FREIE Sicht : Bildung nicht ans Doping ausliefern

Es gibt Menschen, die aufgrund einer zerebralen Schädigung von Geburt an oder durch Unfälle in ihren Möglichkeiten behindert werden, sprechen, schreiben oder ganz einfach das Leben zu lernen. Die Grenze zwischen dieser Gruppe und solchen Menschen, die ihrer Konzentrationsfähigkeit auf die Sprünge helfen wollen, ist leider nicht klar. Es existiert keine Messtheorie, die arithmetische Angaben über mehr oder weniger Konzentrationsfähigkeit erlaubt. Das mag der Grund dafür sein, dass der Ritalin-Konsum sich innerhalb von zehn Jahren fast verachtfacht hat und dass es inzwischen fast selbstverständlich scheint, wenn Studierende sich vor einer ihrer endlosen Klausuren das Zeug „einwerfen“, also „Neuro-Enhancement“ betreiben.

An dieser Stelle entsteht ein bildungstheoretisches wie -politisches Problem: Wollen wir ein Bildungssystem, dessen erfolgreiches Durchlaufen wahrscheinlicher wird, wenn man Methylphenidat geschluckt hat? Ist eine Gesellschaft auf dem richtigen Weg, deren Ausbildungserwartungen an die nachwachsende Generation die Einnahme von Substanzen beinhalten? Eine komplexe ethische Thematik.

Grundsätzlich gäbe es nur zwei Rechtfertigungsgründe. Erstens die Behauptung, die Einnahme lernfördernder Substanzen sei im Interesse des Individuums oder zweitens in demjenigen der Gesellschaft. Die erste Annahme wäre nur dann richtig, wenn der Gedanke der Chancengerechtigkeit weit über die Zugangsfreiheit zu allen Bildungseinrichtungen entsprechend der eigenen Begabung ausgeweitet wird auf den Zugang zu psychotropen Medikamenten. Man verließe auf diese Weise den Gedanken der in der Person liegenden Bildungsmöglichkeiten, deren Entfaltung Gerechtigkeit verlangt, also eine naturphilosophische Rechtfertigung zugunsten einer technischen nach dem Muster: Was möglich ist, darf auch gemacht werden. – Man sieht die Transformation und die Verkürzung des Bildungsgedankens nicht nur auf „learning to the test“, sondern „doping to the test“.

Die zweite Rechtfertigungslinie generiert sich etwa wie folgt: Wenn es global Gesellschaften gibt, die sich Vorteile dadurch verschaffen, dass sie ihre Mitglieder im Bildungsprozess dopen, sei es sittlich nicht erlaubt, der nachwachsenden Generation in der eigenen Gesellschaft diese Möglichkeit vorzuenthalten, denn dadurch habe diese langfristig das Nachsehen und der Verlust an Lebensqualität gehe wieder zulasten jedes Einzelnen. Aber kann eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern einen medizinischen Eingriff in ihr Zerebralsystem verlangen, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen? Eines ist klar: Der erste Schritt würde die Erlaubnis sein, der zweite die Erwartung.

Wir stehen vor einer schwierigen Debatte. An ihrem Ende könnte schlimmstenfalls die Auslieferung des Bildungssystems an das Gesundheitssystem stehen.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und schreibt jeden dritten Montag über aktuelle Themen und Debatten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben