weitere gemeinsame Forschungsprojekte gehen, sondern um Themen aus dem Bereich der „Governance“. Dass Berlins Universitäten nun ihre Verfassungen angleichen, kann damit wohl kaum gemeint sein. Und sonst? „Gemeinsame Präsidiumssitzungen sind denkbar, gemeinsame Sitzungen der Akademischen Senate wären aber nicht zielführend“, sagt FU-Präsident Peter-André Alt.

Digitalisierung könnte ein Querschnittsthema sein

Als denkbare gemeinsame operative Bereiche nennen die Unipräsidenten das große Querschnittsthema Digitalisierung, den Wissenstransfer, zu dem auch die Ausgründung von Unternehmen gehört, die Ausgestaltung der Nachwuchsförderung (besonders des Tenure Tracks) oder die gemeinsame Unterstützung von neuberufenen Dual-Carreer-Paaren sowie den Austausch von Verwaltungspersonal. Auch die Internationalisierung kommt infrage. So sagt FU-Präsident Alt, die FU könne ihre Verbindungsbüros im Ausland auch der HU und der TU öffnen. Bei ihrer Selbstdarstellung im Ausland sollten sich die Unis aber auch weiterhin einzeln vermarkten: „Dafür braucht man die Identität der einzelnen Uni, alles andere wirkt leblos“, sagt Alt.

Günter Stock, der Vorsitzende der Einstein-Stiftung, schlägt vor, die Unis könnten auch ihre „zentralen strategischen Berufungen“ miteinander abstimmen. „Wir sind nicht Stuttgart, wir sind nicht München, wir sind die Hauptstadt!“, sagt Stock, begeistert von der Perspektive einer Bewerbung im Verbund. „Wir haben schon historisch eine Verpflichtung, Berlin voranzubringen.“

Doch wenn es um Berufungen geht, sind die Uni-Präsidenten stark auf Autonomie bedacht: „Berufungen müssen eine Sache der einzelnen Universität bleiben“, erklärt Alt. Und TU-Präsident Thomsen sagt, die Schwerpunkte in der Forschung seien unter den drei Unis bereits komplementär verteilt – ein Effekt auch der großen Sparmaßnahmen von 2003/2004. „Völlige Komplementarität ist nicht notwendig.“ So würden im Zuge der großen Berliner Digitalisierungsstrategie womöglich sowohl die FU als auch die TU ihre Informatik stärken. Die Unis hätten dem Senat bereits mitgeteilt, dass sie bei der Ausgestaltung ihrer Fachgebiete „mehr Autonomie“ wünschen. Für denkbar gehalten wird es aber, dass die Berliner Unis im Falle einer Bewerbung im Verbund einen gemeinsamen Pool mit Professuren anlegen, auf die strategisch wichtige Spitzenforscher berufen werden können, nach dem Vorbild der sechs „Innovationsprofessuren“ der TU.

Die Steuerung eines Verbundes? "Kann fummelig werden"

Wie wird sich ein so großer Verbund steuern lassen? Schließlich werden auch wieder zahlreiche außeruniversitäre Institute beteiligt. Entsteht etwa ein bürokratisches Monster? „Das wollen wir natürlich vermeiden“, sagt Sabine Kunst. „Es kann aber fummelig werden.“ Horst Bredekamp, einer der Sprecher des HU-Clusters „Bild-Wissen-Gestaltung“ und einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, sieht die Gefahr, dass sich „ein Großgebilde in großen Runden erschöpfen und die Konturen unserer Stärken abschleifen würde“. Eine Bewerbung im Verbund sieht er darum skeptisch: „Die beste Zusammenarbeit geschieht aus klaren wissenschaftlichen Problemstellungen heraus, nicht aus institutionellen Überlegungen. Falls es aber wissenschaftspolitisch geboten erscheint, kann auch ein Verbund organisiert werden.“

„Nicht ganz einfach“ werde der Antrag auch wegen der „Konkurrenzsituation zwischen den Berliner Universitäten“, gibt Kunst zu bedenken. Allerdings ist die Lage heute deutlich entspannter als früher: „Der Austausch zwischen den Universitäten funktioniert sehr gut. Das liegt am gewachsenen Selbstbewusstsein“, sagt Peter-André Alt: „Vor zehn Jahren gab es noch wechselseitige Gereiztheiten.“ Damals wäre eine gemeinsame Berliner Bewerbung wohl ausgeschlossen gewesen.

In wenigen Monaten soll die Entscheidung fallen – unter Einbeziehung der Meinung der Fakultäten und der Gremien.

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