Frauen und Männer : Willst Du mit mir Gen?

Eigentlich dachte unsere Autorin, sie hätte ihren Traummann längst gefunden. Aber hält ihr Gefühl auch einer genetischen Überprüfung stand? Sie machte den Test.

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Vor ihm habe ich mir manchmal vorgestellt, wie das wäre, morgens aufzuwachen, den Menschen anzuschauen, der neben einem liegt, und dabei zu denken: Sicher gibt es da draußen noch einen Besseren, eigentlich warte ich nur darauf, dass es vorbeigeht. Seit ihm wache ich morgens auf, schaue ihn an und denke: Kein Traum könnte schöner sein, und wenn das vorbeigeht, dann ist alles vorbei. Und dann lache ich, denn natürlich liegt da ein Mann, der mich manchmal zur Verzweiflung treibt, mich wütend macht, mich zum Weinen bringt. Dass ich ihn liebe, daran besteht für mich trotzdem kein Zweifel. Auch nicht, wenn er mal wieder das dreckige Geschirr stehen lässt oder beim Essen vor dem Fernseher aufs Sofa krümelt.

Aber wieso liebe ich ausgerechnet ihn?

Das Internet weiß ja alles, wahrscheinlich kennt es auch eine Antwort auf diese Frage, und nachdem ich die Suchwörter „Liebe“, „Wissenschaft“ und „Gene“ bei Google eingegeben habe, lande ich auf der Seite des Schweizer Unternehmens „Gene Partner“. In seinem Online-Auftritt wirbt es mit dem Slogan „Liebe ist kein Zufall“ und verspricht „Partner-Matching mit Hilfe modernster DNA-Analyse“. Ein Gentest soll Aufschluss darüber liefern, ob zwei Menschen zusammenpassen. Was man sich selbst nicht genau erklären kann, übernimmt also die Wissenschaft für einen. Und die hat zur zwischenmenschlichen Anziehung ihre ganz eigenen Thesen. Wer sich mit ihnen beschäftigt, kommt zu dem wenig romantischen Schluss: Liebe ist ein einziger biochemischer Ausnahmezustand.

So haben Forscher herausgefunden, dass bereits bei der ersten Begegnung menschliche Urinstinkte aktiviert werden. Symmetrische Gesichtszüge und ein bestimmtes Verhältnis von Taille zu Hüfte zum Beispiel signalisieren einem Mann: Das weibliche Gegenüber ist gesund und in der Lage, ein Kind auszutragen. Frauen hingegen achten unterbewusst auf markante Wangen- und Kieferknochen, denn die lassen auf einen hohen Testosteronspiegel und somit auf Potenz und Fertilität schließen. Außerdem haben Untersuchungen ergeben, dass bei langfristigen Beziehungen das bindungsfördernde Hormon Oxytocin von Bedeutung ist. Der weibliche Körper schüttet es nicht nur beim Stillen eines Kindes aus, sondern auch beim Sex. Nicht zu vergessen der natürliche Geruch eines Menschen. Er entsteht im Zusammenspiel aus Hautflora, Ernährungsgewohnheiten und Sexuallockstoffen, den Pheromonen. Letztere werden über ein Organ wahrgenommen, das sich im vorderen Teil der Nasenscheidewand befindet.

Ich kann mich nicht erinnern, wie der Mann des Herzens bei unserer ersten Begegnung gerochen hat. Offensichtlich aber gut, denn dem ersten Treffen folgte ein zweites, ein drittes, ein viertes ... Nun sind wir seit über sechs Jahren zusammen, zwei davon verheiratet, und allein dieser Umstand deutet darauf hin, dass sein natürlicher Körpergeruch zumindest nicht gegen eine Beziehung spricht.

Mit Indizien will ich mich aber nicht zufriedengeben. Deshalb bestelle ich einen Test bei „Gene Partner“ für 99 US-Dollar, umgerechnet etwa 67 Euro. Wenige Tage später liegt das Entnahmeset für die DNA-Proben im Briefkasten: zwei in Folie verpackte Abstrichbürstchen, die an die Teile erinnern, die einem der Zahnarzt zur Reinigung der Zahnzwischenräume empfiehlt. Nur dass man genau das vor der Probeentnahme nicht machen darf. Ebenso wenig soll man vorher etwas essen und trinken, schon gar nichts Koffein- und Zuckerhaltiges. Ich folge den Instruktionen des Beipackzettels, der Mann des Herzens tut es ebenfalls. Dabei fühle ich mich wie ein Tatverdächtiger, der zu einem Gentest einbestellt ist, nur dass ich mich selbst eines Verbrechens verdächtige: des Verbrechens, mit dem Mann des Herzens biologisch womöglich nicht zusammenzupassen.

Aber wäre das wirklich so schlimm? Würde ein negatives Ergebnis unsere Beziehung tatsächlich beeinflussen? Ich weiß es nicht. Und ich weiß es auch nicht, als ich vier Wochen später eine E-Mail von „Gene Partner“ erhalte. Darin steht: „Ihre Proben wurden im Labor untersucht, aber leider wurde nicht genug DNA gefunden. Dies kommt sehr selten vor. Wir werden Ihnen heute ein neues Probeentnahmeset zukommen lassen.“

Ich bin verunsichert. Hat das etwas zu bedeuten? Die Kollegen, denen ich vom Test erzählt habe, tuscheln. Einer schiebt mir einen Zettel mit der Nummer eines Anwalts über den Schreibtisch, für den Fall einer Scheidung. Auffallend ist, dass sich meine Mitmenschen zwar sehr für den Ausgang des Tests interessieren, ihn selbst aber nicht durchführen wollen. Ist das Intuition? Selbstvertrauen? Glaube an eine romantische Vorstellung von Liebe?

Bei der Wiederholung will ich nichts mehr meiner eigenen Unfähigkeit überlassen. Diesmal muss ein Profi ran: der Chef der Berliner Rechtsmedizin, Michael Tsokos. Für ihn ist eine Speichelentnahme Alltag. Wenn er es nicht schafft, mit Hilfe der Abstrichbürstchen genügend DNA-Material für die Analyse sicherzustellen, dann muss etwas nicht stimmen. Mit mir und dem Mann des Herzens. Mit dem Test. Oder mit beidem. Immerhin führt „Gene Partner“ den zweiten Durchgang kostenlos durch, was das Mindeste ist, nach all der Anspannung der letzten Wochen.

Diesmal vergehen knapp anderthalb Monate, dann erhalte ich eine E-Mail, mein Herz schlägt schneller: „Ihre Resultate sind da.“ Dazu Login-Daten, mit denen ich auf der Internetseite des Unternehmens mein Ergebnis abrufen kann. Die Wahrheit liegt nun nur noch ein paar Maus-Klicks entfernt. Ist es die große Liebe oder der große Selbstbetrug?

Joelle Apter lacht, als ich ihr am Telefon von meiner Angst vor dem Testergebnis erzähle. Sie ist Biologin und Mitbegründerin von „Gene Partner“. Seit gut anderthalb Jahren gibt es das Unternehmen, über 1000 Tests sind in dieser Zeit durchgeführt worden. Dafür werden im Labor bestimmte Gene analysiert, die sogenannten HLA-Gene. Sie befinden sich auf Chromosom 6 und stellen sicher, dass die Immunabwehr Fremdes von Körpereigenem zu unterscheiden vermag. Über die Rezeptoren der Zellen, die für die Immunabwehr zuständig sind, erkennen sie Krankheitserreger und bekämpfen diese. In der Bevölkerung treten HLA-Gene in zahlreichen Ausprägungen auf. Je mehr sich die eigenen von denen des Partners unterscheiden, was man unterbewusst über den Körpergeruch wahrnimmt, desto stärker fühlt man sich voneinander angezogen – die Natur funktioniert nach diesem Prinzip, damit der Nachwuchs mit möglichst guten Abwehrkräften ausgestattet ist. Die HLA-Typen der beiden getesteten Personen werden dann bei „Gene Partner“ in einen Algorithmus eingespeist, der auf der Datengrundlage von mehreren tausend Paaren basiert, die zwischen fünf und 30 Jahren zusammen sind. Heraus kommt eine Prozentzahl, die die biologische Verträglichkeit und sexuelle Attraktivität angibt: Ein hoher Wert verspricht gute genetische Voraussetzungen für eine lange Beziehung.

Es sind zumeist Singles, die sich bei „Gene Partner“ testen lassen, sagt Joelle Apter. In Anspruch genommen werde das Angebot vor allem von Menschen, die sich auf sogenannten Partnerbörsen im Internet kennengelernt haben. Und die bei der Vielzahl von Kontakten, die sie im Netz machen, eine Entscheidungshilfe brauchen: Mit wem lohnt sich ein Treffen, vor allem in Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft? Der Gentest, den man mit seiner jeweiligen Verabredung vor dem ersten Date durchführt, kann böse Überraschungen verhindern. „Es ist doch so: Man hat große Erwartungen an den anderen, weil seine Stimme am Telefon gut klingt, weil er nette E-Mails schreibt“, sagt Joelle Apter, „und wenn man sich nach langem Hin und Her trifft, ist die Enttäuschung womöglich umso größer, wenn man sich körperlich nicht angezogen fühlt.“ Solchen Erlebnissen könne man von vornherein vorbeugen.

Wenn Liebe doch wirklich so einfach funktionierte. Doch ein gutes Testergebnis garantiert keine glückliche Partnerschaft. Neben der biologischen Komponente zählt auch die soziale: Hat man ähnliche Lebensziele, ähnliche Werte- und Moralvorstellungen? Joelle Apter erzählt, dass sie den Test mit ihrem Ehemann durchgeführt hat, ihr Resultat lag bei etwas mehr als 70 Prozent. Kein Top-Resultat, aber ein gutes. Danach wiederholte sie ihn mit einem Bekannten, den sie nett fand, „um meine eigene Wahrnehmung zu überprüfen“. Das Fazit: Mit ihm erzielte sie ein besseres Ergebnis. „Trotzdem könnte ich mit diesem Mann nicht zusammenleben und Kinder haben, dazu wären wir in unseren Ansichten einfach zu verschieden.“

Bevor ich mein Testergebnis im Internet abrufe, bereite ich mir einen Kamillentee, der beruhigt die Nerven. Dann setzte ich mich vor den Computer, logge mich ein und halte die Luft an, bevor ich einen Blick auf das Balkendiagramm werfe. Das Resultat liegt bei 80 Prozent, zwischen „gut“ und „fantastisch“.

Als ich dem Mann des Herzens beim Abendessen davon erzähle, zuckt er mit den Schultern. Dann sagt er, dass ihm das ziemlich egal sei. Auch wenn das Ergebnis bei 0,5 Prozent läge, hätten wir uns gefunden und geliebt. So wie jetzt, so wie immer. Dann steht er auf. Das schmutzige Geschirr lässt er stehen.

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